Kopf des Tages

Mesut Özil - vom Fußballweltmeister zum Buhmann

Kaum ein anderer Fußballprofi löst derzeit so emotionale Diskussionen aus wie der bald 30-jährige Mesut Özil. Der aus Gelsenkirchen stammende Profi wurde mit Deutschland 2014 Fußballweltmeister. Aber er war auch stets stolz auf seine türkischen Wurzeln. Das löste zuletzt Spannungen aus, die in eine Eskalation mündeten.

92 Länderspiele und 23 Tore für Deutschland – Mesut Özil. SN/gepa pictures/ michael riedler
92 Länderspiele und 23 Tore für Deutschland – Mesut Özil.

2011, 2012, 2016 und 2018 - in diesen Jahren fanden nicht nur wichtige Fußballspiele bzw. -turniere statt. Es waren auch Jahre, in denen sich zwei bekannte Männer trafen. Der eine heißt Mesut Özil, geboren am 15. Oktober 1988 in Gelsenkirchen/Deutschland. Der andere heißt Recep Tayyip Erdogan, geboren am 26. Februar 1954 in Kasimpasa bei Istanbul (Türkei).

Özil erlangte Bekanntheit als Fußballprofi, als gefinkelter Mittelfeldspieler mit genialen Offensivpässen und Toren. Erdogan stieg zum Präsidenten der Türkischen Republik auf, als kompromissloser Taktiker mit Hang zu diktatorischem Verhalten.

Die ersten drei Treffen dieser Männer verliefen weitgehend unbeachtet. Doch die Begegnung am 13. Mai 2018 in der türkischen Botschaft in London löste einen Wirbel aus, dessen Nachhall politische Dimensionen annahm. Der umstrittene Politiker Erdogan befand sich zu dieser Zeit im Wahlkampf, es ging um den Ausbau seiner Macht.

Vor allem jenes Foto, das Özil mit Erdogan zeigt, löste in Deutschland großen Wirbel aus. Auf Özil prasselte Kritik ein. Ihm wurde Wahlkampfhilfe für den Autokraten vom Bosporus unterstellt (der ebenfalls mitabgebildete DFB-Profi Ilkay Gündogan ging nach Veröffentlichung der Fotos auf Distanz, was die Kritik an ihm zumindest abmilderte).

Die Empörungswelle wollte in den folgenden Wochen nie richtig verebben. Die deutsche Fußballnationalmannschaft bereitete sich nämlich in jener Zeit auf die WM-Endrunde in Russland vor. Die Leistungen in den Testspielen waren alles andere als berauschend. Auch Özil spielte nur mittelmäßig, beim 1:2 gegen Österreich in Klagenfurt gelang ihm zumindest ein Tor.

Und dann kam das Desaster in Russland. Die Deutschen, immerhin Titelverteidiger, flogen in der Vorrunde aus dem Turnier. Bei den Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea spielte Özil durch und zählte dabei zu den schwächsten Spielern auf dem Platz.

Die deutsche Öffentlichkeit war über den Auftritt der Mannschaft entsetzt. Mesut Özil war der willkommene Sündenbock, zumal er sich bis dahin auch nicht zu den Erdogan-Fotos erklärend geäußert hatte.

Erst am 22. Juli, eine Woche nach dem WM-Finale, nahm Özil via Twitter in englischer Sprache Stellung. Neben seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft äußerte er in seinen Tweets auch scharfe Kritik am DFB, dem er Rassismus vorwarf.

Die Debatten gehen damit ungebrochen weiter. Politiker aus der Türkei und Deutschland geben im Minutentakt Wortspenden ab. Vom dauerpolternden Bayern-München-Präsidenten Uli Hoeneß musste er sich das anhören: "Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto."

Kontroversen haben Özil während seiner gesamten Karriere begleitet. Die einen feierten ihn als Coverboy der (Fußball)-Integration, für die anderen war Özils deutsche Staatsangehörigkeit nichts anderes als ein Stück Papier. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte er im Jahr 2010 einmal: " "Ich habe in meinem Leben mehr Zeit in Spanien als in der Türkei verbracht - bin ich dann ein deutsch-türkischer Spanier oder ein spanischer Deutsch-Türke? Warum denken wir immer so in Grenzen? Ich will als Fußballer gemessen werden - und Fußball ist international, das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun."

In seinem Rücktritts-Tweet schrieb Özil jetzt: "Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber meine Familie ist stark in der Türkei verwurzelt. Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches. In meiner Kindheit hat mir meine Mutter beigebracht, immer respektvoll zu sein und nie zu vergessen, wo ich herkomme - an diese Werte denke ich bis heute".

Der Spagat zwischen deutscher und türkischer Herkunft ist Özil oft gelungen. Aber nicht immer.

Aufgerufen am 01.12.2021 um 08:40 auf https://www.sn.at/panorama/international/mesut-oezil-vom-fussballweltmeister-zum-buhmann-36819346

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