Kultur

Turrinis "Fremdenzimmer" vor Uraufführung in der Josefstadt

Plötzlich steht ein Flüchtling vor der Tür. Weist man ihn ab? Nimmt man ihn auf? Oder behandelt man ihn gar wie den verlorenen Sohn? Das sind die Grundfragen, die Peter Turrini in seinem neuen Stück "Fremdenzimmer" verhandelt. Direktor Herbert Föttinger bringt das "Volksstück" am Donnerstag im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung. Es spielen Ulli Maier, Erwin Steinhauer und Tamim Fattal.

Peter Turrinis "Volksstück" ab Donnerstag zu sehen SN/APA/GERT EGGENBERGER
Peter Turrinis "Volksstück" ab Donnerstag zu sehen

"Mein Stück ist vor allem ein literarisches Unterfangen, ein poetischer Versuch, zu beschreiben, wie Fremde und Einheimische aufeinandertreffen. Oder noch genauer gesagt: Wie das Fremde in die Wohnungen der Einheimischen kommt", erläutert Turrini in der eben erschienenen Buchausgabe von "Fremdenzimmer" (Haymon Taschenbuch) in einem Gespräch mit Georg Hasibeder seine Intention.

August ist frühpensionierter Briefträger mit Leidenschaft für Flugzeug-Modellbau. Seine Lebensgefährtin Herta ist Mindestpensionistin. Ihre Liebesgeschichte begann in einem Praterlokal, wo Herta servierte. Doch eingezogen ist sie bei Gustl nur unter der Bedingung, dass das Kabinett stets freibleibt, für den Fall, dass ihr vor Jahren verschwundener Sohn doch wieder auftauchen könnte. Stündlich rechnet sie damit. Der junge Mann jedoch, der plötzlich in der Wohnung steht, ist kein Hiesiger. Er ist schüchtern, spricht nur ganz wenig Deutsch ("Österreich super. Neun Bundesländer."), hat aber im Caritasheim Schnapsen gelernt.

Angesichts von Flüchtlingsbildern im Fernsehen erzählt der in einer Vorstadt von Damaskus geborene Juweliersohn auf Englisch seine Lebens- und Fluchtgeschichte. Viel versteht das Paar nicht davon, doch das vage Gefühl stellt sich ein, mehr als zunächst gedacht mit dem ungebetenen Besucher gemeinsam zu haben. "Wir alle sind Flüchtlinge, wir werden bodenlos, weil wir unser Land verlassen, weil wir unseren Beruf verlieren, weil wir nicht mehr wissen, ob wir den Partner lieben oder nicht, weil unser Selbstwertgefühl schwindet, weil wir zunehmend überflüssig werden", sagt Turrini. "Es gibt keinen sicheren Boden mehr unter unseren Füßen und insofern haben die drei Hauptfiguren meines Stückes zwar keine gemeinsame Sprache, aber eine große Verlorenheit verbindet sie miteinander."

Herbert Föttinger ist dem Autor Turrini seit langem künstlerisch verbunden und hat von ihm Stücke wie "Mein Nestroy" (2006) und "Aus Liebe" (2013), die Goldoni-Neufassung "Der Diener zweier Herren" (2007) und die Theaterfassung "Jedem das Seine" (2010) uraufgeführt und ist das, was früher Claus Peymann für Turrini war: ein enger künstlerischer Partner, in respektvoller Zusammenarbeit verbunden und in gemeinsamer glühender Leidenschaft für das Theater geeint. Das mache manches leichter, erklärt der Autor: "Das Stück 'Fremdenzimmer' beispielsweise, spielt in meiner Fantasie an einem konkreten Ort, in einer proletarischen Wohnung am Rande einer Großstadt. Föttinger möchte eine offenere Form entwickeln, eine abstraktere, er möchte zeigen, dass wir alle auf der Flucht sind. Ich habe in den zehn Jahren der gemeinsamen Arbeit genug Vertrauen entwickelt, um dies zuzulassen."

Schon am 2. Februar lädt die neuebuehnevillach zur Kärntner Erstaufführung des Stücks in der Regie von Manfred Lukas-Luderer. Das Literaturhaus NÖ veranstaltet am 17. Februar ein Werkstattgespräch mit Peter Turrini, Herbert Föttinger und Erwin Steinhauer.

Quelle: APA

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