Kultur

Turrinis "Fremdenzimmer" in der Josefstadt

Seit 50 Jahren schreibt Peter Turrini über die Menschen, wie er sie kennt. Über ihre Sehnsüchte und Ängste. Über ihre großen Hoffnungen und kleinen Schwächen. Das ist auch in seinem neuen Stück "Fremdenzimmer" nicht anders, das am Donnerstagabend im Theater in der Josefstadt uraufgeführt wurde. Ein Flüchtling taucht auf. Und Turrini erzählt davon, wie er das Leben eines älteren Paares verändert.

Ein Flüchtling verändert das Leben eines alten Paares SN/APA (Pfarrhofer9/HERBERT PFARRHO
Ein Flüchtling verändert das Leben eines alten Paares

Turrini ist ein Romantiker, im Herzen ein Humanist und im Handwerk ein Realist. Alles scheinbar nicht mehr gefragt in der modernen Theaterwelt. Doch beharrlich glaubt er an die Funktion von Figuren, Dialogen und Konflikten. Und an das Gute im Menschen, an ihre Lernfähigkeit. In Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger hat er seit langem einen Partner im Geiste. Auch bei der Erstinszenierung dieses "Volksstücks", das eigentlich ein Märchen ist, hat er vieles richtig gemacht - nimmt man das häufige Lachen, manche intensiven Momente der Betroffenheit und den langen Schlussapplaus bei der Premiere als Maßstab.

Föttinger verweigert einen Zimmer-Küche-Realismus. Statt in einer lichtarmen Wohnung in Wien-Donaustadt befinden wir uns stets auf der Bühne. Walter Vogelweider hat ein Licht-Portal geschaffen, das durch das Blenden der Zuschauer rasche, von intensiven Musik-Effekten Christian Brandauers begleitete Überblendungen ermöglicht. Ein paar auf der Bühne stehende Mikrofone, eine Karaoke-Tonanlage, im Hintergrund eine Scheinwerfer-Batterie, einmal eine herabhängende Schaukel. Mehr Ablenkung gibt es nicht. Im Mittelpunkt steht der Mensch.

Erwin Steinhauer gibt den frühpensionierten Briefträger Gustl, einen grantelnden Schmerzensmann mit Diabetes und Bluthochdruck, der darunter leidet, dass am Ende seines Berufslebens die heilige Zustellpflicht nicht mehr einzuhalten war: Zu viele Ungenauigkeiten bei den Adressen, zu viele fremdländische Namen und Schriften. "Das ist der Weltuntergang." Nun beschäftigt er sich lieber mit seinem Modellflugzeug (das ein unsichtbares Team um Flugzeugbauer Hannes Wildauer virtuos zu fliegen versteht) als mit seiner Lebensgefährtin Herta.

Ulli Maier ist anfangs weniger seine Partnerin als seine Kontrahentin. Die Mindestpensionistin flüchtet sich aus der Realität in die Hoffnung, dass ihr vor 27 Jahren verschwundener Sohn wieder auftauchen könnte, und zu den Spielautomaten, die ihr eine Nachforschung finanzieren sollen. Viel wird nicht mehr miteinander gesprochen. Bis plötzlich ein junger, fremdländischer Mann in der Wohnung steht. Es ist Samir, ein Flüchtling aus Aleppo. Er möchte sein Handy aufladen. Weil er aber kaum Deutsch und das Paar kaum Englisch versteht, muss die Kommunikation vorwiegend nonverbal erfolgen. Im Fall von Tamim Fatal heißt das vor allem: großäugig und scheu zuhören und sich möglichst wenig mucksen.

Der junge Fremde bleibt - bis auf einen kurzen, auf Englisch gehaltenen Monolog über seine Flucht - weitgehend eine Leerstelle, eine Projektionsfläche. Aber er funktioniert als Katalysator, der vieles in dieser verkrusteten Beziehung wieder in Bewegung bringt. Wie man mit dem Flüchtling umgeht, ist zunächst einmal Gegenstand eines häuslichen Machtkampfs, den Herta für sich entscheidet. Unverhohlen behandelt sie Samir als willkommenen Ersatz für den verlorenen Sohn. Gustl dagegen muss erst seine Vorurteile gegen die "Ausländerflut" überwinden, die als "Hormonbomben und Samenschleudern" für die mittelfristige biologische Machtübernahme sorgen wollen.

Der Kampf der Kulturen wird am Blutdruckmessgerät ausgetragen. Der junge Syrer mit dem muskulösen Oberkörper gewinnt mit Idealwerten. Die Alte Welt ist dem Untergang geweiht. Das ist einer jener Augenblicke purer Naivität, in denen befreiend gelacht werden kann. Doch die Annäherung funktioniert. Dass Samir im Caritasheim Schnapsen gelernt hat, wurde von Föttinger zwar gestrichen, dafür repariert der Bursch die kaputte Flugzeug-Fernbedienung. Mit einer gemeinsamen Runde Salzwasser-Trinken beweist man Solidarität. So schmeckt also die Flucht übers Mittelmeer? Pfui, Teufel! Als Dank trinkt Samir das ihm angebotene Bier aus. Gustl ist zufrieden: "Bravo Samir. Volle Integration!" Und er träumt von gemeinsamen Gängen durch sein Rayon. Die Zustellpflicht ist kein Problem mehr. "Weil ich einen Samir hab."

Vor allem dem trockenen, gänzlich aufwandlosen, pointierten Spiel Steinhauers ist es zu verdanken, dass sich die Sentimentalität in Grenzen hält. Ulli Maier und ihm gelingt auch eine kurze, stille, intensive Liebesszene, in der man förmlich die vielen liebevoll entworfenen Gestalten aus Turrinis Bühnenkosmos an sich vorüber ziehen lässt. Schon das junge Paar aus der "Rozznjogd" hatte solche Momente, allein gegen den Rest der Welt.

Nach 90 Minuten kommt die beginnende Idylle ("Der Samir braucht keine Caritas und keine aufschiebende Wirkung. Der hat jetzt uns.") jäh zu einem Ende. Gleich wird die Polizei vor der Türe stehen. Die Drei starten mit Fliegerhaube und Steuerknüppel, Wind- und Nebelmaschine in eine Fantasiewelt. Der Schluss hebt nicht wirklich ab, den hat Föttinger ein wenig verhaut. Aber er ist ein Sinnbild für den ganzen Abend. Für ein verzweifeltes Beharren auf Poesie als Gegenkraft zur Politik, auf den Sieg von Humanität gegen Brutalität, von zarten Dramen gegen rohe Burschenschafterlieder. Man wünscht dem "Fremdenzimmer" eine hohe Auslastung. Als Alternative zur "konzentrierten Unterbringung" am Stadtrand.

Quelle: APA

Aufgerufen am 21.09.2018 um 05:42 auf https://www.sn.at/kultur/turrinis-fremdenzimmer-in-der-josefstadt-23435692

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