Theater

"Manon" im Salzburger Landestheater: Sie will weg und kommt niemals an

Jules Massenets Oper "Manon" wird am Salzburger Landestheater zum Psychogramm eines ziellosen It-Girls.

Manon kommt nicht durch die Vordertür. Sie versucht, dem vorgezeichneten Lebensweg über das Gepäcksförderband zu entkommen. Die Reise als blinde Passagierin ins Nirgendwo erscheint reizvoller als das drohende Dasein innerhalb der Klostermauern. Doch das Schicksal hat ohnehin anderes vor mit der jungen Frau.

Regisseurin Christiane Lutz siedelt Jules Massenets "Manon" am Salzburger Landestheater nicht in einer Gastwirtschaft zur Zeit des "Ancien Regime" an, sondern in der Wartehalle eines Flughafens unserer Zeit. Dieser Nicht-Ort symbolisiert Abflug. Niemand hat vor, hier zu bleiben. Der Rahmen eignet sich perfekt für das Psychogramm einer, die zunächst einfach nur weg will.

Manon wird hier nicht als Femme fatale gezeichnet, sondern als lebenslustiges It-Girl - laut Libretto ist sie gerade erst zarte 16 Jahre alt -, die Männer anzieht wie Fliegen, sich selbst aber nicht gefühlsecht binden will. Als sich Des Grieux in sie verliebt, nutzt sie die Situation zur Flucht. Kurz bevor ihr Liebhaber entführt wird, ist ihr einziges Problem, den Ehering, den ihr Nebenbuhler De Brétigny (Yevheniy Kapitula) unverhohlen ansteckt, zu verbergen. Was Liebe ist, weiß Manon vermutlich noch gar nicht. Sie genießt den Luxus, den ihr neuer Liebhaber bieten kann.

Aus der weiblich-differenzierten Regieperspektive wirkt Manon wie ein zielloser Vogel, dem das Ankommen bis zuletzt nicht ermöglicht wird. Was die Männer in ihr sehen, offenbart Manons Bildnis: Bühnenbildnerin Julia Müer kreiert ein abstraktes leuchtendes Neon-Dreieck - das wohl älteste Symbol für die Vagina. Das Straflager im Finalakt ist vollgepackt mit all den Konsumgütern und Kunstwerken, die Manon online-shoppend angehäuft hat. Zum Sterben zieht sie sich aber auf ihren Koffer zurück.

Große Stimmen stoßen an die Hausgrenzen

Shelley Jackson erfüllt die Anforderungen an die Titelrolle vor allem stimmlich über Gebühr. Seit ihrem Landestheater-Debüt als Mimì vor eineinhalb Jahren hat sich die Stimme der US-Sopranistin noch einmal weiterentwickelt. In der Höhe zwischen silbrig schattiertem Piano und kraftvollen Spitzentönen changierend, setzt sie die Koloraturen treffsicher. Ihr warmes Timbre lässt sie nuancenreich strömen.

Wie sieht es nun mit ihrem Des Grieux aus, jenem Chevalier, der Manon so sehr verfällt, dass er aus Selbstschutz zeitweilig ins Kloster eintritt? Nun: Abdellah Lasri ist ein Tenor mit großer Zukunft. Seine Fähigkeit, einen Ton dynamisch anschwellen zu lassen, ist großartig. Seine kraftvollen Spitzentöne haben heldische Kraft und wirken dennoch mühelos. Im berühmten Duett in der Abtei St. Sulpice - Manon lockt Des Grieux erfolgreich in die Welt der weltlichen Genüsse zurück - verschmelzen die beiden Stimmen zu ganz großer Oper. An feinen Zwischentönen im Pianobereich mangelt es dem Tenor aus Marokko hingegen noch.

Und hier wirft diese Produktion doch Fragen auf: Jules Massenets fünfaktige Opéra comique ist im Klangideal der späten Hochromantik verankert. Die Uraufführung fand 1884 in der Pariser Opèra Comique statt; Größenordnung: Felsenreitschule. Auch Lasri singt an großen Häusern, etwa der Berliner Lindenoper und der Opéra Bastille in Paris. Im vergleichsweise kleinen Landestheater aber bringt diese große Stimme auch den Hörer mitunter an seine Grenzen.

Ein Flugpersonal voller Strizzis zieht die Fäden

Besser kommen naturgemäß die Ensemblemitglieder mit der Akustik zurecht: George Humphreys verleiht Manons Cousin Lescaut nicht nur wohldosierte baritonale Kraft, er bildet auch darstellerisch das Zentrum der Inszenierung. Die Regisseurin setzt den baumhohen Haussänger als mitunter brutalen Strizzi ein, der als Zollbeamter offenbar auch ein geheimes Casino führt. Das Stewardessen-Trio Pousette, Javotte und Rosette - Tamara Ivaniš, Katie Coventry und Hazel McBain singen hinreißend homogen - ist stets zu Diensten und setzt seine kriminellen Pläne um.

Die Spielautomaten ersetzen das fatale Kartenspiel, das im Original den Absturz von Manon und Des Grieux einleitet. Oliver Ringelhahn verkörpert den Widersacher Guillot als verklemmten Piloten, der sich an Manons Abweisungen rächt. Inwiefern das Flugpersonal abgestimmt agiert, ist bei all den Regieeinfällen auf den ersten Blick kaum zu erfassen. Ein weißes Päckchen im Kofferinneren deutet zumindest auf eine illegale Grundlage des Luxuslebens hin. Steckt womöglich auch Des Grieux Vater, vom deutlich gealterten Raimundas Juzuitis tadellos gesungen, mit den Strizzis unter einer Decke?

Der Schwung dieser Inszenierung - der Landestheaterchor wird von Kostümbildnerin Dorothee Joisten etliche Male neu eingekleidet - trägt bis in den Orchestergraben. Dirigent Adrian Kelly weiß mit der trockenen Akustik des Hauses umzugehen und schöpft aus dem Mozarteumorchester feine Farbvaleurs und süffige Klangflächen. In den Finalszenen dürfen die Musiker packende Akzente setzen und dem großen Gefühlsdrama die nötige Wucht verleihen.

Das Premierenpublikum am Sonntag reagierte mit nahezu vorbehaltloser Zustimmung.

Oper: "Manon" von Jules Massenet. Salzburger Landestheater, bis 17. Jänner 2019.

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