Literatur

Literaturnobelpreis geht an Abdulrazak Gurnah aus Sansibar: Einer, der nicht heimisch werden kann

Zwischen zwei Welten lebt Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah: Auch in seinem Werk ist die Entwurzelung ein zentrales Thema.

Literaturnobelpreis 2021 geht an Abdulrazak Gurnah. SN/www.picturedesk.com/james veysey
Literaturnobelpreis 2021 geht an Abdulrazak Gurnah.

Im Alter von achtzehn Jahren kam Abdulrazak Gurnah von Sansibar nach Großbritannien, wo er heute noch lebt. Er musste flüchten, als 1963 das britische Protektorat unabhängig wurde und die schwarze Mehrheitsbevölkerung die Jagd auf die arabischstämmige Oberschicht eröffnete. Exil wurde zur prägenden Erfahrung, Afrika zu seinem lebensbestimmenden Thema. Im einflussreichen Verlagshaus Penguin gab er die "African Writers Series" heraus, die jenen ein Forum bot, die mit Mitteln der Literatur aus erster Hand von afrikanischen Verhältnisse erzählten.

Sein eigenes Schreiben ist diesem verwundeten Kontinent gewidmet. Er wird nicht müde, den Europäern aufzuzeigen, welche Folgen der Kolonialismus für die Bewohner Afrikas hatte und wie sich diese bis in die Gegenwart verlängern. Europäer als Profiteure des auf Ausbeutung basierenden Systems verlieren dessen zerstörerische Energie auf afrikanische Lebenswelten schnell aus dem Blick. Die afrikanischen Menschen aber als Leidtragende vergessen nicht.

Als Zeuge von Gewalt, der er selbst geworden ist, ist Abdulrazak Gurnah wichtig, den Menschen nahe zu kommen, denen das Unsägliche zugemutet wird, deshalb dieses hohe Maß an Empathie. Als Erzähler verfügt er souverän über die Mittel, sein Publikum am Leben der Anderen teilhaben zu lassen ohne sich auf einen leicht durchschaubaren Realismus zu verlassen. Dazu ist er zu intensiv durch die Schule der Moderne gegangen, die ihm vorzeigte, was die Form leisten kann, um Innenwelt und Außenwelt miteinander in Beziehung zu setzen.

Das unternimmt er im Roman "Donnernde Stille", in dem er einen Mann in den Mittelpunkt rückt, der von England in sein Herkunftsland Sansibar aufbricht und dort die Erfahrung machen muss, dass europäische und afrikanische Vorstellungen über den jeweils anderen Kontinent nicht zusammenpassen, ja dass die Idee einer multikulturellen Gesellschaft vielleicht nichts anderes als eine große Illusion ist.

Als eine hochmütige Gesellschaft steigt die europäische bei Gurnah schon aus. So nimmt er, der seine Herkunft nie verleugnet hat und deshalb zwischen zwei Welten zu leben gezwungen ist, die Differenzen wahr und versucht sich als Vermittler. Der Roman erschien in einem kleinen, unabhängigen Verlag, was dem Durchbruch im deutschen Sprachraum hinderlich war. Die Großen aber drückten sich überhaupt um die Aufgabe, afrikanische Literatur zu veröffentlichen, an den Erwartungen des Publikum vorbei geschrieben schätzten sie Gurnahs Bücher sowieso ein.

Zuletzt kam der Roman "Die Abtrünnigen" im Berlin Verlag heraus, der für sein exquisit literarisches Programm bekannt ist. Aber das ist auch schon wieder fünfzehn Jahre her. Dass der diesjährige Nobelpreisträger für Literatur hierzulande ein nahezu Unbekannter ist, liegt an dieser ausschließenden Veröffentlichungspolitik. Qualität allein zählt nicht, um übersetzt und zugänglich gemacht zu werden. Das verwundert besonders in diesem Fall, zumal wir es mit einem Autor zu tun haben, der viele Probleme, unter denen die Weltgesellschaft und nicht eine partikulare leidet, zu seinem Thema macht. Aus eigener Erfahrung erzählt er von Menschen, die entwurzelt ein entfremdetes Leben führen und denen ein Dazugehörigkeitsgefühl abhandengekommen ist. Mit dieser inneren Ausstattung sind sie in einem ihnen fremdem Land untergekommen, in dem sie sich selbst fremd werden.

Es muss als Versäumnis bezeichnet werden, "Die Abtrünnigen" übersehen zu haben. In der Kritik wird mit Lob nicht gespart, nicht selten ist von einem Meisterwerk die Rede. Lernen lässt sich auch noch etwas aus diesem Roman, der Identität unter den Prämissen des Kolonialismus problematisiert.

Zwei Liebesgeschichten aus unterschiedlichen Zeiträumen werden erzählt, die eine an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, die andere in den fünfziger Jahren. In beiden Fällen handelt es sich um "unmögliche" Liebschaften. Einmal ein weißer Orientalist und eine Kenianerin, im zweiten Fall gilt die Frau als eine Verstoßene, mit Fluch Belegte.

Gesellschaftliche Zwänge, wohin man schaut, die Wurzeln liegen im Kolonialismus. Die revolutionäre Stimmung auf Sansibar gibt den Hintergrund ab für die gewaltigen politischen Umwälzungen, die sich abzeichnen und die Menschen so heftig beuteln - ein Buch für unsere Gegenwart. Würden wir mehr Bücher wie jene von Abdulrazak Gurnah lesen, wüssten wir mehr über entwurzelte Menschen und deren Geschichte.

Sie werden Probleme haben, Bücher von ihm auf Deutsch zu erwerben, allenfalls antiquarisch sind sie zu bekommen. Das wird sich ändern, man muss nur etwas Geduld aufbringen.

Nobel-Akademie: "Kompromissloses Durchdringen"

Für den Preisträger war der Anruf der Nobel-Akademie "eine völlige Überraschung", wie Abdulrazak Gurnah in einem ersten Interview mitteilte: "Ich dachte, das wäre ein Streich". Die Akademie sprach dem 1948 geborenen Autor den diesjährigen Nobelpreis am Donnerstag für "sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten" zu.

Als Reaktion auf die Nobelpreisvergabe ordnen Buchhandlungen üblicherweise ihre Schaufenster neu: Von den fünf auf Deutsch erschienenen Büchern Gurnahs ist aktuell jedoch keines lieferbar.

KULTUR-NEWSLETTER

Jetzt anmelden und wöchentlich die wichtigsten Kulturmeldungen kompakt per E-Mail erhalten.

*) Eine Abbestellung ist jederzeit möglich, weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Aufgerufen am 24.10.2021 um 09:30 auf https://www.sn.at/kultur/literatur/literaturnobelpreis-geht-an-abdulrazak-gurnah-aus-sansibar-einer-der-nicht-heimisch-werden-kann-110522413

Kommentare

Schlagzeilen