Literatur

Hingehorcht und aufgespießt: Friedrich Achleitners "wortgesindel"

Der Architekt war auch ein Sprachkünstler. Seine Bücher - wie zum Beispiel "Wortgesindel" - sind im Zsolnay-Verlag erschienen.

Ein geschwätziger Lift, eine O-Ton-Lawine und ein Zephrasyndrom, Herr Dings, Herr Möchtegern und Frau Zweifel - alle haben sich unter das "wortgesindel" gemischt, das Friedrich Achleitner in seinem neuen Buch versammelt hat. Es sind an die hundert Miniaturen, Dialoge, Sprachspielereien, Aphorismen und Gedichte zwischen Originalität der Sprache und Banalität des Lebens. Das Buch war ein Vorbote zum 85. Geburtstag, den der im Innviertler geborene Architekturkritiker und Veteran der Wiener Gruppe am 23. Mai 2015 gefeiert hat. Gelegentlich lässt Achleitner Freunden, Kollegen und Mitstreitern von damals in seinen Texten eine Grußbotschaft zukommen: Gerhard Rühm erhält "die traurige Mitteilung": "ich bin für das jetzt viel zu langsam. (...) so werden die vergangenheiten immer viel schöner, als sie jeweils waren. diese schweine." Und Oswald Wiener wird vom Kellner im Café Alt Wien beschieden, die bestellten "Wienerli" führe man nicht, "da müssen sie schon in die schweiz fahren. darauf herr wiener forsch: sie trottel, ich kann doch nicht wegen des saublöden wortspiels eines innviertlers extra nach zürich fliegen."

Saublöd ist natürlich rein gar nichts an diesen wunderbaren Texten, die bloß genau hinhorchen, was da so alles geredet wird, und dies nicht selten dialogisch wiedergeben. Der Dreh ins Absurde ist oft nur ein klitzekleiner, etwa beim Treffen zweier Alter: "der eine: du, ich kenn den prillinger ferdl jetzt schon vierzig jahr. glaubst, mir fallert sein name noch ein? der andere: da kann ich dir nicht helfen, ich hör den namen heute zum ersten mal."

Nicht die kunstvollen Möglichkeiten, die Sprache abseits kommunikativer Aufgaben für Dichter und Verdichter bereithält, sondern das ironische Aufzeigen des allgegenwärtigen sorglosen Umgangs mit ihr, stehen im Mittelpunkt dieser funkelnden Stücke, die den Kalauer ebenso wenig scheuen wie die Pointe.

Es sind Beobachtungen aus nahezu jedem Anlass, ob U-Bahn-Fahrt oder Wirtshausbesuch, und Bemerkungen für jede Jahreszeit - nicht nur, weil Achleitner die Herren Herbsthofer, Frühlinger, Sommersacher und Winterstein überlegen lässt, das Fünfhaubenrestaurant "Vier Jahreszeiten" aufzusuchen.

Und für das nahende Osterfest scheint ein entzückender Vierzeiler passend: "er traute seinen augen nicht / und auch nicht seiner nase / er machte seine löffel dicht / vermutlich war er hase".

Buch: Friedrich Achleitner: "wortgesindel", 112 Seiten, Zsolnay Verlag, Wien, 2015.

Quelle: SN, Apa

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