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Lästerlyriker zwischen den Stühlen: Hans Scheibner wird 80

Er war ein Star der "Hamburger Szene", schrieb den Hit "Schmidtchen Schleicher" und verglich Soldaten mit Mördern: Hans Scheibner hat den Geist der Republik mitgeprägt. Am Samstag (27. August) feiert der Satiriker 80. Geburtstag - und startet zu einer neuen Tournee.

Lästerlyriker zwischen den Stühlen: Hans Scheibner wird 80 SN/dpa
Hans Scheibner.

"Bobby Reich", schlägt Hans Scheibner spontan als Treffpunkt für das Interview zu seinem 80. Geburtstag vor. An dem Traditionslokal an der Außenalster mit Panoramablick auf die Hamburger City starte er gern seine Segelpartien. Außerdem habe er dort viele Außenaufnahmen für die beliebten NDR-Politsatiren "Walther und Willy" (2001-2006) gedreht, sagt der Kabarettist, Kolumnist, Stückeschreiber und Liedermacher ("scheibnerweise", "Schmidtchen Schleicher").

"Ich liebe Hamburg über alles", sagt Scheibner, der am 27. August 1936 in der Hansestadt geboren wurde, auf der Terrasse mit den Bootsstegen und rührt nachdenklich im Kaffee. In der Stadt erlebte er als Kind die Bombennächte, später identifizierte er sich mit dem Understatement der Einwohner.

In Hamburg wirkten auch seine Vorbilder Heinrich Heine (1797-1856) und Joachim Ringelnatz (1883-1934). Dass er selbst einmal seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen satirischer Texte verdienen würde, war dem Sohn eines kleinen Speditionsunternehmers nicht in die Wiege gelegt. Wie es dazu kam, dass er bereits als Kind diese Neigungen auslebte und nach einer kaufmännischen Lehre als Verlagsvolontär auf einer Privattheaterbühne stand, schildert Scheibner in seinem Buch "In den Himmel will ich nicht!". Andere Geburtstags-Projekte sind die CD "Und plötzlich ist der Himmel wieder offen" und die Tournee "Skandale und Liebe", die am 27. August beginnt.

Seine wohl größte Zeit erlebte der Künstler in der "Hamburger Szene" der 1970er Jahre. Scheibner machte Furore mit seinem Song "Ich mag so gern am Fließband stehn" und veröffentlichte Lästerlyrik-Bände. Zuvor hatte der Autor bereits für Gottfried und Lonzo von der "Rentnerband" die Hymne "Hamburg 75" verfasst. Etwas später erschien Scheibners LP "Achterndiek", deren Titellied zum Anti-Atomkraft-Hit geriet. Ein Volltreffer wurde 1979 die Spottballade "Das macht doch nichts, das merkt doch keiner!", die der Verfasser stets um politisch aktuelle Strophen erweiterte.

Scheibner verursachte selbst immer wieder Karriereknicks - etwa, wenn er 1985 in der NDR-Talkshow Soldaten mit Mördern verglich, woraufhin seine ARD-Sendung "scheibnerweise" abgesetzt wurde. Dabei hatte er sein politisches Bewusstsein relativ spät entwickelt. "Nach dem Krieg ging es ja zunächst um materielle Dinge. Was politisch dahinter steckte, habe ich erst in den 1960er Jahren bemerkt - auch in Diskussionen mit meinem Vater, der unter den Nazis Soldat gewesen war", erinnert sich Scheibner. In jungen Jahren habe er vielmehr nach dem Sinn von Leben und Sterben gesucht: "Ich las Sokrates, Platon, Aristophanes, Lessing, Nietzsche, Kierkegaard."

Kirche und Religion hat er dabei genauso abgeschworen wie später dem zeitgeistkonformen Marxismus. Deshalb erschien der Kabarettist, der gern auch Zwischenmenschliches ("Wer nimmt Oma?") aufs Korn nimmt, den Linken oft zu konservativ und den Konservativen zu links. "Zwischen den Stühlen" ist eine Haltung, die Scheibner schätzt: "Ich mag nicht, was verbittert ernsthaft oder ewig betroffen ist - dicht neben dem Pathetischen liegt ja meist die Komik. Zudem darf man nicht vergessen, dass auch Gegner Menschen sind, die ihre Ideen haben und Verständnis verdienen." Kritik und Lebensgenuss schließen sich eben nicht aus für den Künstler, der in zweiter Ehe mit Petra Verena Milchert verheiratet und begeisterter Vater von vier Töchtern im Alter von 21 bis 29 Jahren ist.

Für sein bisheriges Schaffen bilanziert Scheibner: "Seit Willy Brandt gibt es bei uns ein bisschen mehr Bewusstsein für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung - dazu hoffe ich, meinen bescheidenen Beitrag geleistet zu haben." Gibt es etwas, was er bereut? "Vielleicht habe ich zu viele Kolumnen geschrieben - das bindet ein bisschen die Kreativität. Die hätte ich mehr in Stücke investieren sollen", sagt der fast 80-Jährige - der seine nächste Beziehungskomödie, noch nicht ganz fertig, in der Schublade hat.

Quelle: Apa/Dpa

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