Theater

Im Theater der Jugend stehen die Zeichen auf Veränderung

Gestern, Donnerstag, wurden in Wien sechs neue Theaterleiterinnen und -leiter berufen: Ein Quartett leitet ab 2023/24 das Schauspielhaus Wien, Werk X und Dschungel Wien bekommen je eine Direktorin. Auch an Wiens größter Bühne für Kinder- und Jugendtheater, dem Theater der Jugend, wird ein Direktionsposten neu besetzt: Ausgeschrieben ist dort die kaufmännische Direktion, nicht die künstlerische. Diese bekleidet seit der Saison 2002/03 Thomas Birkmeir.

2013 wurde Thomas Birkmeir mit einem Nestroy ausgezeichnet SN/APA/HERBERT NEUBAUER/HERBERT NEU
2013 wurde Thomas Birkmeir mit einem Nestroy ausgezeichnet

Birkmeir, der 2013 den Nestroy-Preis für "10 Jahre innovatives, zeitgemäßes Kinder- und Jugendtheater" erhielt, ist also in seiner 20. Saison. Der 1964 geborene Münchner ist damit der mit Abstand längst dienende Theaterleiter der Bundeshauptstadt. Während mittlerweile nahezu überall Leitungsverträge für vier oder fünf Jahre ausgestellt werden und auch Burgtheater-Direktor Martin Kušej sich im Herbst bei der anstehenden Neu-Ausschreibung seines Postens bewerben muss, gibt es im Theater der Jugend eine Sonderregel: Entscheidet sich der Vereinsvorstand des 1934 gegründeten Vereins nicht aktiv für die Nicht-Verlängerung des Vertrages, gilt dieser automatisch für verlängert. Stichtag dafür ist alljährlich der 31. August.

Auch die seit 2011 amtierende kaufmännische Direktorin Sonja Fretzer wäre weiter im Amt geblieben, würde sie nicht mit 1. Juli 2023 ihre Pension antreten. Bei der Neuausschreibung der Stelle mit 1. Juli 2023 wurde die Vertragsdauer nun - gemäß den Usancen der Branche - mit fünf Jahren angegeben. Die Sichtung der Bewerbungen (Stichtag war der 9. Mai) nimmt eine Findungskommission wahr, es sind Hearings geplant, ehe der Vorstand im Juni entscheiden wird. Alles normal also. Eine neue Normalität allerdings. Denn in dem vor allem von Stadt Wien und Bund beschickten Vorstand wurde in den vergangenen Jahren nie über Personalia diskutiert, schildert die seit zwölf Jahren amtierende Vorsitzende des Vorstandes Hilde Hawlicek, 1987 bis 1990 Ministerin Unterricht, Kunst und Sport, im Gespräch mit der APA.

"Wir wären nie auf die Idee gekommen, uns über eine Nicht-Verlängerung Gedanken zu machen. In unseren Augen war das ein unkündbarer Vertrag", schildert die Ex-Politikerin, die einst von Wiens Bürgermeister Michael Häupl an die Spitze des Vereins berufen wurde, freimütig. Sie könne sich an keine Sitzung erinnern, in der Birkmeirs Weiterverbleib als künstlerischer Leiter in Zweifel gezogen wäre. "Er ist immer gelobt worden." Auch die Mitteilungen, es lägen Regieangebote für andere Häuser vor, seien immer positiv aufgenommen worden. "Für das Theater ist es ja eine Ehre, wenn der Leiter auch anderswo als Regisseur gefragt ist", so Hawlicek. "Wir waren stolz darauf." So wird Thomas Birkmeir etwa im kommenden Herbst "Alice im Wunderland" am Thalia Theater Hamburg inszenieren.

Dass es im Sinne von Transparenz und Qualität angebracht hätte sein können, regelmäßig externe Evaluierungen durchführen zu lassen, um zumindest alle fünf Jahre bestätigt zu bekommen, dass die künstlerischer Leitung weiter zu Recht das Vertrauen des Vorstands genieße, sei niemandem in den Sinn gekommen, sagt Hawlicek. Der Stichtag ist somit jedes Jahr aufs Neue verstrichen, ohne auch nur zur Kenntnis genommen worden zu sein: "Mir war das nicht bewusst." Man sei immer davon ausgegangen, dass bei Personalia nicht der Verein, sondern die Politik initiativ werden müsse.

Doch nun scheinen die Dinge doch in Bewegung zu kommen. Hilde Hawlicek, die vor einem Monat ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, möchte ihren Vorstandsvorsitz bald zurücklegen. Und der Theater der Jugend-Chef, der derzeit die Wiederaufnahme seines "großen Shakespeare-Abenteuers" vorbereitet, soll ein Gespräch mit Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) gehabt haben. Man könne bestätigen, dass Gespräche zur Findung eines Ausstiegsszenarios begonnen hätten, heißt es dazu aus dem Büro der Stadträtin. Schließlich sei bei einer Nicht-Verlängerung etwa die Frage von Fristen zu klären. Ende Juni tagt der Vereinsvorstand, um die neue kaufmännische Leitung zu bestellen. Recht gut möglich, dass dabei erstmals auch das Wort Stichtag fallen wird.

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