Literatur

Dystopisch: Cordula Simons Roman "Die Wölfe von Pripyat"

Mit Wetterberichten lässt sich keine Politik machen - glaubt man. Als Wettermoderator Sandor sich weigert, Meldungen über das kontrollierte ungefährliche Weitertreiben einer Riesen-Aschewolke vom Teleprompter abzulesen, weil er sie für nicht plausibel hält, macht er andere Erfahrungen. Er wird rasch als potenzieller Regimefeind eingestuft. Denn wir befinden uns nicht in der ORF-Serie "Walking on Sunshine", sondern in "Die Wölfe von Pripyat", dem neuen Roman von Cordula Simon.

Autorin Cordula Simon las 2013 beim Bachmann-Preis SN/APA/GERT EGGENBERGER/GERT EGGENB
Autorin Cordula Simon las 2013 beim Bachmann-Preis

Während sich die Gegenwarts-Großwetterlage durch Erderwärmung, Pandemie und nun auch durch Krieg weiter verdüstert, kommen immer weitere literarische Dystopien auf den Markt. Heimische Autorinnen scheinen dabei besonders technikaffin zu sein. Die titelgebende Hauptfigur von Raphaela Edelbauers mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichneten Roman "DAVE" war ein mit der Fähigkeit zur Weiterentwicklung und Selbstoptimierung ausgestatteter Supercomputer mit unvorstellbar großer Rechnerleistung. In der Brave New World according to Cordula Simon ist fast jeder "gecrispert" oder "gelogged". Mit der Genschere lässt sich der Nachwuchs nahezu maßschneidern, mit einem Chip unter der Haut, der ununterbrochen neue Entscheidungs- und Zugriffsrechte urgiert, übergibt man die Kontrolle seines Lebens an einen "Log". Der Mensch wird ferngesteuert.

Man hat zwar über seinen "Log" - der, personalisiert und mit eigenem Kosenamen versehen, bald zum besten Freund und Partner wird - Zugang zum allumfassenden Wissen, dieser ist jedoch streng geregelt. Denn die herrschende "Toleranzunion" ist in Wahrheit alles andere als tolerant und ihr Zentralorgan, der "Aufrichtige Äther", alles andere als aufrichtig. Unter dem Vorwand der Rücksichtnahme auf Randgruppen wird eine allumfassende Nivellierung betrieben, die vom perfekten Überwachungsstaat kontrolliert wird.

Cordula Simon, 1986 in Graz geboren, studierte deutsche und russische Philologie in Graz und Odessa, wo sie einige Jahre lebte. Schon in ihren Büchern "Der potemkinsche Hund" (2012), "Ostrov Mogila" (2013) und "Wie man schlafen soll" (2016) bewies sie große Affinität zu möglichen Apokalypsen, und auch "Die Wölfe von Pripyat" könnte einen ganz und gar deprimieren. Doch es gibt Widerstand, und mit dem beschäftigt sich der Roman, den man sich in seiner Mischung aus Spannung und Düsternis, politischer und technischer Zukunftswarnungen hervorragend als Film vorstellen kann.

Die erzählerische Gegenwart "im Jahr 1016 des Konsuls" schildert den Ausbruch einer Gruppe von Menschen aus einem Umerziehungslager, in das alle der Aufsässigkeit oder auch nur der Unzuverlässigkeit Verdächtigten gesteckt werden. Immer wieder springt Simon zur Vorgeschichte und verrät so nach und nach die Entwicklung des herrschenden Regimes und die Hintergründe der Figuren. Die Geflohenen machen sich auf in Richtung Osten, auf der Suche nach der "Goldenen Stadt" und der "Gelehrtenrepublik", wo freies Denken noch möglich ist. Doch gibt es die wirklich? "Alle Angaben waren etwa so belastbar wie damals, als Menschen sich nicht impfen ließen, oder glaubten, die Erde erwärme sich nicht."

Und "Die Wölfe von Pripyat"? Über die hatte die Frau des Wettermoderators als bei Kindern beliebte "Tante Brause" gerne Märchen erzählt: "Es war vor tausenden Jahren um Viertel nach drei, da lebten unter lachendem Himmel Wölfe im verzauberten Walde Pripyats." Heute sollen sie eine Terrorgruppe bilden, auf die auch in Rollenspielen im großen, umfassenden virtuellen Raum Jagd gemacht wird. Die Märchen des Systems entpuppen sich als die größten Albträume - so wie die Aschenwolke, die von einem bewusst herbeigeführten Vulkanausbruch stammt und gegen die "Goldene Stadt" eingesetzt werden soll.

Eigentlich hätte doch der Log dafür sorgen sollen, dass alle Albträume verbannt werden und den Menschen nicht nur ein gutes Leben, sondern auch ein friedlicher Schlaf ermöglicht wird? Und doch droht schon die nächste Gefahr: Ein Sonnensturm brächte die Auslöschung allen digitalen Lebens mittels Magnetismus. - "Die Wölfe von Pripyat" sind spannend, beklemmend und beunruhigend. Und haben damit derzeit leider nur eine Konkurrenz: die aktuellen Nachrichten.

(S E R V I C E - Cordula Simon: "Die Wölfe von Pripyat", Residenz Verlag, 400 Seiten, 25 Euro, Lesungen: 28.2.: Literaturhaus Graz; 1.3.: Alte Schmiede, Wien, gemeinsam mit Josef Haslinger und Elias Hirschl; 25.3. beim Literaturfestival Wortspiele Wien, https://www.cordula-simon.at/)

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Aufgerufen am 25.05.2022 um 05:27 auf https://www.sn.at/kultur/literatur/dystopisch-cordula-simons-roman-die-woelfe-von-pripyat-117734188

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