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Victor Franz Hess - Der vergessene Nobelpreisträger

Er gilt als Österreichs vergessener Nobelpreisträger, an den kein Denkmal und kein Buch erinnert: Victor Franz Hess (1883-1964), der vor 100 Jahren bei einer Ballonfahrt auf über 5.000 Meter die Kosmische Strahlung entdeckt hat.

Am 7. August 1912 machte Hess seine große Entdeckung, 24 Jahre später wurde er mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet. Dabei war Hess der einzige der österreichischen Physik-Nobellaureaten, der seine mit Nobel-Ehren ausgezeichnete Arbeit in Österreich durchgeführt hat, wie Walter Kutschera, emeritierter Physik-Professor an der Uni Wien erklärte.

Hess wurde am 24. Juni 1883 im Schloss Waldstein bei Peggau (Steiermark) geboren, wo sein Vater Förster war. Als Kind soll er beobachtet haben, wie ein Blitz in den Schlossturm einschlug und seit diesem Zeitpunkt von der atmosphärischen Elektrizität fasziniert gewesen sein. Hess studierte an der Uni Graz Physik und wurde 1906 "sub auspiciis imperatoris" promoviert. Er wechselte an die Uni Wien und kam 1910 an das neu eröffnete Institut für Radiumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Im gleichen Jahr habilitierte er sich mit einer Arbeit über die "Absolutbestimmung des Gehaltes der Atmosphäre an Radiuminduktion".

Hess widmete sich der Erforschung der damals erst seit wenigen Jahren bekannten Radioaktivität und dem zu der Zeit noch ungelösten Rätsel der Luftelektrizität. Diese wurde, so die damalige Vermutung, durch die radioaktiven Elemente im Boden verursacht, sollte also mit zunehmender Höhe abnehmen. Versuche am Eiffelturm oder bei Ballonfahrten lieferten aber nur unbefriedigende Ergebnisse.

Hess beschäftigte sich eingehend damit und konstruierte Messgeräte, die auch für größere Höhen geeignet waren. Zwischen 1911 und 1913 unternahm der Physiker insgesamt zehn Ballonfahrten und zeigte dabei, dass die elektrische Leitfähigkeit der Luft tatsächlich mit zunehmender Höhe zunimmt. Als entscheidender Moment der Entdeckung gilt seine siebente Ballonfahrt im Jahr 1912, bei der er am 7. August eine Höhe von 5.350 Metern erreichte. Hess machte für die Zunahme der Leitfähigkeit eine bis dahin unbekannte Strahlung aus dem Weltall verantwortlich, die die Luft ionisiert und in größerer Höhe entsprechend intensiver ist.

Noch im gleichen Jahr publizierte Hess seine "Beobachtungen der durchdringenden Strahlen bei sieben Freiballonfahrten" in der "Physikalischen Zeitschrift". Er stieß aber mit dem von ihm "Ultragammastrahlung" bezeichneten Phänomen im internationalen Kollegenkreis auf Unglauben und Widerstand, obwohl der Deutsche Werner Kolhörster kurz nach Hess durch Ballonflüge bis 9.000 Meter Höhe einen noch stärkeren Anstieg der Luftionisation feststellte. Erst Mitte der 1920er Jahre setzte sich seine Idee durch. 1920 wurde der Physiker außerordentlicher Professor an der Uni Graz, ging bereits ein Jahr später für zwei Jahre in die USA, wo er den Aufbau eines Forschungslabors der U. S. Radium Corporation in New Jersey leitete.

Zurück in Graz wurde er 1925 Professor für Experimentalphysik und 1931 folgte der Ruf an die Uni Innsbruck, wo er Vorstand des neugegründeten Instituts für Strahlenforschung wurde. Auch dort widmete er sich der Erforschung der "Kosmischen Strahlung", wie Hess' Entdeckung mittlerweile genannt wurde, u.a. auf einer von ihm am Hafelekar in 2.300 Meter Höhe gegründeten Forschungsstation.

1936 wurde Hess schließlich für seine Entdeckung mit dem Nobelpreis für Physik geehrt. Mit ihm gemeinsam ausgezeichnet wurde der US-Physiker Carl David Anderson, der in der Kosmischen Strahlung das Positron entdeckt hatte. 1937 kehrte Hess wieder nach Graz zurück, wurde aber bereits 1938 von den Nationalsozialisten ohne Pension in den Ruhestand gezwungen. Gründe dafür waren seine offene Ablehnung der Nazis und die jüdische Abstammung seiner Frau.

Der Physiker musste sein Nobelpreisgeld als sogenannte "Reichsfluchtsteuer" in "Reichsschatzscheine" umtauschen, flüchtete mittellos in die Schweiz und nahm dann eine Stelle an der Fordham University in New York an. Dort blieb er - ab 1944 bereits als US-Staatsbürger - bis zu seiner Emeritierung 1956. In seine Heimat kehrte Hess nur mehr für kurze Besuche zurück.

Auch im Ruhestand setzte er seine Arbeiten fort und forschte über die Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf den menschlichen Körper. Diese hatte er am eigenen Leib gespürt. Er musste sich 1934 einer Kehlkopfkrebs-Operation unterziehen und verlor nach Strahlenschäden einen Daumen. Am 17. Dezember 1964 starb Hess in Mount Vernon (US-Bundesstaat New York).

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