Die Kirche hat offenbar nichts gelernt

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Standpunkt Manfred Perterer

Verharmlosen, vertuschen, verschleiern, verschweigen, verleugnen. So sah im Großen und Ganzen der Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema Missbrauch von Kindern, Jugendlichen, Mädchen, Frauen, Buben und Männern durch Priester und Laienmitarbeiter aus. Der Schutz der Täter und der Institution stand im Vordergrund der Interessen und nicht der Schutz der Opfer. Selbst überführte Täter in der Soutane wurden viel zu oft nicht zur Rechenschaft gezogen, sondern ganz einfach an einen anderen Ort versetzt, wo sie sich von Neuem an unschuldigen Kindern vergreifen konnten.

Die vielen Bemühungen, auch in Österreich, das zu ändern, haben jetzt einen herben Rückschlag erlitten. Das jüngste Musterbeispiel für die alte, unerträgliche Verharmlosung abscheulichen Verhaltens lieferte ausgerechnet der ehemalige Papst Benedikt XVI. In seiner Stellungnahme zum Untersuchungsbericht über 497 Missbrauchsfälle in der Erzdiözese München fabulierte der damalige zuständige Bischof davon, dass ein beschuldigter Pfarrer sich vor kleinen Mädchen "nur" entblößt und eine Masturbation angedeutet habe. Kirchenrechtlich sei das nicht mit "Berühren" gleichzusetzen. Und daher nicht so tragisch?

Der vormals oberste Repräsentant des Heiligen Stuhls hat offenbar genauso wenig dazugelernt wie andere Repräsentanten der Kirche, die betreten schweigen. Es ist Zeit, dass Männer in der Kirche (Frauen gibt es leider keine in verantwortungsvollen Positionen) aufstehen und ihre Stimme erheben, bevor ihr die letzten Getreuen davonlaufen. Sie dürfen nicht zulassen, dass eine der menschlichsten Glaubensbotschaften der Welt durch das Bodenpersonal auf grausame Weise konterkariert wird.

Aufgerufen am 22.05.2022 um 10:33 auf https://www.sn.at/panorama/international/standpunkt-die-kirche-hat-offenbar-nichts-gelernt-115845088

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