Gesundheit

Die unbekannte Strahlung

Für das 5G-Funknetz werden wohl Tausende neue Sendeanlagen montiert werden. Warum es um das Thema so still ist, Ärzte alarmiert sind und der Rechnungshof Schutzmaßnahmen verlangt.

Wie war das noch einmal mit der schädlichen Mobilfunk-Strahlung? Mit Bürgerinitiativen, die wegen neuer Handymasten auf die Barrikaden steigen? Mit elektrosensiblen Menschen, die darüber klagen, sie würden es in der Umgebung von Handymasten und W-LAN-Stationen nicht mehr aushalten?

Es scheint, als wäre all das kein Thema mehr. Kinder und Jugendliche hängen heute stundenlang vor den Smartphones, viele Erwachsene ebenso. Und dass sich heute noch jemand über einen Handymast beschwert, kommt selten vor. Wieso ist es um die möglichen negativen Folgen der Funkstrahlung so ruhig geworden?

Gerd Oberfeld gerät bei dieser Frage ins Grübeln. Der Salzburger Umweltmediziner war jahrelang gefragter Experte, wenn Pläne für neue Sendeanlagen bekannt wurden und Bürgerinitiativen Rat bei ihm suchten. In den vergangenen Jahren aber wurde es ruhig um die Handystrahlung. "Vielleicht ist es so, dass die Leute mit so vielen anderen Dingen beschäftigt sind. Und das Handy hat sich etabliert", sagt Oberfeld.

Man könnte auch sagen: Das Smartphone und die W-LAN-Box in der Wohnung sind so selbstverständlich geworden, dass kaum jemand noch darüber nachdenkt, dass die Dauerstrahlung auf die eine oder andere Weise krank machen könnte.

Die allgemeine Unaufgeregtheit ist umso erstaunlicher, weil die Datenmengen, die über Funk transportiert werden, in den vergangenen Jahren regelrecht in die Höhe geschnellt sind (siehe Grafik). Und der Trend setzt sich fort: Demnächst kommt die neue Mobilfunkgeneration 5G ("5. Generation") auf den Markt - zusätzlich zu den bestehenden Netzen GSM, UMTS und LTE. Das Datenvolumen wird sich damit vervielfachen. 5G bringt Übertragungsgeschwindigkeiten, die mindestens um das Zehnfache höher sind als derzeit. Vor allem aber ermöglicht es die Übertragung in Echtzeit, was für die Kommunikation unter Geräten bzw. von Maschine zu Maschine wichtig ist - Beispiele dafür sind selbstfahrende Autos oder Anwendungen im Haushalt wie die Steuerung des Kühlschranks über Handy ("Internet der Dinge").

Dafür braucht es jedoch viele neue Sendeanlagen. Denn 5G hat hohe Frequenzen und die Sender haben geringere Reichweiten. Zunächst werden die Netzbetreiber in den Ballungszentren die vorhandenen Handymasten einfach aufrüsten - was aber nicht reichen wird. Man wird eine Vielzahl kleinerer Zellen benötigen, um "Funklöcher" zu schließen. Diese kleinen Mikrozellen sind kaum sichtbar und könnten auch an Straßenlaternen oder an Privathäusern montiert werden. Die Reichweite liegt oft bei nicht mehr als hundert Metern.

Kritiker sprechen von tausenden neuen Sendern, mit denen Österreich überzogen werden soll. Wie viele tatsächlich montiert werden - darauf wollen sich die Verantwortlichen nicht festlegen. Das Büro des zuständigen Verkehrsministers Norbert Hofer (FPÖ) teilt auf SN-Anfrage nur mit: "Genaue Angaben über die Anzahl zusätzlicher Sendeanlagen liegen nicht vor." Die nötige Zahl neuer Anlagen richte sich "nach dem Stand des 5G-Netzausbaus der jeweiligen Netzbetreiber".

Eine konkrete Zahl will auch Gregor Wagner vom Forum Mobilkommunikation (FMK), der Interessenvertretung der Netzbetreiber, nicht nennen. "Es ist aber klar, dass die Netze deutlich dichter werden müssen."

Aber was heißt das für die Gesundheit der Anrainer? Inwieweit bringt 5 G noch mehr Elektrosmog in die Büros, Häuser und Wohnungen?

Das Verkehrsministerium verweist auf die von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegten Grenzwerte, die auch bei einem Ausbau von 5G nicht überschritten würden.

Die WHO-Richtwerte werden allerdings von kundigen Medizinern abgelehnt - etwa weil sie Langzeitwirkungen nicht berücksichtigen. Zum Schutz der Gesundheit sollten die Richtwerte der Europäischen Akademie für Umweltmedizin, einem Verband von Umweltmedizinern aus ganz Europa, gesetzlich verankert werden, empfiehlt Umweltmediziner Oberfeld. Kritik kommt sogar vom Bundesrechnungshof. Dieser hat kürzlich im Bericht über die Einführung intelligenter Messgeräte ("Smart Meter") festgestellt, dass Österreich über keine Rechtsgrundlagen zum Schutz der Allgemeinbevölkerung vor der Einwirkung durch elektromagnetische Felder in den Bereichen Elektrizität, Telekommunikation und Gesundheit verfüge. Eine entsprechende Verordnung zum Schutz der Bevölkerung sei zu prüfen.

Eine aktuelle Warnung vor den Auswirkungen von 5G kommt auch von der Ärzteschaft. "Wir haben bei 5G eine hohe Strahlungsdichte. Weder Gegner noch Befürworter können das Ausmaß der gesundheitlichen Folgen einschätzen beziehungsweise diese ausschließen", sagt Piero Lercher, Leiter des Referats für Umweltmedizin der Wiener Ärztekammer. Lercher spricht von einem "Experiment auf Kosten der Allgemeinheit". Es müsse das Vorsorgeprinzip gelten. Deshalb sollte der "massive" Ausbau der 5G-Technologie nicht erlaubt werden, "ohne zuvor wissenschaftliche Forschungen zu möglichen gesundheitlichen Auswirkungen durchgeführt zu haben". Lercher verweist in diesem Zusammenhang auch auf die WHO, die Funkstrahlung als "möglicherweise krebserregend" einstuft. Studien und Berichte von Patienten würden eindeutig auf "Wechselwirkungen zwischen Beschwerden und der Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern" hinweisen, heißt es auch bei der Europäischen Akademie für Umweltmedizin.

Aus Sicht der Mobilfunk-Industrie ist die Funkstrahlung indes kein Problem. "Funk bleibt Funk", sagt FMK-Sprecher Wagner. Das bleibe auch bei der Einführung von 5G so. Verändert hätten sich nur die Übertragungsprotokolle.

Die Wiener Ärztekammer verweist jedenfalls weiterhin auf ihrer Homepage auf die "10 medizinischen Handy-Regeln". Dort heißt es unter anderem: "So wenig und so kurz wie möglich telefonieren - Festnetz verwenden oder SMS schreiben. Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sollten Handys nur für den Notfall mitführen!" Diese Regeln hätten nichts an ihrer Gültigkeit verloren, sagt Piero Lercher. Die Realität ist freilich eine andere: Das Handy ist zum dauernden Begleiter geworden. Jugendliche starren oft stundenlang in das Handy, verschicken Fotos über Snapchat, posten Bilder über Instagram. Schon ein Drittel der Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren nutzt das Smartphone jeden oder fast jeden Tag (Oberösterreichische Kinder-Medien-Studie). Die Kluft zwischen dem, was Ärzte raten, und der Realität war nie so tief wie heute - und sie dürfte mit 5G noch tiefer werden.


Aufgerufen am 17.02.2019 um 03:02 auf https://www.sn.at/leben/gesundheit/die-unbekannte-strahlung-64943956

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