Theater

Sehenswert: "Der zerbrochne Krug" vor Burg Perchtoldsdorf

Die Premiere am Mittwoch ist buchstäblich ins Wasser gefallen, doch im zweiten Anlauf am Donnerstagabend konnte "Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist in der Inszenierung von Veronika Glatzner über die Drehbühne der Sommerspiele vor der Burg Perchtoldsdorf gehen. Ein Theaterabend mit viel hintergründiger Tragikomik, fantasievoll gezeichneten Rollen, großen Gesten und kleinen Irritationen. 

"Der zerbrochne Krug": Kai Maertens und Dominik Warta SN/APA/Alexi Pelekanos / Sommerspie
"Der zerbrochne Krug": Kai Maertens und Dominik Warta

Wie ein Zombie aus der Geisterbahn schiebt sich der grotesk ramponierte Dorfrichter Adam ins Bühnenrund: Kai Maertens verleiht ihm in Körperhaltung und Physiognomie die grindige Façon eines verschlagenen Lüstlings, dem es nicht darum geht, der Wahrheit zum Recht zu verhelfen, sondern die eigene Haut zu retten. Selbst wenn alles gut ausginge, so Intendant Michael Sturminger, bliebe doch "der schale Verdacht zurück, dass die Mächtigen einander mit Hilfe der Institutionen gegenseitig schützen". Kein Zweifel, wir befinden uns mit Kleist in der Gegenwart. 

Adams Korrektiv und Widerpart ist der Gerichtsrat Walter (Dominik Warta), der die Verhandlung in redliche Bahnen zu lenken versucht. Dass er in der Perchtoldsdorfer Fassung allerdings am Ende die Contenance verliert und der jungen Eve (Hannah Rang) einen Kuss abringt, verstört denn doch, wenngleich Eve und ihre Mutter (Birgit Stöger) immerhin vermutlich die nächsthöhere Instanz aufsuchen werden. 

Sehr bunt und luftig sind die Kostüme der Damen, sehr queer die Bekleidungen der Herren. Emanuel Fellmer als ebenso eilfertiger wie ehrgeiziger und karrieregeiler Schreiber Licht scheint mit seiner schrägen Frisur einem Stück von Herbert Fritsch entsprungen, Phillipp Labmayr als Bauernsohn Ruprecht ist dagegen ein blond gelockter Naturbursch, Marie-Christine Friedrich bringt als Frau Brigitte feenhafte Magie ins Spiel ein.

Michael Pogo Kreiner und Daniel Helmer sorgen für dräuenden Soundtrack. Die Drehbühne liefert den Eindruck von Bewegung, selbst wenn die Personen starr verharren. Glatzner dazu im Programmheft: "Die Figuren können nie sicher sein, dass die Dinge noch so sind, wie sie vor Kurzem gerade noch waren." 

Die Aktualität der tagespolitischen Geschehnisse (Korruptionsvorwürfe, Falschaussagen, Vertrauensverlust in die Justiz) hätten die Arbeit am Stück "mehrfach eingeholt", so Glatzner. Auch MeToo ist ein nahe liegendes Motiv. Doch wirkt nichts aufgesetzt und bemüht, vielmehr liegt ein wunderlicher Zauber über diesem Abend, als wär's eher ein bizarres Märchen mit Krimi-Elementen. Einmal mehr ist eine absolut sehenswerte Theaterfest-Produktion in Perchtoldsdorf gelungen.

(S E R V I C E - Heinrich von Kleist: "Der zerbrochne Krug". Regie: Veronika Glatzner. Bühnen- und Kostümbild: Marie und Paul Sturminger. Mit Kai Maertens, Dominik Warta, Emanuel Fellmer, Birgit Stöger, Hannah Rang, Phillipp Laabmayr, Marie-Christine Friedrich, Michael Pogo Kreiner. Sommerspiele Perchtoldsdorf. Weitere Vorstellungen bis 31. Juli, gespielt wird heuer nur im Freien. Tickets und Information: Tel. 01/86683-400, www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at)

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