Männer-Retreat

Wann ist ein Mann ein Mann? Eindrücke aus dem Selbsterfahrungs-Seminar

Im Männer-Retreat. Hier lernt Mann sich besser kennen. Manch einer mehr, als ihm lieb ist. Beim Yoga, dem Waldbaden und ausgiebigen Umarmungen. Eine Selbsterfahrung.

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"Männer, jetzt schauen wir einmal, wer den größten hat", wirft Michael, ein sportlich wirkender, charismatischer und mit Extrovertiertheit gesegneter Mitvierziger in die Runde. "Tja, Tag der Wahrheit. Zeit, Farbe zu bekennen", legt Gerhard nach, ein gerade einmal 27 Jahre alter und schon mit Erfolg bedachter Getränkehersteller. "Los, wer hat jetzt den längsten Stab?", setzt Gerald, Computerfachkraft, noch eins drauf. Acht Männer zwischen 25 und 51 Jahren stehen mitten im Wald, bewaffnet mit Schnitzmesser, Hacke oder Säge und reißen derbe, zweideutige Witze. "Herzeigen!", fordert Michael jetzt mit gespielt brachialer Stimme. Und da lachen wir dann alle. Tja, der Schmäh rennt in unserer Männerrunde. War ja nicht anders zu erwarten, wenn geballte Maskulinität aufeinandertrifft, könnte man jetzt bissig anmerken. Aber ist das wirklich so? Wie tickt der Mann von heute? Was zeichnet ihn aus? Welche Stärken und Schwächen trägt er in sich? Und was erwartet eine Gesellschaft, welche die Zukunft als weiblich bewirbt, von uns Männern?

Um solche Fragen zu beantworten und uns selbst als Männer ein Stück weit besser kennenzulernen, haben wir uns hier eingefunden. Hier am Attersee, zum Männer-Retreat. In einem idyllischen Familienhaus, in dem Wohnzimmer und Nebengebäude zu wohlgestalteten Seminarräumen umfunktioniert wurden, werden wir in uns gehen, auf einem Matratzenlager nächtigen und ausschließlich selbst gekochtes, vegetarisches Essen zu uns nehmen. Wir werden uns austauschen, meditieren, auf einer schamanischen Reise unser Krafttier suchen, bewusst atmen und Yoga praktizieren, einen Kesseldrink am Lagerfeuer anheizen, räuchern, Karten ziehen und deuten, Trommel-Sessions erleben, uns freitanzen, die Natur inhalieren und waldbaden. Lauter Sachen, die mich nicht unbedingt magnetisch anziehen. Aber genau deshalb bin ich hier, um mich meinen Schwächen zu stellen, um mich selbst herauszufordern und Neues zu entdecken. Ist doch ein männlicher Zugang, oder?

21, 22, 23, 24 - die Sekunden ziehen ins Land wie ein ausgelutschter Kaugummi, und mein bärtiges Gegenüber lässt und lässt mich nicht los. Nach der Umarmung schauen wir uns noch zwei Sekunden in die Augen, um uns mitzuteilen, dass wir uns freuen, einander kennenzulernen. "Schön, dass du da bist", sagt Christopher. "Ja, ich freue mich auch, dass du da bist", gebe ich einfallslos zurück. Aber ich bin der Einzige, den das beschriebene Begrüßungsritual überrascht, für den Rest, scheinbar lauter empathische Männer mit Hang zum Spirituellen, scheint es gängige Praxis. Und die meisten kennen einander, zumindest über Ecken, von anderen Seminaren, von Yogaeinheiten, vom Hörensagen. Mich kennt niemand. Gut so.

Punkt neun Uhr geht's dann los. Mit Räuchern und dann Yoga. Insbesondere kräftigende Asanas, der Männlichkeit wegen, werden angeleitet. Wir sollen in uns hineinhören, ganz bei uns bleiben. Exakt beim herabschauenden Hund, dem einzigen Asana, das ich halbwegs hinkriege, lasse ich kopfüber meinen Blick durch meine gestreckten Beine hindurch durch die Runde schweifen und weiß, dass meine Befürchtung Realität geworden ist, ich bin der mit der roten Laterne. "Nicht den typisch männlichen Fehler begehen und mit den anderen konkurrieren", höre ich da des Anleiters salbungsvolle Worte, das stünde uns Männern oft im Weg, dieser übertriebene Ehrgeiz, dieses Immer-an-die-Grenzen-Gehen. "Da hat er recht", denke ich - nicht ganz uneigennützig in diesem Fall, und ob Opportunismus vielleicht männlich wäre?

Themen wie diese besprechen wir anschließend in der Gruppe. Der Geruch von Räucherstäbchen liegt in der Luft. Bilder von Gurus und geistigen Größen wie Sai Baba und Yogananda zieren die blütenweißen Wände. Ein Banner mit den sieben Chakren-Farben schmückt die Glasfront unseres lichtdurchfluteten Raums. Jeder von uns platziert sich auf einer der auf dem Parkettboden sternförmig aufgelegten Matten. Wir reden jetzt über Männlichkeit. Was sie für uns bedeutet und was nicht, womit wir hadern, worauf wir stolz sind? "Die Klarheit fehlt mir", sagt einer, der locker als Role Model des Mannes 2.0 durchgehen würde - androgyne Erscheinung mit sportlichem Touch, gepflegter Bart, feine Haut, dunkle Augen mit tiefsinnigem Blick, offenes Wesen mit zurückhaltendem Benehmen. Immer habe er in seinen Beziehungen nachgegeben, sich am Weiblichen orientiert, in jeden und noch viel mehr jede könne er sich hineinversetzen. Aber eines könne er nicht: einfach mal auf den Tisch hauen und klare Entscheidungen treffen. Nachdem er ausgeredet hat, falten wir anderen unsere Hände vor unserer Brust, senken kurz den Kopf und sagen "Aho". Ein hawaiianischer Ausdruck, der salopp übersetzt nichts anderes meint als - "Kopf hoch Kumpel. Wir verstehen dich, wir sind mit dir."

Und das tun wir mehr, als uns lieb ist, denn wie sich bei den Wortbeiträgen herausstellt, schlagen wir alle in dieselbe Kerbe. Kurzfassung: Weicheier sind wir, ohne männliche Härte! Oder anständiger ausgedrückt, politisch korrekter - der kultivierte Mann sollte seine männliche Seite vielleicht nicht völlig ablehnen.

Nur was heißt überhaupt männlich? Für unsere Organisatoren, beide vielgereiste Männer mit Blick über den Tellerrand und Hang zum Spirituellen, scheint es da kaum Ungereimtheiten zu geben. Demnach gilt in unserer Welt das universelle Gesetz der Polarität, was nichts anderes meint, als dass alles im Leben immer zwei Seiten hat. Nordpol versus Südpol, gut versus schlecht, Gesundheit - Krankheit, Licht - Dunkelheit. Und Männlichkeit und Weiblichkeit! Die weibliche Kraft steht dabei unter anderem für Empfangen, Intuition, Träumen, Hingabe, Heilen; die männliche Power für Umsetzen, Entscheiden, Handeln, Verstand, Kraft und Macht. Die Welt und auch einzelne Individuen befinden sich im Frieden, wenn männliche und weibliche Energien sich die Waage halten. Yin und Yang ergänzen einander. Händefalten. Kopf senken. Aho sagen.

Die meisten von uns empfangen den Auszug fernöstlicher Glaubenslehre in beneidenswert perfekter Lotushaltung. Nur ich kriege auf Dauer den Schneidersitz nicht hin, sitze deshalb kniend auf meinen Fußsohlen, wie ein armer Büßender. Vielleicht zu recht, weil Eindeutigkeit noch nie mein Ding war und ich mir mein Hirn darüber zermartere, wie ich Georg, einem guten Freund von mir und Vertreter der LGBTQ+-Bewegung, dieses Weltbild schmackhaft machen könnte. Muss ja nicht sein, denke ich, zu viel Denken ist der natürliche Feind von Klarheit, und Klarheit zählt zu den männlichen Tugenden, so wie der Verstand - und wie passt das jetzt zusammen? Gedankenkarussell in meinem Kopf. Doch da stehen wir auch schon wie ein eingeschworenes Fußballteam im Kreis, die Arme über die Schultern unserer Nachbarn gelegt, die Köpfe leicht vorgeneigt und brummen minutenlang jene Silbe, die für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft steht, den Urklang des Universums mitten ins Zentrum unseres Kreises. Ooooooommmmmm!

In der Mittagspause tauschen sich glückliche Männer bei veganem Essen über Duftöle, Spiritualität, Träume, Hoffnungen und Ängste aus. Fehlen uns die Frauen? Hier und jetzt? NEIN. Die Dynamik unter uns wäre eine andere. Garantiert. Auch beim anschließenden Kriegstanz. Wobei Kriegstanz nur der Volksmund sagt, eher handelt es sich um einen Ausdruckstanz, angelehnt an den rituellen Tanz Haka, den die neuseeländischen Ureinwohner Maori unter anderem fürs Einschüchtern ihrer Gegner verwenden. Breitbeiniger Stand, die Knie leicht gebeugt, stampfen, Zunge raus, Augen verdrehen, mit den Handflächen kräftig auf den Brustkorb trommeln, auf die Unterarme schlagen, auf die Schenkel und das Gesäß, und dazu mit voller Kraft Urlaute hinausschreien. Einer nach dem anderen tritt in die Kreismitte und lässt der inneren Bestie freien Lauf, und das Kollektiv spiegelt das Gesehene. Danach sind wir dermaßen angeheizt, dass sich einige von uns spontan splitternackt ausziehen und in den eiskalten See werfen. Tja, jeder stößt im Laufe der zwei Tage ein oder auch mehrere Male an seine Grenzen. Sei es beim gemeinsamen ekstatischen Trommeln, bei der schamanischen Krafttiersuche, beim Waldbaden oder wobei auch immer - früher oder später blitzt bei jedem das Echte, Unverzerrte der Persönlichkeit durch.

Womit die Anfangsfrage wieder aufs Tapet kommt. Wer hat jetzt den größten? Dazu nur so viel: Meiner ist mickrig. Zahnstocherklein; funktional dafür und nie störend. Andere kommen mit mannsgroßen Stecken retour, einige mit Wanderstöcken. Ja, darum ging's beim Waldbaden: den für sich passenden Stock auflesen und zurechtschnitzen. Ein Mensch von gestern, der bei der Größenfrage anderes vermutete.

Und warum bringe ich diese müde Pointe? Weil sie die gesamte Zeit hinweg die einzige zweideutige Aussage zwischen acht Männern bleiben sollte. Das sagt doch viel aus über uns Männer. *sämtliche Namen geändert

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