Gesundheit

Kann uns ein digitaler Ratgeber beim Essen einbremsen?

Rationales Handeln funktioniert nicht, wenn starke Emotionen im Spiel sind. Ein "Smart Eater" soll gegensteuern.

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Essen gegen Stress, Essen aus Frust, Essen als Trost: Wie oft dient Essen nicht der reinen Energieaufnahme? Um mit unterschiedlichsten Emotionen fertigzuwerden, greift man dann auch noch bevorzugt zu Snacks oder Naschereien mit hohem Fett- und Zuckergehalt. Weil man diese Kalorien meist noch zusätzlich zu den Hauptmahlzeiten einwirft, sind häufig auch Übergewicht und viele damit verbundene Probleme die Folge.

Aber wie gegensteuern? Jens Blechert, Neurowissenschafter an der Universität Salzburg, arbeitet an einer sogenannten Smart-Eater-App: "Wir entwickeln einen digitalen Assistenten für den Alltag, der Menschen mit Essstörungen eine echte Hilfe sein kann." Ihm und seinem Team geht es dabei nicht um einen "Big Brother", der jeden Schritt überwacht. Blechert will aber eine Hilfe "genau zu jenen Zeitpunkten anbieten, in denen wir am schwächsten sind und unser Gehirn nicht der beste Ratgeber ist".

Der Neurowissenschafter verweist auf Studienergebnisse, die belegen: Stress und Emotionen führen zu einem Essverhalten, das weniger am Hunger orientiert ist. Wenn man zum Beispiel traurig ist, wird mehr gegessen als sonst, bei Angst und Ärger weniger. Wiederholtes Überessen in trauriger Stimmung kann zu Bulimie und "Fressattacken" (binge eating) führen.

"Sobald wir emotional werden oder starken Hunger haben, funktioniert rationales Planen nicht gut", betont Blechert. Self-Management-Programme scheiterten auch, weil es im individuellen Verhalten einen großen Unterschied gebe, ob man sich im sogenannten hot state befinde oder im cold state. Ob man also gerade einen Megastress habe oder sich sonst emotional in einer Ausnahmesituation befinde oder ob man entspannt und ausgeruht das Gefühl habe, alles so weit ganz gut im Griff zu haben.

Der Salzburger Neurowissenschafter erklärt an zwei Fällen von Bulimie, was mit digitaler Intervention über ein Smartphone in Zukunft möglich sein könnte: Anna verliert in Phasen mit großem Stress die Kontrolle über ihr Essverhalten und isst oft riesige Mengen auf einmal. Gleichzeitig fühlt sie sich schrecklich und hat Angst vor Übergewicht. In einer dreimonatigen Therapie in einer Klinik lernt sie, mit Stressoren umzugehen, ohne sofort einen Essanfall zu bekommen. Wieder zu Hause fällt sie jedoch schon bald in alte Verhaltensmuster zurück und muss wieder klinisch betreut werden.

Anders bei Tina: Sie litt unter ähnlichen Symptomen, wurde von ihrer Therapeutin aber mit einem digitalen Essenscoach vertraut gemacht. In einer Smartphone-App hat man speziell auf ihre Essgewohnheiten zugeschnittene Interventionsprogramme zusammengestellt. Bevor Tina Gefahr lief, bei erhöhtem Stress einen Essanfall zu bekommen, signalisierte die App für sie geeignete Gegenmaßnahmen. Tina erholte sich und wurde nicht mehr rückfällig.

Blechert: "Wir versuchen dabei in jedem Einzelfall die kritischen Zeiten zu ermitteln, wann das Essen außer Kontrolle geraten könnte. Und genau zu diesen Zeitpunkten geben wir über die App Tipps und Übungen vor, um die Essattacken zu verhindern."

Die eigene Fähigkeit zur Selbstkontrolle wird nach Angaben Blecherts leicht überschätzt. Man könne im sogenannten cold state schwer sagen, wie man sich im hot state verhält.

So könnte man zum Beispiel mit einem digitalen Assistenten auch seine Lebensmitteleinkäufe besser steuern. Wer in einem emotionalen Zustand durch den Supermarkt geht, wird wahrscheinlich vorrangig zu eingangs beschriebenen ungesunden Nahrungsmitteln greifen.

Wird hingegen der Einkauf im cold state geplant, schaut der Einkaufskorb wahrscheinlich anders aus. Blechert: "Wenn der digitale Assistent weiß, in welchen emotionalen Zuständen ich zu viel kaufe und esse, kann er mich zum richtigen Zeitpunkt anstoßen, zum Beispiel eine Einkaufsliste zu machen."

Die Arbeitsgruppe führt zurzeit mehrere Studien zu Emotionen, Emotionsregulation, Bewegungs- und Essverhalten im Alltag durch.

Interessierte können sich unter www.essforschung.at anmelden. Studienteilnehmende erhalten eine Auswertung ihrer individuellen Ergebnisse.

Aufgerufen am 02.04.2020 um 11:57 auf https://www.sn.at/leben/gesundheit/kann-uns-ein-digitaler-ratgeber-beim-essen-einbremsen-83266420

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