Putin kommt nicht nur wegen der Braut

Die Außenministerin will an ihrem schönsten Tag im Leben Wladimir Putin bei sich haben. Das ist eine Geschmacksfrage.

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Standpunkt Manfred Perterer

Die Aufregung in der Wiener Twitter-Blase um den bevorstehenden Besuch des russischen Staatspräsidenten in Österreich ist groß. Die selbst ernannten Wächter über politische Sitte und Moral echauffieren sich darüber, dass Außenministerin Karin Kneissl Wladimir Putin zu ihrer Hochzeit eingeladen hat.
Was sie noch mehr entsetzt: dass der Kremlchef
diese Offerte tatsächlich angenommen hat.

Ein grüner EU-Abgeordneter forderte Kneissl bereits zum Rücktritt auf. Die Einladung schade Österreich massiv. Andere verlangen, dass die Ministerin die Kosten für die Sicherheit des Gastes selbst übernehmen soll. Auch aus der Ukraine kommen kritische Töne. Österreich habe mit der Einladung seine neutrale Position verlassen und könne daher nicht mehr als Vermittler in der Krimkrise auftreten.

Nun geht der Auftritt eines der mächtigsten Politiker der Welt bei einer Hochzeitsfeier tatsächlich über eine reine Privatangelegenheit hinaus. Wladimir Putin kann so wie Donald Trump oder Angela Merkel nirgendwo auf der Welt auf ein Glas Wein vorbeischauen und den Gastgebern einmal kurz Hallo sagen, ohne dass es Aufregung gibt. Der Verlust des Privaten ist der Preis der Macht, den diese Menschen zahlen. Eine Unterscheidung kann bestenfalls zwischen offiziell und inoffiziell gemacht werden.

Die Außenministerin kann sich ihre Hochzeitsgäste natürlich aussuchen. Dass sie Wladimir Putin am schönsten Tag ihres Lebens unbedingt dabeihaben möchte, ist eine Geschmacksfrage. Aber es ist ihre
Sache.

Der russische Präsident kommt in die Südsteiermark ohnehin nicht nur wegen der Braut, die er kaum kennt, und der atemberaubenden Landschaft, sondern wohl auch in "privater" politischer Mission:
Österreich hat den EU-Vorsitz inne, Kurz und Strache sind auch bei der Hochzeit, da kann es nie schaden, ein wenig zu antichambrieren und vielleicht wieder einmal einen kleinen Keil in die Union zu treiben.
Immerhin gibt es EU-Länder, die wie Österreich die Sanktionen gegen Russland aufheben wollen. Deutschland ist hingegen für deren Beibehaltung.

In Deutschland liegt das eigentliche Reiseziel
Putins. Er will am Samstag zu Angela Merkel, mit der er sich nahe Berlin treffen wird. Der Besuch auf Karin Kneissls Hochzeit ist nicht mehr als ein kleiner Abstecher auf dem Weg zur mächtigsten Frau der Welt. Aber wenn er schon einmal einen Zwischenstopp in Österreich einlegt, sollten wir auch mit ihm reden.
So wie es die deutsche Bundeskanzlerin ja auch tut.

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