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Lieber vier Frauen als nur eine: Polygamie in Südafrika

Die Zwillinge Owami und Olwethu Mzazi teilen sich mit ihrem Mann ein Ehebett. Johannes Mzobe ist stolz, dass er sogar vier Frauen hat. Und 22 Kinder. Polygamie ist in Südafrika legal. Wohlhabende Männer nehmen sich gerne jüngere Frauen als zusätzliche Gattinnen.

Lieber vier Frauen als nur eine: Polygamie in Südafrika SN/AP
Symbolbild.

Vom Aufteilen des Einkaufs bis zum regelmäßigen Geschlechtsverkehr: Alle Ehefrauen müssen gleich behandelt werden. Das erklärt Musa Mseleku, der in Südafrika mit vier Frauen verheiratet ist. Hier ist Polygamie erlaubt. Die Gleichbehandlung sei das Geheimnis für eine erfolgreiche polygame Ehe, sagt der 42 Jahre Vater von neun Kindern. Er schlafe jede Nacht mit einer anderen seiner vier Frauen. Für ihn ist es kein Widerspruch, mehrere Frauen gleichzeitig zu lieben. "Meine Unterstützung für sie, mein Kümmern sollte für sich sprechen."

Polygamie ist in Südafrika immer noch weit verbreitet. Schätzungen zufolge leben Hunderttausende Menschen in polygamen Ehen, vor allem innerhalb der größten Volksgruppe des Landes, den rund 11 Millionen Zulus. Die meisten von ihnen leben auf dem Land, vor allem in der südlichen Provinz KwaZulu-Natal. Kritiker sehen in diesen Ehen ein patriarchalisches Relikt: Es ist nur Männern erlaubt, mehrere Frauen zu haben. Aber politisch genießt Polygamie in Südafrika größtmögliche Rückendeckung. Präsident Jacob Zuma hat selbst vier Frauen.

Als Busisiwe Mseleku (40) ihren Mann 2002 heiratete, dachte sie nicht, dass er noch andere Frauen haben wollte. Doch 2007 heiratete er die vier Jahre jüngere Nokukhanya Mayeni. "Es gab dazu nicht viel zu sagen", erinnert sich die erste Frau. "Wenn der Mann etwas tun will, dann lege ich ihm keine Steine in den Weg." Zwei Jahre später heiratete er zwei weitere Frauen. Die jüngste von ihnen ist heute gerade mal 27 Jahre alt. "Es gab Meinungsverschiedenheiten, aber wir mussten friedlich zusammenarbeiten."

Mselekus Kinder - das jüngste ist zwei Monate alt, das älteste schon 22 - sind offenbar an die Großfamilie gewöhnt und nennen alle Frauen "Mami". Mseleku ist ein wohlhabender Unternehmer. Seine Frauen haben auf dem Land seiner Familie je ein kleines Haus, jede hat ihr eigenes Auto. Vom Grundstück seiner Vorfahren in KwaMadlala auf einem Hügel geht der Blick über die saftig grünen Hügel von KwaZulu-Natal, unterbrochen nur von kleinen Dörfern und Rinderherden. Rund zehn Kilometer weiter südlich funkelt der Indische Ozean.

Busisiwe, die älteste der Frauen, muss dafür sorgen, dass die Idylle erhalten bleibt. Sie hat eine herausgehobene Rolle, vergleichbar etwa mit der Autorität einer ältesten Schwester. Sie schlichtet Streit, beim Einkaufen sorgt sie dafür, dass alle Frauen den gleichen Anteil bekommen. Jeden Sonntag und bei allen größeren Gelegenheiten wie Geburtstagen kommt die ganze Familie zusammen. Eifersucht sei für sie kein Thema, sagt Busisiwe. "Ich habe meinen Stolz, ich stehe mit niemandem in Konkurrenz. Ich überwache nicht, wie viel Zeit er mit wem verbringt."

Mselekus zweite Frau Nokukhanya hingegen räumt ein, dass es ihr nicht leicht fällt, ihren Gatten zu teilen. "Man kann es nicht einfach so akzeptieren", sagt die 36-Jährige. Als er noch zwei weitere Frauen heiratete habe sie sich gefragt, ob sie etwas falsch gemacht habe. "Mache ich ihn nicht glücklich? Inzwischen kenne sie die anderen Frauen aber gut und akzeptiere sie "als Schwestern".

Südafrikas Gesetze erlauben Polygamie ganz klar. Männer müssen ihre Frau beziehungsweise ihre Frauen vor einer weiteren Heirat nicht um Zustimmung bitten. Das Gesetz schreibt einzig vor, dass Männer in einem solchen Fall mit einer Art Ehevertrag ihren Besitz regeln müssen. Die Anforderung wird Experten zufolge aber oft missachtet, sei es aus Unwissen oder absichtlich.

Die Behörden zählen nicht, wie viele Menschen in Südafrika tatsächlich in polygamen Ehen leben. Basierend auf einem Zensus aus dem Jahr 2003, für den rund 8000 Menschen befragt wurden, wird geschätzt, dass rund vier Prozent der verheirateten oder langfristig liierten Südafrikaner polygam leben. Das wären Hunderttausende. Gugulethu Mkhize, die an der Universität KwaZulu-Natal, Zulu-Kultur unterrichtet, schätzt sogar, dass bis zu zehn Prozent der schwarzen Südafrikaner in polygamen Ehen leben. In Südafrika leben etwa 56 Millionen Menschen, rund 80 Prozent davon sind schwarzer Hautfarbe.

Der prominenteste Polygamist, neben Präsident Zuma, ist König Goodwill Zwelithini, das traditionelle Oberhaupt der Zulus, dessen Lebensstil auch im Wesentlichen von Steuerzahlern finanziert wird. Er hat Berichten zufolge sechs Frauen und etwa 25 Kinder. Das wird nur in den Schatten gestellt vom Nachbarn in Swasiland, König Mswati III., dem letzten absoluten Monarchen Afrikas. Er soll bereits 15 Mal das Ja-Wort gegeben haben. Wie viele Kinder er hat, ist nicht bekannt.

Für die eineiigen Zwillinge Owami und Olwethu Mzazi war immer klar, dass sie den gleichen Mann heiraten wollen. Vor fünf Jahren trafen die damals 21-Jährigen den Regisseur Mzu Mzazi. "Er war so liebevoll", sagt Owami. "Wir waren Jungfrauen, aber er hat nichts gefordert oder uns zum Sex gedrängt." Der Tradition folgend verhandelte Mzazi mit den Eltern der Zwillinge den Brautpreis, dann zogen sie zusammen in ein Haus bei Johannesburg. Die drei schlafen sogar im gleichen Bett. "Wenn eine von ihnen keine Lust auf Sex hat, dann wahrscheinlich die andere", sagt ihr 52 Jahre alter Gatte. "Die erste kann dann immer noch mit uns kuscheln."

Vor rund vier Jahren haben beidem Frauen eine Tochter geboren, die Mädchen sind nur zwei Monate auseinander. Weil die Zwillinge ihr ganzes Leben lang fast alles zusammen gemacht haben, gebe es auch in der ungewöhnlichen Ehe keine Eifersucht, sagt Olwethu. Wenn es aber eine dritte Frau gäbe, "das wäre schwierig", räumt Owami ein.

In den meisten polygamen Ehen ist Eifersucht jedoch ein großes Problem, erklärt Sihawukele Ngubane von der Universität KwaZulu-Natal in Durban. "Es gibt Eifersucht und Konkurrenzdenken. Für die meisten modernen Zulus kommt Polygamie heute nicht mehr in Frage." Er habe Familien daran zerbrechen sehen, erzählt Malibongwe Xaba, ein Autor aus Johannesburg.

Auch für Amanda Tobo, eine 29 Jahre alte Studentin in Johannesburg, ist Polygamie keine Option. "Ich glaube nicht, dass ein Mann mehrere Frauen gleichzeitig lieben kann." Allzu oft gehe es nur einem älteren Mann darum, sich eine jüngere Frau zu besorgen. Ihr 62 Jahre alter Onkel aus KwaZulu-Natal etwa habe kürzlich eine 28-Jährige zur zweiten Frau genommen. Seine nur etwa zehn Jahre jüngere erste Frau bekomme ihn fast nicht mehr zu Gesicht. "Männer wollen immer am meisten Zeit mit der jüngsten Frau verbringen."

Das Christentum verurteilt Polygamie, doch das hält viele Südafrikaner nicht ab. Befürworter argumentieren, dass es für die Frauen in Südafrika zu wenig geeignete Männer gebe, die es sich leisten könnten, eine Familie zu gründen. Zudem seien Scheidung, Untreue und damit uneheliche Kinder bei polygamen Ehen kein Problem, so die Befürworter weiter. "Es gibt in vielen Ländern inoffizielle Polygamie", sagt Mzazi. Weiße Männer, die nebenher Affären hätten, seien schlicht unehrlich.

Ein weiterer Grund, wieso viele traditionelle Zulus an der Polygamie festhalten, ist die Verehrung der Ahnen. Je mehr Kinder jemand habe, desto größer sei seine Chance, bis lange nach seinem Tod verehrt zu werden, erklärt der Anthropologe Hylton White von der Universität Witwatersrand in Johannesburg. Zudem sei die Größe der Familie im traditionellen Denken ein Zeichen des Wohlstands, fügt er hinzu. Für Mseleku etwa ist auch entscheidend, was nach seinem Tod zurückbleibt. "Geld oder Autos sind nur materielle Werte. Nur Menschen können deine Überzeugungen über deine Existenz hinaus weiter tragen."

Polygamie ist in Südafrika meist wohlhabenderen Männern vorbehalten, wegen des Unterhalts, aber auch weil für jede Frau ein Brautpreis gezahlt werden muss. Das Brautgeld "Lobola" kann von 5000 Rand (320 Euro), dem Monatslohn eines Arbeiters, bis zu 100 000 Rand (6400 Euro) betragen. Das ist viel Geld in einem Land, in dem nahezu ein Drittel der Bevölkerung arbeitslos ist.

Traditionell wurde das Brautgeld mit Kühen bezahlt. So lief es auch im Fall von Johannes Mzobe. Der Landwirt, heuet 65 Jahre alt, lebt mit seinen vier Frauen, den meisten seiner 22 Kinder und rund 35 Enkelkinder im Dorf Mvuzane bei KwaMadlala. Für seine Frau Mildred Matthophe ist Polygamie der natürliche Weg der Dinge. "Wenn eine Frau krank wird, wer würde denn dann sonst ihre Pflichten übernehmen?", fragt sie. Mzobe ernährt die Großfamilie durch Rinderhaltung und den Anbau von Mais und Gemüse. "Es ist ein Naturgesetz, dass Männer mehr als eine Frau haben müssen", sagt er. "Ein Mann hat mehr sexuelle Energie." dpa

Quelle: Sinikka Tarvainen Und Jürgen Bätz

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