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Suche nach Verschütteten in Genua zweite Nacht in Folge

Nach dem Brückeneinsturz in Genua hat die italienische Regierung umfassende Konsequenzen angekündigt: Sie verhängte am Mittwoch einen zwölfmonatigen Ausnahmezustand in der Hafenstadt. Bei einer Krisensitzung des Ministerrates in Genua sei außerdem eine Soforthilfe von fünf Millionen Euro freigegeben worden, sagte Ministerpräsident Giuseppe Conte. Die Zahl der Todesopfer stieg auf mindestens 39.

Ein grün-blauer Lastwagen ist zum Symbol des verheerenden Einsturzes der Morandi-Brücke in Genua geworden. Der Fahrer hat die Katastrophe am Dienstag um wenige Meter überlebt. "Ich konnte mich retten, weil ein Auto mich überholte und ich verlangsamte", erzählte der 27-jährige Luigi der Zeitung "La Repubblica". "Ich sah es mit den anderen abstürzen, habe schlagartig gebremst, den Rückwärtsgang eingelegt. Dann habe ich die Tür geöffnet und bin geflüchtet."

Auf Fotos ist zu sehen, wie nah der Lastwagen vor dem Abgrund steht. Auf einem Video streifen sogar noch die Scheibenwischer des Fahrzeugs hin und her. Mit laufendem Motor soll der Fahrer den Wagen zurückgelassen haben.

Der Genuese war für die lokale Supermarktkette Basko unterwegs. "Das ist ein Streckenabschnitt, den unsere Lieferwagen jeden Tag zurücklegen", sagte der Geschäftsführer Giovanni D'Alessandro der Wirtschaftszeitung "Il Sole 24 Ore". "Die Brücke ist stark befahren, man ist dort nicht mit hoher Geschwindigkeit unterwegs."

Der Lastwagen sei nicht das einzige Fahrzeug, das die Menschen bei der Flucht von der Brücke dort stehen gelassen hätten, sagte ein Sprecher des Verkehrsministeriums. Die Staatsanwaltschaft habe aus Ermittlungsgründen noch nicht angeordnet, sie abzuschleppen.

Unter den Opfern sind mindestens drei Minderjährige im Alter von acht, zwölf und 13 Jahren. 16 Menschen seien verletzt, der Zustand von zwölf Menschen sei kritisch, teilte die Präfektur mit. Es werde erwartet, dass die Zahlen weiter steigen, sagte Regionalpräsident Giovanni Toti nach einem Besuch von Verletzten in einem Krankenhaus zusammen mit Regierungschef Giuseppe Conte. Es gebe unter der Brücke noch immer "zahlreiche Vermisste", sagte Toti. Er kündigte an, dass die Regierung eine nationale Staatstrauer ausrufen werde.

Noch immer befinden sich Autos in den gewaltigen Trümmern. "Seit gestern sind verschiedene Fahrzeuge gefunden worden und es gibt noch immer Fahrzeuge, die (...) zu sehen sind", sagte Federica Bornelli vom Roten Kreuz. Auf die Frage, ob es noch Hoffnung auf Überlebende gebe, sagte Bornelli, man arbeite rund um die Uhr: "Der Einsatz hat sich nicht verlangsamt." Doch die Bergungsarbeiten gestalten sich schwierig: Ein einziges Auto zu bergen habe in der Früh vier bis fünf Stunden gedauert. Die Sicherheit für die Einsatzkräfte stehe aber an oberster Stelle: "Die Arbeit ist in mentaler und physischer Hinsicht sehr anstrengend."

Unter den Toten der Katastrophe sind auch drei Franzosen. Hinweise auf österreichische Opfer gibt es keine.

Der Betreiber der eingestürzten Autobahnbrücke in Genua, Autostrade, wies unterdessen den Vorwurf von Pflichtverletzungen bei der Überwachung des Bauwerkes zurück. Man habe die Brücke auf vierteljährlicher Basis entsprechend den gesetzlichen Vorgaben kontrolliert, erklärte das Unternehmen am Mittwoch. Man habe aber auch zusätzliche Prüfungen vorgenommen unter Nutzung modernster Technologien und der Hinzuziehung externen Expertenrates.

Verkehrsminister Danilo Toninelli hatte zuvor die Führung der Betreibergesellschaft zum Rücktritt aufgefordert. Zugleich kündigte er an, dass dem Unternehmen die Lizenz zum Betrieb der Straße entzogen werden solle und es mit Strafzahlungen von bis zu 150 Millionen Euro belegt werden könnte. "Autostrade per l'Italia war nicht in der Lage, die Verpflichtungen aus dem Vertrag zur Verwaltung der Infrastruktur zu erfüllen", sagte Toninelli dem staatlichen Sender RAI 1.

Auch der Fünf-Sterne-Chef und Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio sowie Innenminister Matteo Salvini machten das Unternehmen für die Tragödie verantwortlich. Salvini plädierte ebenfalls für einen Entzug der Lizenz aus. Ihm zufolge stehen der Sicherheit des Landes aber auch die strengen europäischen Defizitregeln im Wege: Geld, das für die Sicherheit ausgegeben werde, dürfe "nicht nach den strengen (...) Regeln berechnet werden, die Europa uns auferlegt", sagte der EU-kritische Politiker am Mittwoch dem Sender Radio24. "Immer muss man um Erlaubnis fragen, um Geld auszugeben", prangerte er an.

Während eines schweren Unwetters war am Dienstagmittag der Polcevera-Viadukt, der auch Morandi-Brücke genannt wird, in mehr als 40 Metern Höhe auf einem etwa 100 Meter langen Stück eingestürzt. Die Brücke ist Teil der Autobahn 10, die auch als Urlaubsverbindung "Autostrada dei Fiori" bekannt und eine wichtige Verbindungsstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei ist.

Augenzeugen hatten berichtet, dass kurz vor dem Einsturz ein Blitz in die Brücke eingeschlagen habe. Doch Staatsanwalt Francesco Cozzi ließ im Gespräch mit RaiNews24 erkennen, dass auch die Ermittler von menschlichem Versagen als Ursache ausgehen.

Die Infrastruktur in Italien ist vielerorts dramatisch veraltet. Die Katastrophe an der "kranken Brücke", wie "Corriere della Sera" sie nennt, lässt nach mehreren weniger dramatischen Einstürzen in den vergangenen Jahren nun die Alarmglocken umso lauter schrillen. Laut der Tageszeitung "La Repubblica" sind um die 300 Brücken und Tunnel marode. Der Polcevera-Viadukt wurde 1967 eingeweiht und hat eine Gesamtlänge von 1.182 Metern. Zum Zeitpunkt der Tragödie waren laut Betreibergesellschaft Bauarbeiten im Gange.

Der italienische Regierungschef Giuseppe Conte versprach indes größere Anstrengungen bei der Kontrolle der Infrastruktur. "Das, was in Genua passiert ist, ist nicht nur für die Stadt eine tiefe Wunde, sondern auch für Ligurien und ganz Italien", schrieb Conte auf Facebook. Er sagte der Bevölkerung zu, dass die Regierung einen außerordentlichen Plan zur Kontrolle der Infrastruktur voranbringen werde. Papst Franziskus drückte indes seine Solidarität mit den Betroffenen von der Brücken-Katastrophe in Genua aus. Die italienische Regierung will für die mehr als 40 Toten des Brückeneinsturzes von Genua eine nationale Staatstrauer ausrufen.

Die Brücke ist schon seit langem umstritten

Die Ingenieurswebseite "ingegneri.info" nannte das Unglück am Mittwoch eine "vorhersehbare Tragödie" - es habe immer schon "strukturelle Zweifel" am Bau des Ingenieurs Riccardo Morandi gegeben.

Die Brücke wurde zwischen 1963 und 1967 gebaut. Der inzwischen verstorbene Morandi ist für seine Brückenbauten berühmt, bei denen er eine spezielle Konstruktionsweise mit Spannbeton, also Beton mit gespannten Stahleinlagen, verwendete. Schon lange seien allerdings die Probleme dieser Bauart bekannt, kritisierte Antonio Brencich, ein Experte für Betonbau von der Universität Genua.

"Morandi wollte eine Technologie verwenden, die er patentiert hatte und die danach nicht mehr benutzt wurde", sagte er dem Sender Radio Capitale. Diese Technologie habe "versagt". Brencich hatte schon vor Jahren Bedenken über das 1,18 Kilometer lange Bauwerk geäußert.

Eigentlich waren Brücken wie diese auf etwa ein Jahrhundert angelegt, schrieb "ingegneri.info" - die Morandi-Brücke sei aber bereits in den Jahren nach der Fertigstellung baufällig gewesen. Zuletzt mussten demnach Anfang der 2000er-Jahre Tragseile ersetzt werden, die erst in den 1980er- und 1990er-Jahren eingebaut wurden.

"Vor 50 Jahren hatten wir uneingeschränktes Vertrauen in Stahlbeton", sagte Diego Zoppi, Ex-Präsident der Architektenkammer in Genua. "Jetzt wissen wir, dass er nur ein paar Jahrzehnte hält." Er warnte vor weiteren derartigen Unglücken, wenn keine umfassenden Bauarbeiten an Nachkriegsbauten vorgenommen würden. "Das in den 1950er- und 1960er-Jahren gebaute Italien hat Renovierungen dringend nötig. Das Risiko von Einstürzen wird unterschätzt", sagte Zoppi.

Die Brücke überspannte dutzende Bahngleise sowie ein Gewerbegebiet mit Gebäuden und Fabriken. Zum Unglückszeitpunkt am Dienstag wurden Wartungsarbeiten an der Brücke vorgenommen, überdies gab es ein Unwetter.

Laut der Nachrichtenagentur Radiocor gab es kürzlich eine Ausschreibung für die Instandsetzung der Brücke. Dabei sei es um eine Stärkung der Tragseile gegangen - unter anderem an dem nun eingestürzten Abschnitt.

Schon im Jahr 2009 war über einen Abriss nachgedacht worden, doch jedes Jahr fahren 25 Millionen Autos über die Morandi-Brücke. Italiens Vize-Minister für Infrastruktur, Eduardo Rixi, kündigte nun den Abriss der gesamten Brücke an.

Rainer Kienreich (ASFINAG) über Österreichs Brücken

Quelle: Apa/Dpa

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