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Yoga in Peru: Loslassen in schwindelnder Höhe

Yoga ist eine Reise ins Innere. In Peru beginnt dieser Weg dort, wo der Sauerstoff knapp wird.

Angel Amita bietet acht Mal pro Jahr ein Yoga-Retreat auf 4000 Metern an. Glas SN/glas
Angel Amita bietet acht Mal pro Jahr ein Yoga-Retreat auf 4000 Metern an. Glas

Wind zieht auf, als Ernesto mit seiner Zeremonie beginnt. Er sitzt in der Ruine eines Inka-Tempels. Eng ist es. Nur fünf Menschen haben Platz. Ernesto hat eine Panflöte aus Kondorfedern und allerhand Pfeifen dabei. "Dschungelinstrumente" nennt er sie. Wenn Ernesto spielt und singt, stimmen die Elemente in den Chor ein. Die Gruppe meditiert. Wer ein Yoga-Retreat in Peru bucht, bekommt eine Extraportion Spiritualität obendrein.

Eine sogenannte Zeremonie der zweiten Geburt gehört da genauso dazu wie ein Fruchtbarkeitsritual in einem Tempel voller Penisse oder ein Ausflug zum "Tor der Götter" in Aramu Muru. "Die Geburt ist das schlimmste Trauma, das wir in unserem Leben zu verarbeiten haben", sagt Ernesto. Davon will er die Gruppe in der Ruine mit der "zweiten Geburt" befreien.

Ein Ausflug zum „Tor der Götter“ in Aramu Muru. glas SN/glas
Ein Ausflug zum „Tor der Götter“ in Aramu Muru. glas

Das Geschäft mit dem Loslassen boomt auch in Peru. Am Titicacasee im Süden des Andenstaats wandert man zwischen Ländern und Epochen. Jeder Tag des achttägigen Retreats beginnt pünktlich um sieben Uhr. Eine Stunde Meditation. Energie soll strömen, um Belastungen und Schwere ablegen zu können. Danach: eine Stunde Yoga, eine spezielle Form des Raja-Yoga.

Auf 4000 Metern ist die Luft dünn, der Atem kürzer. Wir sollen ihn anhalten bei den Übungen. Acht Mal einatmen, Luft anhalten, ausatmen. "Das reinigt die Kanäle", sagt Yogaleiterin Angel Amita. Es mache Platz für neue Energien im Körper. Vielen Reisenden bleibt dabei erst einmal die Luft weg.

Die Höhe verändert den Körper. Etwa ab einer Höhe von 2500 Metern reagiert er: Die Belastbarkeit des Körpers sinkt, die Herzfrequenz steigt. Yogalehrerin Angel lässt es langsam angehen. Wenn jemand mit der Höhe nicht zurechtkomme, mache sie es wie die Einheimischen: Kokablätter oder den gleichnamigen Tee empfehlen. Das verbessert die Sauerstoffaufnahme - und es hilft gegen das Kopfweh.

"Yoga ist keine Sportart, es ist eine Art zu leben", sagt Angel. Nicht mehr zu besitzen, als man braucht, meint sie damit. Eigentlich heißt sie Linn Elise. Sie ließ sich zu Angel Amita - "Engel der Wahrheit" übersetzt - umbenennen. Ihr Heimatland Norwegen tauschte sie gegen Peru. Sie fühlte sich dazu berufen, inmitten der heiligen Stätten zu leben und zu unterrichten. Acht Mal jährlich bietet sie Retreats an.

Die Yoga-Übungen sind anstrengend. Es wird nicht nur mit klassischen Asanas gearbeitet, nicht nur die Sonne begrüßt. Wir tanzen auch, das soll gegen Schlaflosigkeit helfen, Falten verringern, die Verdauung ankurbeln. Am Ende jeder Stunde wird massiert. Nicht am anderen, sondern an sich selbst. Jeder Körperteil wird beachtet und geknetet.

Die sagenumwobenen Ruinen von Machu Picchu. SN/glas
Die sagenumwobenen Ruinen von Machu Picchu.

Die Teilnehmer lernen nicht nur das Loslassen. Sie erwandern auch ein Land, auf dem das einst mächtige Inkavolk historische Spuren hinterlassen hat. Die sagenumwobenen Ruinen von Machu Picchu locken noch heute Architekten aus aller Welt, die hinter das Geheimnis der Bauweise kommen wollen. Riesige Steinblöcke ohne Mörtel aufgeschichtet, türmen sich zu faszinierenden Gebäuden.

Eine etwas schlichtere Bauart ließen sich die Bewohner der Urus-Inseln einfallen. Die etwa 70 zusammengehörigen Inseln schwimmen auf dem Titicacasee. Sie bestehen zur Gänze aus Totora-Schilf. Die Bewohner schnüren das Schilf zu stabilen Flächen zusammen. Ganze Häuser entstehen so. Fünf Familien leben auf den Urus. Die Präsidentin der Inseln heißt Eva. Sie ist 43 Jahre alt. "Woche für Woche bringen unsere Männer Schilf an das Ufer", sagt sie. Die Frauen binden das Schilf in Blöcken zusammen, damit es zusammenwachsen kann. "Dann spielen wir Fußball oder Volleyball darauf, damit es sich setzt." Zwei Jahre dauert es, um eine Insel zu errichten. Auch ein Abstecher zu diesen Inseln gehört zum Retreat-Programm.

Eva, die Präsidentin der Urus-Inseln. SN/glas
Eva, die Präsidentin der Urus-Inseln.

Für ein bisschen hippieske Tänzereien muss man beim Yoga-Retreat mit Angel genauso gewappnet sein wie für das Kraxeln auf heilige Berge in Begleitung von Schamanen. Die sagenumwobene Geschichte Perus eignet sich bestens für so einen Schwenk in die Schwerelosigkeit.

Und dann schickt der Wind zu den Flötentönen von Ernesto noch einmal einen Gruß aus der großen Weite am See. Die Meditation im kleinen Ruinenraum endet. Einer nach dem anderen aus der Gruppe kriecht durch ein kleines steinernes Loch. Ins Freie in dünner Luft. Und neugeboren.

Yoga-Retreats Peru:

Beispiele: Acht Tage Meditation, Yoga, Unterkünfte und vegane Verpflegung; oder

vier Tage Yoga-Retreat mit Übernachtungen, inklusive Besteigung des Machu
Picchu.

Keine Yoga-Vorkenntnisse nötig.

Mehr Infos unter www.sacredjourneysnow.org

Aufgerufen am 18.11.2018 um 09:47 auf https://www.sn.at/leben/reisen/yoga-in-peru-loslassen-in-schwindelnder-hoehe-39097822

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