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Das Gymnasium: Kaderschmiede oder Schule für die Massen?

Hier werden gute Lateiner ausgebildet, dort hochbegabte Musiker. Sogar für geistig beeinträchtigte Menschen gibt es heute ein Gymnasium. Das Angebot ist größer denn je. Wer aber dort künftig zur Schule gehen soll und darf, ist heftig umstritten.

Das Gymnasium: Kaderschmiede oder Schule für die Massen? SN/mars
Das Gymnasium: Kaderschmiede oder Schule für die Massen? SN/mars
Das Gymnasium: Kaderschmiede oder Schule für die Massen? SN/Marco Riebler
Das Gymnasium: Kaderschmiede oder Schule für die Massen? SN/Marco Riebler

Büsra, Yasemin, Mohamed und Ahmed heißen die Schüler des Joseph-Haydn-Gymnasiums in der Reinprechtsdorfer Straße im fünften Bezirk in Wien. Gut 96 Prozent der Schüler haben eine andere Muttersprache als Deutsch, was selbst für die Bundeshauptstadt ein hoher Anteil ist. Dennoch ist Direktor Hans-Leopold Rudolf zufrieden mit seiner Schule. "Wir sind eines der ganz wenigen Gymnasien, in denen Schüler den Unternehmerführerschein machen können und etwas über Teamwork und Organisation lernen", sagt er. In der Unterstufe bietet die Schule einen Sport-, einen Musik- und einen kreativen Schwerpunkt. Eine Aufnahmsprüfung gibt es dafür - wie es an Österreichs Gymnasien die Regel ist - nicht. Das ist ein Vorteil für die Eltern, die ihre Kinder immer öfter in diesen Schultyp schicken. In Wien besucht fast jeder Zweite nach der Volksschule die AHS, in Salzburg sind es im städtischen Bereich noch mehr, bis zu 60 Prozent.

Szenenwechsel: Tag der offenen Tür am Musischen Gymnasium in Salzburg. In der größten AHS des Bundeslands ist schon an normalen Schultagen viel los. Rund 900 Schülerinnen und Schüler werden hier von mehr als 100 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. An diesem Tag drängen sich zusätzlich die potenziellen Schüler der Zukunft mit ihren Eltern durch die Gänge, besorgen sich Info-Broschüren, schauen sich um und füllen Anmeldebögen für die Aufnahmsprüfung aus.

Im Musiksaal im ersten Stock singen Schüler aus vollen Kehlen, mit dem Schwung eines amerikanischen Gospelchors, "If you're happy". Einen Stock tiefer gehen Schüler in Socken herum und verteilen Folder an die Besucher. Im Festsaal schleppen Schüler Sessel für die Orchesteraufstellung heran. Allgemeines Einblasen, Zupfen, Streichen. Dann beginnt die öffentliche Konzertprobe - mit der Symphonie Espagnole von Édouard Lalo. Satter, kompakter Streicherklang, ein kräftiger Paukenwirbel, dann beginnt eine Schülerin mit dem Violinsolo."Elite" hört man nicht gernLeistung ja, Drill nein: So präsentiert sich das Gymnasium der Öffentlichkeit. Alle sollen hier zeigen, was sie können - aber eben ohne Druck. "Der Schüler steht im Zentrum, nicht der Lehrer" , sagt Direktorin Barbara Tassatti in ihrer Begrüßungsrede vor mehr als 200 Besuchern.

Dass die Schule einen guten Ruf hat, zeigt sich jedes Jahr am Tag der Aufnahmsprüfung. Zwischen 350 und 400 Schülerinnen und Schüler melden sich pro Jahr an. 100 werden aufgenommen, dazu noch weitere 25 Schüler für das Musikgymnasium - einen eigenen Zweig, bei dem die Schüler mehr Freiraum für das Üben am Instrument haben. Den Begriff "Elite" hört man am Musischen Gymnasium nicht gern. Fakt ist aber: Hier werden nur die Besten ihres Fachs aufgenommen. Die Entscheidung darüber fällt beim Eignungstest - wo nicht das Volksschulzeugnis zählt, sondern die musisch-kreativen Fähigkeiten.

Damit wird hier praktiziert, was die ÖVP in allen Gymnasien umsetzen will: Nur die Besten sollen aufgenommen werden, die anderen sollen an die Hauptschulen, sprich die Neuen Mittelschulen gehen. Während die SPÖ mit der Neuen Mittelschule den Weg in Richtung Gesamtschule ebnen will, schwebt der ÖVP die Aufwertung der Gymnasien vor. Diese sind in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zur Masseneinrichtung geworden. Das zeigt der Blick auf die Zahlen: 1980 gingen in Österreich 22 Prozent der Zehnjährigen in eine AHS. Heute sind es mehr als 33 Prozent. Zugleich laufen die städtischen Hauptschulen und Neuen Mittelschulen Gefahr, immer weiter zu "Restschulen" herabzusinken.AHS-Lehrer nicht für Lernschwache ausgebildetDiesen Befund kann Bildungsforscher Günter Haider bestätigen. "Die Gymnasien sind gewissermaßen in einer Sinnkrise angelangt. Sie waren eigentlich als Schule für die Allerbesten gedacht. Doch das sind sie nicht mehr, seitdem jeder Bezirk sein eigenes Gymnasium hat", sagt er. Haider erinnert an das "Gymnasium für alle", das die ehemalige Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) anstelle der Gesamtschule gefordert hatte. Doch auch dabei sieht er ein Problem. "Die AHS-Lehrer sind nicht dazu ausgebildet, sich individuell um lernschwache Schüler zu kümmern, die schon heute ans Gymnasium gehen."

Haider bezweifelt auch, dass funktioniert, was die ÖVP sich wünscht - eine Rückkehr zum Gymnasium als Eliteschule. Das soll gelingen, indem sich die Langform des Gymnasiums durch Schwerpunktbildungen deutlich von den Neuen Mittelschulen abhebt. Wer hier zur Schule gehen will, soll zuvor ein Aufnahmeverfahren durchlaufen, so der Traum der Volkspartei. "Potenzialanalysen" sind geplant und Bewerbungsgespräche. Auch die Zeugnisnoten der Volksschule sollten weiterhin herangezogen werden.

Dazu sagt Bildungsexperte Haider: "Das Problem der überfüllten Gymnasien bekommt man mit Aufnahmsprüfungen nicht in den Griff." Mit solchen Testverfahren könne man bloß 15 bis 20 Prozent der guten Schüler ausmachen, nicht aber die weiteren 15 bis 20 Prozent, die mindestens genauso geeignet für das Gymnasium wären, aber dabei durchfielen. Haider erklärt wieso: "Die Fähigkeiten von Neun- bis Zehnjährigen kann man nicht wie bei einem Erwachsenen abtesten. Sie entwickeln sich stetig weiter." Wie viele Kritiker hält auch er das Volksschulzeugnis als Aufnahmekriterium für das Gymnasium für verfehlt. Haider plädiert deshalb für die Abschaffung der AHS-Unterstufe und die Einführung einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen. Gymnasien sollten sich auf die Oberstufe beschränken und dort die Schüler auf die Zukunft, allen voran die auf die Hochschule vorbereiten.

Das kann sich Klemens Kerbler, Direktor des Akademischen Gymnasiums in Wien, nicht vorstellen. Er wünscht sich aber, dass Gymnasien in Zukunft mit Volksschulen und den Universitäten gleichermaßen an den "Schnittstellen" zusammenarbeiten. "So würden wir mehr über unsere zukünftigen Schüler erfahren, wüssten aber auch besser Bescheid, was unsere Schüler nach der Matura können sollen", sagt er.

Seine Schule - das älteste Gymnasium Wiens, 1553 von den Jesuiten gegründet - gehört zu den gefragtesten in der Bundeshauptstadt. Hier wird die 450-jährige Tradition nicht nur großgeschrieben, sondern auch gelebt. Die Schüler kennen die großen Namen, die hier gelernt haben. Franz Schubert, Hugo von Hofmannsthal und Erwin Schrödinger sind nur einige davon.Bildung, die über Fachwissen hinausgehtAuch Klara, Antonia und Linda vom Schulsprecherteam sind stolz darauf, dass sie hier in die sechste und siebte Klasse gehen. "Ich sehe es als große Chance, Bildung auf so hohem Niveau vermittelt zu bekommen", sagt Linda. Antonia beeindruckt das denkmalgeschützte Schulgebäude aus rotem Backstein, das Friedrich Schmidt, der Architekt des Wiener Rathauses, erbaute. Es diente bereits mehrfach als Filmkulisse, am bekanntesten ist wohl die Romanverfimung von "Der Schüler Gerber". Hier wird seit 450 Jahren Altgriechisch und Latein gelernt. Klara, Antonia und Linda haben nichts dagegen. Klara meint: "Latein ist zwar nicht mein Lieblingsfach, aber ich finde es nützlich. Deshalb ist es schade, dass es immer weniger Menschen lernen." Linda besucht den Zweig, der seit der ersten Klasse Französisch hat. Auf ihn und auf die alten Sprachen ist Direktor Kerbler besonders stolz. Er findet: "Ein Gymnasium darf sich auch heute den Luxus erlauben, Bildung zu vermitteln, die über Fachwissen hinausgeht", sagt er. Eine Eliteschule sei "das Akademische" dennoch, sind sich der Direktor und seine drei Schülerinnen einig. "Es ist sicher eine Schule mit gutem Ruf, aber sie ist nicht so elitär wie eine Privatschule", sagt Klara.

Südlich von Salzburg , in Grödig, hat man weder etwas mit Eliten noch mit Tradition am Hut. Im einzigen Montessori-Oberstufenrealgymnasium mit Öffentlichkeitsrecht werden das selbstständige Lernen und das soziale Miteinander großgeschrieben. Das geht so weit, dass in einem speziellen Schulversuch in einer Klasse Jugendliche mit geistiger Behinderung sitzen und "inklusiv" unterrichtet werden. "Das heißt, Jugendliche mit und ohne Beeinträchtigung lernen bei uns gemeinsam, ohne Unterschied", sagt Direktorin Helga Wenzel-Anders. Die Schule beginnt erst um halb neun, weil das dem Biorhythmus der Jugendlichen entspricht. Hausübung gibt es praktisch nie, weil "die Schule in der Schule bleiben muss". Mindestens die Hälfte der Zeit beschäftigen sich die Schüler mit Freiarbeit. Und das scheint gut anzukommen. "Man bekommt den Stoff nicht so vorgekaut", sagt Marlene Buttenhauser, Schülerin des Maturajahrgangs. "Ich finde, dass man es sich besser merkt, wenn man es selbst erlernen muss." Auch hier in Grödig ist die Zahl der Interessenten größer als das Angebot an Schulplätzen. Und auch hier wird nicht jeder aufgenommen. Man wählt gezielt aus - wenn auch nicht in einem Aufnahmeverfahren, sondern bei einem "Orientierungsnachmittag". Wenzel-Anders: "Da schauen die Lehrer, wer für diesen Schultyp mit der vielen Freiarbeit geeignet ist."

Aufgerufen am 25.04.2018 um 01:12 auf https://www.sn.at/panorama/das-gymnasium-kaderschmiede-oder-schule-fuer-die-massen-4209055

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