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Ballsäle für Drachenkinder

Adelsberger Grotte. Im slowenischen Karst bei Postojna öffnen sich unter der Erde wetterfeste Wunderwelten.

Der Kaiser wollte mehr Licht. Und so kletterte Luka Cec im April 1818 samt Lampen und Kerzen immer weiter ins Dunkel der Höhle, bis er schließlich verschwand. Seine Kollegen, die ebenfalls die Adelsberger Grotte für den hohen Besuch dekorierten, verstummten vor Schreck. Plötzlich ein Jubelruf, ein Kerzenschein: "Hier ist eine neue Welt, hier ist das Paradies!"

Dem jungen Hilfslichtmeister, der vor genau 200 Jahren eine unterirdische Wunderwelt im slowenischen Karst gefunden hatte, wurde weder vom Kaiser noch von der Wissenschaft Anerkennung zuteil. Seine Entdeckung jedoch bringt jährlich rund eine Million Besucher zum Staunen. Die Höhle von Postojna ist mit ihren 24 Kilometer langen unterirdischen Gängen und prunkvollen Sälen eine der größten und imposantesten Schauhöhlen der Welt und zugleich sehr leicht zugänglich.

"Immensum ad antrum aditus" prangt in stolzen Lettern auf dem klassizistischen Bau - der "Eingang zur riesigen Höhle" gleich daneben ist ein mächtiges Loch im Felsen. Das verschluckt auch bald die vielsprachigen Besuchergruppen, die sich nach wenigen Schritten in einem kleinen unterirdischen Bahnhof wiederfinden, wie aus der Feder von J. K. Rowling. Und die Fahrt des kleinen, rot-gelben Zugs führt auch wirklich vorbei an mysteriösen Formen, rätselhaften Gestalten aus Stein und hauchdünnen, gewellten Fahnen aus durchsichtigem Kalk, die wie Feengewänder von der Decke hängen. Weit öffnet sich der Raum und wird zum "Ballsaal", von dessen hoher Decke ein Prachtluster aus Muranoglas funkelt - gut 150.000 Euro wert. Hier haben schon Sisi und Franzl getanzt. An der Endstation der "einzigen U-Bahn Sloweniens", wie Roman Bogataj, der seine Gäste in deutscher Sprache führt, schmunzelnd meint, fängt die Führung erst wirklich an. Mit Erkenntnissen der Karstforscher des Instituts in Postojna: Seit drei Millionen Jahren existiert die Grotte, die meisten Tropfsteine jedoch sind nicht älter als bestenfalls 60.000 Jahre. Die Höhle erstreckt sich auf drei Etagen, in der untersten plätschert der Fluss. Dort entsteht langsam, aber sicher eine neue Höhle. Denn auch dieses steinerne Wunderwerk ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Ein wenig Zeit bleibt jedoch, wie Roman meint: "In zwei Millionen Jahren wird die Sonne durch die Decke scheinen."

Der Eingang ist schon lang bekannt, Archäologen haben Artefakte aus dem dritten Jahrhundert gefunden. Nach 1819 begann die Erschließung der Grotte, durch einen kleinen Zug 1872 und ab 1883 durch elektrische Beleuchtung - für die vielen Kurgäste, die mit der neu errichteten Südbahn aus der Kaiserstadt anreisten.

Die Wände glitzern. Dank der Kalzit-Kristalle, sagt Roman. Das Farbspiel machen meist Metalle und Salze. Eisen für rot, Mangan für schwarz. Andächtig geht es Schritt für Schritt durch eine verwunschene Welt: Ein kurviger Pfad führt hoch auf den "Kalvarienberg", auf dem die imposante "Arche Noah" thront, die "russische Brücke", errichtet von Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg, überspannt eine bizarre Schlucht. Im "Spaghetti-Saal" hängen Hunderte Stalaktiten
wie Nudeln von der Decke, dann folgt der Weiße, dann der Rote Saal. Und schließlich: der "schiefe Turm von Pisa". Der echte natürlich, meint Roman, klar, der sei ja auch viel älter als jener in der Toskana. Im "Konzertsaal" gab 1927 die Besetzung der Mailänder Scala Pietro Mascagnis "Cavalleria rusticana" und in der Höhle Otok wurde gar eine Szene von Karl Mays "Schatz im Silbersee" gedreht.

Die schnatternden Touristengruppen sind keineswegs das einzige Lebenszeichen in diesen - von den Scheinwerfern abgesehen - lichtlosen Räumen. Im Gegenteil. Schon 1831 wurde hier das endemische Tier, der hübsche, filigrane Langhalskäfer, entdeckt. Übrigens ebenfalls von Luka Cec. Unter den 115 Tierarten, die die Postojnska jama zur Höhle mit der weltweit größten Biodiversität machen, ist der "Menschenfisch" der Star. Das ist die Bedeutung des slowenischen Namens des Proteus anguinus - ein blinder, kleiner Olm mit hübschen rosaroten Kiemen und bemerkenswertem Durchhaltevermögen: Bis zu zwölf Jahre hält er es ohne Futter aus. Eier legt er nur alle sieben Jahre, derzeit freuen sich die Forscher über einen Nachwuchs von 21 Stück. Dass bei Hochwasser seit jeher manchmal Olme nach draußen geschwemmt werden, trug ihnen bei den umliegenden Bauern einst den zweifelhaften Ruf ein, kleine Drachenbabys zu sein. Und wer weiß, vielleicht hat der Aberglaube so eine ganze Spezies gerettet.

INFORMATION

Die Adelsberger Grotte (auf Slowenisch Postojnska jama) liegt auf halber Strecke zwischen Laibach und Triest am Ortsrand von Postojna (ehemals Adelsberg) und ist die größte für Besucher erschlossene Tropfsteinhöhle Europas. Führungen in vier Sprachen, darunter Deutsch, Audioguides in 17 Sprachen. Führungen (mit Bahnfahrt) dauern rund 90 Minuten, Trekkingtouren bis zu drei Stunden. Tipp: trittsicheres Schuhwerk und Jacke, in der Höhle herrscht ganzjährig eine Temperatur von 10 Grad.

In der ehemals ältesten unterirdischen Poststation ist heute ein Souvenirshop eingerichtet.

Das Hotel Jama neben der Grotte ist zwar ein fantasieloser Bau, innen jedoch renoviert mit sehr guter, regionaler Küche im Restaurant Proteus.

www.postojnska-jama.eu/de/

www.slovenia.info

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