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Drama in Ägypten: Nach der Scheidung werden "alte" Kinder einfach weggejagt

Wenn eine Beziehung in Ägypten endet und eine neue Partnerschaft beginnt, sind Kinder manchen im Weg. Sie werden verstoßen. Die SN haben sie in ihrem harten Alltag auf der Straße besucht.

Mit ausdruckslosem Gesicht sitzt Mohamad an einem Plastik-Klapptisch. Es ist Nacht. Licht spendet nur die Straßenlaterne über ihm. Der 16 Jahre alte Bursch malt bedächtig ein Herz auf ein Blatt Papier. In die Mitte zeichnet er ein Vorhängeschloss. Der Stift kratzt. "Die neue Frau meines Vaters mag mich nicht. Nach einem lauten Streit hat sie mich hinausgeworfen. Er hat nichts gesagt", erzählt er, ohne den Blick zu heben.

Caritas-Alexandria-Chef Hany Maurice steht hinter Mohamad. Er wurde von daheim weggejagt: Die neue Frau des Vaters mochte ihn nicht. SN/michaela hessenberger
Caritas-Alexandria-Chef Hany Maurice steht hinter Mohamad. Er wurde von daheim weggejagt: Die neue Frau des Vaters mochte ihn nicht.

Das war vor sieben Jahren. Seither lebt Mohamad in der neun-Millionen-Stadt Alexandria auf der Straße. Schule, Arbeit, Wohnung? Hätte er gerne, gibt es aber nicht für ihn. Er hat keine Papiere. Deshalb putzt er Autos im Stau und bettelt in Smog und Staub um Geld. Er ist einer von vielen, die in Ägypten verstoßen und vergessen wurden.

Tausende Straßenkinder - ihre Anzahl ist unbekannt

Um die 25.000 Straßenkinder könnten es im ganzen Land sein, manche sprechen von zwei Millionen; genaue Zahlen kennt niemand. Auch das Kinderhilfswerk Unicef beklagt mangelnde Daten. Fix ist: Gewalt in der Erziehung kennen 93 Prozent aller Kinder. Schläge sind neben Trennungen ein Grund, warum Kinder von daheim ausreißen.

In dieser Nacht malt Mohamad Herzen. Vor neugierigen Blicken der Autofahrer auf der Straße schützt ihn ein Bus der Caritas. Mit ihm rückt jeden Abend ein Team aus, um einigen der Straßenkinder von Alexandria das Notwendigste für die Nacht zu bringen: Essen, Beschäftigung, einen Arzt - sowie ein kleines Stück Beständigkeit und Sicherheit in ihrer rauen Welt.

Caritas-Shelter: Ein sicherer Platz für 33 Burschen

Am nächsten Tag schlurft Mohamad durch die Tür in den großen Lichthof der Caritas-Notunterkunft ein paar Straßen weiter. Das Haus wurde mit Spenden aus Salzburg gebaut. Jeder Schritt hallt. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Mohammad wohnt hier nicht. Aber er darf sein dreckiges Gewand waschen. Und sich selbst. Nach einem Teller Essen verschwindet er.

Aus einem Nebenraum tönen laute Stimmen. Der Tonfall verrät, dass sie beten. Dreiunddreißig Kinder sagen Allah Dank für ihr Frühstück. Sie essen Foul, den typischen Bohneneintopf, dazu weißen Käse und Fladenbrot.

Der jüngste von ihnen, Karim, stopft sich Brot in die Backen. Er ist erst fünf Jahre alt - und so wie alle anderen hier ein Straßenkind, das bei der Caritas fix Unterschlupf gefunden hat. Oberstes Ziel im Haus: Die Kinder zurück zu ihren Eltern zu bringen. Dafür braucht es oft jahrelange Vorarbeit.

Psychologin kennt traurigste Geschichten

Die leistet auch Heba Yakout. Die Frau mit lila Kopftuch ist die Psychologin im Haus. Zu tun hat sie genug. Yakout erzählt die Geschichte von Karim. Er setzt sich zu ihr, zeigt ihr die Finger, die vom Basteln mit Ton ganz rot sind. "Die Polizei hat ihn uns gebracht. Der Vater ist wegen Drogen in Haft. Die Frau, die behauptet, Karims Mutter zu sein, kann dies nicht beweisen. Sie hat keine Papiere." Also lebt der Bub mit 32 anderen im Caritas-Haus. Bis der Vater freikommt. Oder länger.

Yakout bestätigt, dass etliche Kinder deshalb auf der Straße landen, weil sie neuen Beziehungen "im Weg" sind: "Neue Partner kommen und wollen einen absoluten Neustart. Da haben die Kinder aus früheren Beziehungen in deren Denken nichts mehr verloren." Dass Eltern so etwas akzeptieren, versteht sie nicht. Doch es ist Realität.

Keine Kuscheltiere für 32 Mädchen

Im „Girl’s Shelter“ ist die Stimmung anders als bei den Burschen. Nur Psychologin Heba Yakout wird genauso von den Kleinen vereinnahmt, wie im anderen Haus. SN/michaela hessenberger
Im „Girl’s Shelter“ ist die Stimmung anders als bei den Burschen. Nur Psychologin Heba Yakout wird genauso von den Kleinen vereinnahmt, wie im anderen Haus.

Eine kurze Busfahrt vom Caritas-Haus entfernt liegt die Notunterkunft für Mädchen. Die Caritas Alexandria hat es - aus gesetzlichen Gründen - in Zusammenarbeit mit einer muslimischen Organisation 2011 gegründet. Auch diese Wohngemeinschaft ist gut gefüllt und liegt in einem Haus in einer Sackgasse. Über die grob behauenen Stiegen gelangt morgens und am Vormittag nur, wer einen Schlüssel hat. "Sicherheitsvorkehrung", lautet die Erklärung. Die Mädchen seien nicht eingesperrt, sondern Gefahren würden - zumindest während der Nacht - ausgesperrt. Im Erdgeschoß befinde sich ein Gesundheitszentrum, Patienten von außerhalb könnten so daran gehindert werden, nach oben zu gehen.

Oben, das ist ein langer Gang, von dem die Zimmer wegführen. In einem frühstückt ein Teil der Mädchen. Es ist still, kaum eines spricht. Alles in allem ist die Stimmung kühler als drüben bei den Burschen. Auffällig: Weder in den Gemeinschaftsräumen noch in den Schlafzimmern der Mädchen liegt Spielzeug, keine Stofftiere sitzen auf den Betten. Auch wenn das Wichtigste - Sicherheit - hergestellt ist, mehr Geld könnte auch dieses Projekt vertragen.

Hany Maurice arbeitet viel mit seinen Augen, wenn er mit den Kindern spricht. Er fragt sie, scherzt, muntert sie auf. Für ihn singen sie ein Lied. Worum es geht? "Um einen Hasen, der sagt, dass man nichts vom Boden essen soll", erklärt der Caritas-Chef und schmunzelt. Singen und basteln, das sind Dinge, die die Kinder regelmäßig tun. Noch muss es ohne Spielzeug gehen.

Selbstmordgedanken und Missbrauch sind an der Tagesordnung

Heba Yakout, die Psychologin, arbeitet auch in diesem Notquartier. Bei den Burschen gebe es mehr Möglichkeiten für Therapie, das Arbeiten mit Ton zum Beispiel. Deshalb gebe es regelmäßige Besuche dort.

Wenn Yakout auftaucht, wird sie auch von den Mädchen bestürmt. Sofort sitzt das erste auf ihrem Schoß, kaum sechs Jahre alt ist es. Auch das zweite Knie ist schnell besetzt. Yakout deutet mit den Augen auf ein stilles älteres Kind auf einem Sofa. "Sie ist 16 und hat einige Selbstmordversuche hinter sich", erzählt sie.

Dann berichtet sie von einem anderen Mädchen, das gerade das Haus verlassen hat. Auch sie ist ein Straßenkind, lebte mit ihrem Vater unter freiem Himmel. Durch eine Spendenaktion kamen 20.000 ägyptische Pfund auf ein Konto für sie, rund 1000 Euro - und damit unheimlich viel Geld. Als der Vater davon erfuhr, versprach er, den beiden eine Wohnung anzumieten. Kaum hatte er die Pfund in der Hand, vergaß er sein Versprechen und verlangte, dass die Tochter ihren Cousin heiratet. Ein Teil des Geldes sollte ihre Mitgift sein. "Sie ist geflohen mit 16.000 Pfund, der er noch noch ausgegeben hatte. Ihre Freundinnen, die auch auf der Straße lebten, waren Prostituierte und wollten sie mitnehmen", sagt Yakout. Das wäre fatal gewesen; Mädchen, die auf der Straße leben, stehen ohnehin sofort im Verdacht, keine Jungfrauen mehr zu sein. Sie dann wieder in die Familie aufzunehmen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Besagtes Mädchen hatte Glück: Die Caritas konnte seinen Onkel ausfindig machen, bei ihm wohnt es nun.

Im Slum von Kairo leuchtet ein Licht

Ein Gang durch den Slum sorgt für ein mulmiges Gefühl. SN/michaela hessenberger
Ein Gang durch den Slum sorgt für ein mulmiges Gefühl.

Schauplatzwechsel: Wo die Straßen enden, dort beginnt Haggana. So heißt einer von rund 50 Slums, die 70 Prozent der Fläche Kairos bedecken. Baracken und Häuser wurden illegal gebaut. Was in dem Viertel geschieht, interessiert in Ägypten niemanden. Müllsammler wühlen sich durch die Berge von Plastik und anderem Abfall. Es stinkt. Bei einem Spaziergang im Dunklen zieht man automatisch die Schultern hoch und den Kopf ein. Tausende Gerüche arbeiten sich in die Nase. Unter einem Auto ohne Reifen jault ein Hund mit drei Beinen.

Zu Besuch bei einer Familie im Slum: Die Bastawros leben in einer kleinen, kalten Wohnung. Bildung für die Kinder ist ihnen das Wichigste, sagen sie. SN/michaela hessenberger
Zu Besuch bei einer Familie im Slum: Die Bastawros leben in einer kleinen, kalten Wohnung. Bildung für die Kinder ist ihnen das Wichigste, sagen sie.

An der Decke in Lotvi Bastawros Wohnzimmer gleißt eine Neonröhre und taucht den grünen Raum in ein bedrückendes Licht. Mitten im Slum von Haggana lebt der Elektriker mit seiner Familie. Am Boden liegen Teppiche. Es ist kalt. Sein Job bringt 1500 Pfund. Das sind 75 Euro. Seine Frau Mariam verdient in der Küche der koptischen Kirche vier Euro. Pro Monat. Ein angenehmes Leben Dank Arbeit? Fehlanzeige. Das meiste geben sie dafür aus, dass seine Kinder in die nahe Caritas-Schule gehen können. "Bildung ist der Weg zu einem anderen Leben", sagt die Mutter. Sie und ihr Mann hatten diese Chance nicht. Umso mehr übt und lernt Mariam mit den Kindern, dass diese aus dem Slum entkommen - wenn Gott das will, wie die Ägypter zu sagen pflegen.

In der Caritas-Schule von Haggana lernen Mädchen und Burschen. Viele schließen die Schule ab, ein paar schaffen es auf die Uni. Als die Caritas mit Pressevertreterinnen zu Besuch war, begrüßten sie die Gäste aus Salzburg mit Musik, Tanz und Theater:

Die Reise wurde von der Caritas unterstützt. Sie wollen Straßenkindern helfen? Spenden: IBAN AT11 3500 0000 0004 1533, BIC RVSAAT2S.

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