Kopf des Tages

Jordan Bardella - junger Spitzenkandidat mit alten Parolen im EU-Wahlkampf gegen Macron

"Migrantenflut" und "Vaterlandsliebe" - mit alten Parolen führt ein 23-Jähriger Frankreichs Rechtspopulisten in die Europawahl. Jordan Bardella heißt der Spitzenkandidat der Partei Rassemblement National (RN, Nationale Sammlungsbewegung) von Marine Le Pen.

Jordan Bardella SN/AP
Jordan Bardella

In Umfragen liefert sich Bardella ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Partei des Pro-Europäers Emmanuel Macron. Für den Staatschef wäre ein Sieg am 26. Mai ein wichtiges Signal in der Vertrauenskrise um die "Gelbwesten" - aber dieser ist keineswegs ausgemacht.

Bardella vertritt die Generation Nation - so heißt die Jugendorganisation der Partei. Der Benjamin unter den EU-Spitzenkandidaten soll gezielt Jungwähler ansprechen, die der früheren Front National bereits 2014 zum Triumph bei der Europawahl verhalfen. Le Pen spricht von einem "Referendum für oder gegen Emmanuel Macron".

Das Kalkül könnte aufgehen: Gut zehn Tage vor der Wahl liegt die Nationale Sammlungsbewegung in Umfragen nahezu gleichauf mit Macrons Partei La République en Marche (LREM). Mehrere Meinungsforschungsinstitute sehen die Rechtspopulisten sogar als Sieger.

Nach Ansicht Bardellas sollte ein "Europa der Nationen" an die Stelle der EU treten. Für einen "Frexit" - einen EU-Austritt Frankreichs - wirbt er aber ebenso wenig wie für einen Ausstieg aus dem Euro. Für beides gibt es laut Umfragen keine Mehrheit.

Anstelle eines Europaprogramms setzt die RN auf innenpolitische Themen: Bei einem Sieg werde die Partei die "höllische Flut" der Flüchtlinge stoppen und Islamisten "in die Knie zwingen", sagt Bardella. In mancher Pariser Vorstadt hätten "40 Prozent der Neugeborenen einen arabisch-muslimischen Vornamen".

Lebender Widerspruch für Fremdenfeindliche

Als Sohn italienischstämmiger Eltern ist Bardella ein lebender Widerspruch bei den einwanderungsfeindlichen Rechtspopulisten. Seine Eltern hätten sich aber "assimiliert, arbeiten und lieben Frankreich", betont der 23-Jährige aus Saint-Denis nördlich von Paris, das seit den Anschlägen von 2015 einen Ruf als Islamisten-Hochburg hat. Seine Herkunft versucht er durch geschliffenes Französisch und korrekt sitzende Jacketts wettzumachen.

Italien ist für Bardella auch politisch "ein Vorbild", wie er sagt: Innenminister Matteo Salvini von der rechtsextremen Lega habe es geschafft, die Zahl der Asylanträge um 65 Prozent zu senken, lobt der Spitzenkandidat.

Bardellas politische Ziehmutter Le Pen nimmt am Samstag in Mailand auf Einladung Salvinis zusammen mit AfD-Chef Jörg Meuthen am Gründungstreffen der Allianz "Europa des gesunden Menschenverstands" teil. Daraus soll eine neue Rechts-Fraktion im Europaparlament erwachsen. Bei dem Treffen in Mailand wird auch FPÖ-EU-Spitzenkandidat Harald Vilimsky erwartet.

Wenn Bardella ins Europaparlament einzieht, wäre dies sein erstes politisches Mandat. Er studierte Geografie an der Pariser Sorbonne-Universität, bevor er sich ganz der Parteiarbeit widmete. Seit März 2018 gehört er dem Präsidium des Rassemblement National an.

Für den Jungpolitiker spricht innerhalb der Partei, dass er von Skandalen unbelastet ist. Gegen Le Pen und andere RN-Verantwortliche ermittelt die Justiz, weil sie Parteimitarbeiter als Assistenten im Europaparlament ausgaben. In den Jahren 2009 bis 2017 sollen die selbsternannten Verteidiger von Recht und Ordnung so insgesamt sieben Millionen Euro aus öffentlichen Geldern hinterzogen haben.

Am Mittwochabend muss Bardella den Testlauf bestehen: Dann tritt er zu einem TV-Duell gegen Macrons Spitzenkandidatin Nathalie Loiseau an. Der redegewandte Jungpolitiker dürfte sich die Nöte der früheren Europaministerin zunutze machen: Der 54-Jährigen macht ausgerechnet die Enthüllung zu schaffen, dass sie als Studentin auf einer Liste mit Rechtsextremen kandidiert hatte.

Quelle: Apa/Afp

Aufgerufen am 09.12.2019 um 02:14 auf https://www.sn.at/panorama/international/jordan-bardella-junger-spitzenkandidat-mit-alten-parolen-im-eu-wahlkampf-gegen-macron-70262734

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