Kultur

"Suff" in den Wiener Kammerspielen

Elf Jahre nach der erfolgreichen Bühnenfassung von Thomas Vinterbergs Dogma-Film "Das Fest" am Theater in der Josefstadt kehrt der dänische Filmemacher nun mit der Uraufführung seines neuen Stücks ans Haus zurück. "Suff" spielt in der Wiener Oberschicht und zeigt in den Kammerspielen schonungslos, wie der Alkohol vier alternde Damen aus der Realität katapultiert. Donnerstagabend war Premiere.

Kein Alkohol ist auch keine Lösung: "Suff" in den Kammerspielen SN/APA/ROBERT JAEGER
Kein Alkohol ist auch keine Lösung: "Suff" in den Kammerspielen

Was Sache ist, wird bereits klar, als sich der Vorhang hebt. Raimund Orfeo Voigt hat ein Bühnenbild geschaffen, das die Geschichte beinahe schon vorweg nimmt. Wir finden uns im Wohnzimmer einer gediegenen Wiener Altbauwohnung: Weiß getünchte Stuckdecke, Flügeltüren, große Fenster. Bloß verkehrt herum. Oben ist unten, unten ist oben. Auf dem Boden, also an der Decke, liegt Sona MacDonald in weißer Perücke als schwer betrunkene frühere Hautärztin Hedwig, das Schrillen der Gegensprechanlage versetzt sie in die unangenehme Situation, irgendwie aufstehen zu müssen.

Mit diesem eindringlichen Bild startet Regisseurin Alexandra Liedtke in einen Abend, der sich ganz auf die starken Leistungen des Ensembles konzentriert und es in den folgenden 100 Minuten schaffen wird, weder die Moralkeule zu schwingen noch zu verherrlichen, sondern die vielen Nuancen herauszuarbeiten, mit denen Alkohol in unserer Gesellschaft konnotiert ist.

Thomas Vinterberg und sein Co-Autor Mogens Rukov haben ein Setting geschaffen, in dem vier offenbar verwitwete, der besseren Gesellschaft angehörende Damen ein einziges Ziel haben - sich hemmungslos zu besaufen. Zu jeder Tageszeit. An diesem Tag wollen die ehemalige Pianistin und nunmehrige Klavierlehrerin Irma (Elfriede Schüsseleder), die frühere Balletttänzerin Constance (Therese Lohner) und ihre Freundin Marion (Marianne Nentwich) Hedwig abholen, um gemeinsam zum Begräbnis einer Bekannten zu fahren, die sich ins Grab getrunken hat. Doch während sie sich etwas Mut antrinken, wird ihnen klar, dass eigentlich keine von ihnen mehr Autofahren kann. Und so funktionieren sie den Anlass in dem mit leeren Flaschen übersäten Zimmer einfach zur Party um. Ihre Gespräche drehen sich um ihre frühere Bedeutung, die fade Jugend von heute und die wärmende und gelenksschmierende Wirkung russischen Wodkas. Es ist witzig und beklemmend gleichermaßen, wie Sona MacDonald schwankend durch den Raum tanzt oder Lohner gleich zu Beginn kotzend durch die Eingangstüre fällt.

Doch es kommt, wie es kommen muss. Als Hedwig am nächsten Morgen verkatert erwacht, läutet es erneut an der Tür. Doch diesmal ist es ihr Sohn Jacob, der mit seinen Kindern kommt, um seine Mutter für einen vorweihnachtlichen Bummel auf dem Weihnachtsmarkt abzuholen. Als er den Zustand seiner Mutter bemerkt, droht er ihr die Verwandtschaft zu kündigen, sollte sie sich nicht von ihren trunksüchtigen Freundinnen lossagen und sein allerletztes Angebot annehmen, für ihn und seine Kinder am Weihnachtsabend ein Essen auszurichten. Den rechtschaffenen jungen Mann mit lächerlichem Fahrradhelm gibt Martin Niedermair mit großer Hingabe. Selbst gerade von seiner Frau verlassen, die sich nun mit einem unverlässlichen, saufenden, aber offenbar grandiosen Liebhaber vergnügt, sucht er bei seiner Mutter aussichtslosen Halt.

Es ist berührend, Sona MacDonald in weiterer Folge zuzusehen, wie schwer es ihr fällt, den Alkohol in ihrer Wohnung zu entsorgen und sich von ihren - einzigen - Freundinnen loszusagen. Doch gerade diese sind es, die ihr am Heiligen Abend schließlich unter die Arme greifen wollen, um heile Welt zu spielen. Doch schon während der Vorbereitungen sind wieder alle - bis auf Hedwig - besoffen. Und die selbstbewussten Damen bringen es fertig, den jungen David davon zu überzeugen, die heilende Wirkung des Alkohols gegen den Schmerz des Verlassenwerdens zumindest einmal auszuprobieren. Man kann sich vorstellen, wie das ausgeht. Am Ende des Nachmittags - an dem Davids Kinder noch bei der Mutter sind - ist Hedwig der einzige nüchterne Mensch.

Vinterberg zieht die Geschichte noch bis Silvester weiter. Hedwig langweilt sich nüchtern zwischen ihren feiernden Freundinnen. Irgendwie ist es ohne Alkohol auch nicht so super. Auch David steht nicht mehr da und verlangt von ihr das Unmögliche. Er ist am Weihnachtsabend über sich hinausgewachsen. Also trifft Hedwig um Punkt Mitternacht eine Entscheidung...

"Suff" hält das, was es verspricht. Es geht ums Trinken, und zwar nicht ums gelegentliche Feiern, sondern um Alkohol als Lebensgrundlage mit all seinen negativen Auswirkungen. Und doch wohnt dem Trinken hier ein Zauber inne. Vinterberg und Liedtke geben dabei keine Antworten. Sie bilden das ab, was sich wohl in vielen europäischen Haushalten abspielt. Ob man das gut findet, muss jeder für sich selbst entscheiden. Herzlicher Applaus beendete den kurzen, pausenlosen Abend.

(S E R V I C E - "Suff" von Thomas Vinterberg und Mogens-Rukov in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt. Regie: Alexandra Liedtke, Bühne: Raimund Orfeo Voigt. Mit Sona MacDonald, Elfriede Schüsseleder, Therese Lohner, Marianne Nentwich und Martin Niedermair. Weitere Termine: 2., 17. und 18. Februar, 5., 6., 15., 17. und 18. März sowie im April. Infos und Karten unter www.josefstadt.org)

Quelle: APA

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