Klimawandel

Öffi-Odyssee am flachen Land: Ein Selbstversuch

Am Samstagvormittag von Wien nach Rechberg im Mühlviertel. Mit Öffis. Haben Sie das schon probiert? Ich hab´s getan.

Verloren im Irrgarten des öffentlichen Verkehrs.  SN/stockadobe-bernardojbp
Verloren im Irrgarten des öffentlichen Verkehrs.

Ein Selbstversuch: Ich muss an einem Samstagvormittag Anfang Juli von Wien nach Rechberg im Mühlviertel. Mittags sollte ich dort sein. Pech gehabt: Bei der Verbindungsabfrage via ÖBB-Website werde ich darüber informiert, dass es keine Verbindung bis in den Ort gibt. Nur bis Linz komme ich, mit dem Railjet unschlagbar schnell: eine Stunde und 14 Minuten. Der Oberösterreichische Verkehrsverbund rechnet mir statt der Nennung einer Busverbindung vor, dass ich mit dem Fahrrad die 47 Kilometer von Linz nach Rechberg in drei Stunden 44 Minuten schaffen könnte. Oder ich geh zu Fuß: 9 Stunden 22 Minuten.

Eine Interviewpartnerin, die täglich von Gallneukirchen nach Linz zur Hauptverkehrszeit pendeln muss, steht jeden Tag im Stau. Sie würde gern auf den Bus ausweichen, aber da es keine eigene Busspur bzw. keine bevorzugende Ampelregelung gibt, steht sie dann eben mit dem Bus im Stau.

Mit dem Fahrrad ist sie auch schon gefahren, aber dann ist sie dem starken Autoverkehr ausgesetzt, weil es auf der Bundesstraße keinen eigenen Radweg gibt. Solche Beispiele gibt es viele in ländlichen Regionen.

Besser bedient ist, wer in der Nähe einer Hauptbahnstrecke wohnt, doch wer auf eine Busverbindung angewiesen ist, hat es auch im Land Salzburg nicht gerade leicht.

Eine 16-jährige Schülerin, die in Adnet wohnt und via Hallein nach Salzburg muss, berichtet, dass die Verbindung zwischen Hallein und Salzburg per Zug sehr gut sei, aber von Adnet komme sie nur schwierig nach Hallein.

Unter der Woche fährt zwar jede Stunde ein Bus, aber am Wochenende nur zwei Mal am Tag, der letzte bereits um 17.00 Uhr. Die Anschlusszüge nach Salzburg seien dann auch ein Problem, weil nicht abgestimmt. Es wundert deshalb wenig, dass vor jedem neu erbauten Einfamilienhaus am Land mindestens zwei Pkw stehen.

Besser ist die Situation, wenn es sich um ausgewiesene Tourismusregionen handelt: Ziel ist bei diesem Test Obergurgl in den Tiroler Ötztaler Alpen, auch an einem Samstag.

Wir reisen von Hall in Tirol um 6.45 Uhr morgens per Zug bis Bahnhof Ötztal und haben Anschluss mit einem Bus bis nach Obergurgl, Ankunft 9.50. Der Bus verkehrt alle 20 Minuten durch das lange Tal. Die Busse sind auch alle ziemlich voll. Es ist im Grunde ganz einfach: Öffentliche Verkehrsmittel werden dann viel genutzt, wenn sie zuverlässig und hinsichtlich der Fahrzeit attraktiv sind. Eigene Busspuren oder Beeinflussung von Ampelanlagen verbessern das Angebot, bei Regionalbahnen könnten Streckenbegradigungen, Beseitigung von Engstellen oder neue Triebwagen die Fahrzeiten zu verkürzen, erklärt Markus Gansterer vom Österreichischen Verkehrsclub (VCÖ). Derzeit zeigt sich die Lage so: Mit dem Auto sind die regionalen Zentren österreichweit rasch anzusteuern, die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist hingegen sehr unterschiedlich. Während im Bezirk Dornbirn in Vorarlberg 94 Prozent und im Bezirk Korneuburg in Niederösterreich 93 Prozent der Bevölkerung das regionale Zentrum binnen einer halben Stunde mit Bahn oder Bus erreichen können, sind es im Bezirk Rohrbach nur 27 Prozent. In etlichen Regionen sei das öffentliche Verkehrsangebot an schulfreien Tagen besonders mangelhaft, so Gansterer. In den peripheren Bezirken wird daher deutlich mehr Auto gefahren, im Schnitt 11.580 Kilometer pro Jahr. Das sind rund 2000 Kilometer mehr als im Österreich-Schnitt. Der Pkw-Motorisierungsgrad auf dem Land sinkt nicht, sondern ist seit 2005 um ein Fünftel gestiegen - auf 1000 Einwohner kommen bereits 638 Pkw.

Ein Grund für zunehmenden Autoverkehr ist auch die Zersiedlung: Deshalb sei es wichtig, neue Siedlungen wann immer möglich in fußläufiger Distanz zum Ortszentrum zu errichten, mit Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Geh- und Radwege seien bereits in die Planung einzubeziehen. Flexible Sammeltaxis könnten den öffentlichen Verkehr ergänzen.

Das alles kostet Geld. Was tut also die Politik? Die oberösterreichische Landesregierung hat Ende September ein 600- Millionen-Euro-Paket für Infrastrukturmaßnahmen beschlossen. Vor allem die Regionalbahnverbindungen sollen erhalten werden. Die Summe bezieht sich aber auf einen langen Zeitraum: bis 2030. Neben dem Erhalt seien auch Neubauten geplant, heißt es aus dem Büro von Landesrat Günther Steinkellner (FPÖ).

Einen Hoffnungsschimmer gibt es für Betroffene, die täglich nach Linz pendeln müssen: Es laufe ein "Vorprojekt", eine Schienentrasse nach Gallneukirchen bzw. Pregarten sei als Stadtregionalbahn geplant.

Der Salzburger Landesrat Stefan Schnöll (ÖVP) verweist darauf, dass ab 2020 die Ticketpreise für Öffi-Benutzer reduziert werden: 595 Euro fürs ganze Bundesland, Regionenticket um 365 Euro. Für den Ausbau brauche es aber auch "wesentliche Verbesserungen in der Struktur, vor allem eine gemeinsame und gut abgestimmte Verkehrsplanung zwischen Land und Stadt Salzburg".

Obwohl konkrete Expertenvorschläge wie jene des VCÖ längst vorliegen, gibt es wieder einmal Arbeitsgruppen: Eine Steuerungsgruppe werde heuer erste Vorschläge liefern, verspricht Schnöll. Um das Angebot für die "erste und letzte Meile", also die Erreichbarkeit der nächsten Bus- oder Haltestelle vom Zuhause oder vom Arbeitsplatz zu verbessern, sei ein "Bürgerrat" einberufen worden, der ebenfalls Vorschläge erarbeite. "Ich bin gespannt auf die Ergebnisse", sagt der Landesrat.

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.11.2019 um 09:15 auf https://www.sn.at/panorama/klimawandel/oeffi-odyssee-am-flachen-land-ein-selbstversuch-78176458

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