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Poetische Landvermesserin: Marie-Therese Kerschbaumer wird 80

Die Tiroler Autorin Marie-Therese Kerschbaumer ist eine der gewichtigsten Stimmen der heimischen Literaturlandschaft. Ihr emphatisches Auftreten gegen den Zeit-Ungeist der Geschichte wie der Gegenwart prägt auch das vielfältige Werk der Schriftstellerin, das sich von engagierter Prosa über Essays und Hörspiele bis zu zarter, bildmächtiger Lyrik spannt. Am Mittwoch feiert sie ihren 80. Geburtstag.

Poetische Landvermesserin: Marie-Therese Kerschbaumer wird 80 SN/lienbacher
Marie-Therese Kerschbaumer 2007 im Literaturhaus Salzburg.

Als poetische Landvermesserin hat sich Kerschbaumer in die österreichische Literaturgeschichte eingeschrieben. Zu ihrem Geburtstag legt sie auch ein neues Werk vor: "Chaos und Anfang. Ein Poem" nennt sich das im Wieser Verlag erscheinende Werk, in dem laut Ankündigung "die Erkenntnisse der Weltraumphysik und die Erinnerung an mythische Dichtung ihren sprachlichen Ausdruck" finden. "In einer Zusammenschau zwischen lyrischer Prosa und Naturwissenschaft, zwischen Mythos und Gegenwart, versucht Marie-Therese Kerschbaumer eine metonymische Darstellung für das, was die Menschheit im Begriffe steht, mit den neuesten Mitteln zu erforschen."

Tochter einer vefolgten Österreicherin und eines Kubaners

Marie-Therese Raymonde Angele Kerschbaumer, so ihr voller Name, wurde am 31. August 1936 bei Paris als Tochter einer im Nationalsozialismus verfolgten Österreicherin und eines Kubaners geboren. Die ersten drei Lebensjahre verbrachte sie in Costa Rica, 1939 kam sie nach Tirol und wuchs bei den Großeltern auf. Nach einer kaufmännischen Lehre und Aufenthalten in England und Italien lebt Kerschbaumer seit 1957 in Wien.
1971 heiratete die studierte Romanistin und Germanistin den 2004 verstorbenen Maler und Musiker Helmut Kurz-Goldenstein.

Ihren ersten Band "Gedichte" veröffentlichte Kerschbaumer 1970 als Lektorin in Bukarest, 1976 folgte der Roman "Der Schwimmer".
Ihre von Susanne Zanke verfilmte Dokumentation "Der weibliche Name des Widerstands" (1980) über acht in der Nazizeit ermordete Österreicherinnen gilt heute als eines der Grundbücher der österreichischen Literatur nach 1945.
Mit ihrem "Familienroman" "Schwestern" (1982) verfasste Kerschbaumer eine Geschichte des weiblichen Ich im österreichischen Bürgertum in den politisch-ökonomischen Zusammenhängen von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart.

Lyrikerin, Erzählerin, Übersetzerin

Als "schief autobiografische Trilogie" bezeichnete sie ihren zwischen 1992 und 2000 erschienenen Romanzyklus "Die Fremde - Ausfahrt - Fern", in dem ein Mädchen namens Barbarina als "Diebin ihrer ungewissen Freiheit" den Ausbruch aus dem Tiroler Bergdorf ihrer Kindheit in die Fremde wagt.
In den vergangenen Jahren sind unter anderem der Lyrikband "Bilder immermehr" (1997), die Prosasammlung "Orfeo. Bilder. Träume" (2003), "Neun Elegien" (2004, Deutsch/Spanisch), der Essayband "Calypso" (2005) oder 2006 "Wasser und Wind. Gedichte 1988-2005" erschienen. Es folgten "Gespräche in Tuskulum. Ein Fragment. Viertes Buch" (2009), der Essayband "Freunde des Orpheus" (2011) und der Essay "Res publica - Über die öffentliche Rede in der Republik" im Jahr 2014.

Im Wieser Verlag erschien vor zehn Jahren eine zwölfbändige Werkauswahl.
Der verstorbene Germanist Wendelin Schmidt-Dengler hat das Werk der vielfach ausgezeichneten Dichterin, die auch als Übersetzerin aus dem Rumänischen arbeitet, als "eine Schule des gewissenhaften Lesens" bezeichnet. Sie selbst meinte einmal: "'Neuromantikerin' würde mir gefallen".
Als Vizepräsidentin der IG Autoren Autorinnen (1989 bis 1995), die nach dem Tod von IG-Autoren-Präsident Milo Dor auch als dessen Nachfolgerin im Gespräch war, setzte Kerschbaumer sich auch immer wieder für die Anliegen ihrer Kollegen ein. "Wer Spaghetti ohne h schreibt, soll nur noch Nudeln essen", polemisierte sie etwa gewohnt pointiert gegen die Rechtschreibreform.

Gemeinsam mit Robert Schindel und Julian Schutting lancierte sie 2004 ein "Autorenmanifest pro Austrokoffer". Durch ihre Bereitschaft, als Mitherausgeberin zu fungieren, trug sie wesentlich dazu bei, dass Günther Nennings von zahlreichen Autoren boykottierte Anthologie zum Jubiläumsjahr als "Landvermessung" doch noch zustande kam.

Quelle: APA

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