Medien

"True Fruits": Smoothie-Unternehmen provoziert mit diskriminierender Werbung

Umstrittene Werbe-Sujets gehören zum Image von "True Fruits". Auf Sozialen Medien muss sich der deutsche Smoothie-Hersteller Vorwürfe von Sexismus und Rassismus gefallen lassen. Auf den Shitstorm reagiert man hauptsächlich zynisch. Ein Beschwerdeverfahren läuft.

In München wurden bereits 2016 drei Plakate von True Fruits verboten. So sah die „zensierte“ Version aus. SN/truefruits presseaussendung
In München wurden bereits 2016 drei Plakate von True Fruits verboten. So sah die „zensierte“ Version aus.

Der Smoothie-Hersteller "True Fruits" sorgt einmal mehr für Aufregung. Mit dem Werbesujet für einen neuen Smothie im Sonnencreme-Design erntet das deutsche Unternehmen, bekannt für provozierende Werbesujets, auf sozialen Netzwerken Kritik. Darauf ist eine Frau zu sehen, der mit Sonnencreme ein ejakulierender Penis auf die Schulter gemalt wurde.

Gepostet wurde das Foto mit dem anzüglichen Spruch "Wann feierst du dein Cumback?". Kritik wird laut: Bild sowie Slogan seien sexistisch und unangemessen. Unter den Kommentaren jedoch finden sich auch unterstützende Stimmen, die den Humor und die Ehrlichkeit des Unternehmens loben.

Noch provokanter als die Werbung an sich ist die Reaktion des Getränkeherstellers auf die Kritik im Netz. "Meinungsdiktatur", "Radikalapostel", "Hirnverbrannte Idioten" sind nur drei der Begriffe, die "True Fruits" der Internetgemeinde an den Kopf wirft.

Nicht nur die Werbung des Sonnencreme-Smoothies sorgt im Netz derzeit für Diskussion. Besonders der Slogan "Abgefüllt und Abgeschleppt" löst einen regelrechten Shitstorm aus. Opfer sexualisierter Gewalt fühlen sich an Missbrauchserlebnisse erinnert. Entsetzt suchen diese Frauen Rat bei feministischen Bloggerinnen. Der österreichische Instagram-Star Daria Daria sammelte einige Reaktionen auf ihrem Profil.

View this post on Instagram

Nicolas Lecloux ist True Fruits Founder und Marketing Chef. Lieber Nic, wenn deine eigene Tochter abgefüllt, mitgenommen und vergewaltigt wird - findest du das immer noch witzig? Ist es witzig, wenn deine Tochter als Schlampe, Hure bezeichnet wird? Ist es witzig, dass in knapp zwei Drittel der Vergewaltigungen Alkohol eine Rolle spielt? Ist es witzig, abwertend von einem Penis Trauma zu sprechen, wenn einem genau so etwas widerfahren ist? Ich finde das alles nicht witzig und wage zu behaupten, dass ich grundsätzlich einen ausgezeichneten Sinn für Humor habe. Über Verharmlosung von Gewalt, über Rape Culture und Trivialisierung von sexueller Gewalt kann und werde ich niemals lachen. True Fruits hat gestern eins meiner Zitate verwendet, um sich in einem Statement als Opfer einer “Hetze” hinzustellen. Das Zitat von mir lautet: “Compassion always wins”. Compassion, zu Deutsch Mitgefühl. True fruits zeigt seit 2015, seit ich zum ersten Mal probiert habe mit Ihnen zu sprechen, keinerlei Mitgefühl. Dieses Unternehmen spaltet unsere Gesellschaft indem sie gewaltverherrlichende, behinderten- und frauenfeindliche, rassistische Sujets als witziges Marketing verkaufen. Wie es eine Leserin gestern treffend formuliert hat: Sprache beeinflusst und eröffnet Räume. Wenn Kindern beigebracht wird, dass so etwas (wie ‘Quotenschwarzer’) auf einem Smoothie stehen darf, wie soll man erklären, dass man das in einem anderen Kontext nicht sagt? Etwas zu verharmlosen und es damit salonfähig zu machen ist nicht witzig, sondern verdammt gefährlich. Das ist keine Satire, sondern schlechtes Marketing. Lieber Nic, Menschen bei true fruits, wisst ihr eigentlich, was dieses Mitgefühl, das ihr verlangt, ist? Es ist die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Ich schlage vor: ihr setzt euch mit einem Vergewaltigungsopfer, das abgefüllt und mitgenommen wurde, hin und definiert neu, wie Mitgefühl und guter Humor in einer Gesellschaft, die ohnehin schon gespalten ist, aussieht. Euren Töchtern und allen anderen Menschen zuliebe.

A post shared by Madeleine Daria Alizadeh (@dariadaria) on

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass "True Fruits" Kritik für seine Kampagnen erntet. Erst 2017 brodelte es unter den Internet-Usern. Grund war das Sujet eines schwarzen Smoothies - Der Wortlaut: "Schafft es selten über die Grenze". Auch hier sammelt die Bloggerin Daria Daria kritische Stimmen.

View this post on Instagram

True Fruits macht Geld: mit sexistischen, rassistischen und behindertenfeindlichen Werbesujets. Vom Slogan “Schluck Im Dunkeln”, der absolut lookistisch ist, bis hin zu ihren verletzenden, unsensiblen Reaktionen in Bezug auf Traumaerfahrung und sexueller Gewalt. Witzig sind diese Sujets vor allem für Menschen, die keine Erfahrungen mit Rassismus, Sexismus, Fat Shaming und Ableismus gemacht haben. Was angesagt ist? Boykott von true fruits Produkten, Meldung beim Werberat, Druck auf den Lebensmitteleinzelhandel die Produkte aus dem Sortiment zu nehmen und vor allem SOLIDARITÄT mit allen, die betroffen sind. Es mag trivial scheinen, was dieses Unternehmen abzieht. Weniger trivial jedoch die strukturelle Ausgrenzung, die dahinter steckt. (Video: @truediskriminierung)

A post shared by Madeleine Daria Alizadeh (@dariadaria) on

Aber was will das Unternehmen, dass sich vor allem jung, hip und ökologisch inszeniert, mit dieser Art von Werbung erreichen? Für Thomas Zezula, Geschäftsführer der Academy Werbeagentur und Lehrender an der Universität Salzburg lautet die Antwort: Aufmerksamkeit. "Seit den Siebzigern gibt es den Spruch 'Sex Sells'. Die Frage ist nur: Was ist originell, und was ist plump", sagt der Werbeexperte. "Ist so etwas heute noch zeitgemäß? Hier sollte man Verantwortung zeigen und ein gewisses Niveau halten."

In der Kommunikation mit andern Internetnutzern sticht "True Fruits" ebenfalls hervor. Es wird kein Blatt vor dem Mund genommen. Kommentare, die dem Unternehmen Diskriminierung vorwerfen, entgegnet "True Fruits" oft mit Zynismus. Rassismus- oder Sexismusvorwürfe werden nicht ernst genommen und heruntergespielt.

View this post on Instagram

Nicolas Lecloux ist True Fruits Founder und Marketing Chef. Lieber Nic, wenn deine eigene Tochter abgefüllt, mitgenommen und vergewaltigt wird - findest du das immer noch witzig? Ist es witzig, wenn deine Tochter als Schlampe, Hure bezeichnet wird? Ist es witzig, dass in knapp zwei Drittel der Vergewaltigungen Alkohol eine Rolle spielt? Ist es witzig, abwertend von einem Penis Trauma zu sprechen, wenn einem genau so etwas widerfahren ist? Ich finde das alles nicht witzig und wage zu behaupten, dass ich grundsätzlich einen ausgezeichneten Sinn für Humor habe. Über Verharmlosung von Gewalt, über Rape Culture und Trivialisierung von sexueller Gewalt kann und werde ich niemals lachen. True Fruits hat gestern eins meiner Zitate verwendet, um sich in einem Statement als Opfer einer “Hetze” hinzustellen. Das Zitat von mir lautet: “Compassion always wins”. Compassion, zu Deutsch Mitgefühl. True fruits zeigt seit 2015, seit ich zum ersten Mal probiert habe mit Ihnen zu sprechen, keinerlei Mitgefühl. Dieses Unternehmen spaltet unsere Gesellschaft indem sie gewaltverherrlichende, behinderten- und frauenfeindliche, rassistische Sujets als witziges Marketing verkaufen. Wie es eine Leserin gestern treffend formuliert hat: Sprache beeinflusst und eröffnet Räume. Wenn Kindern beigebracht wird, dass so etwas (wie ‘Quotenschwarzer’) auf einem Smoothie stehen darf, wie soll man erklären, dass man das in einem anderen Kontext nicht sagt? Etwas zu verharmlosen und es damit salonfähig zu machen ist nicht witzig, sondern verdammt gefährlich. Das ist keine Satire, sondern schlechtes Marketing. Lieber Nic, Menschen bei true fruits, wisst ihr eigentlich, was dieses Mitgefühl, das ihr verlangt, ist? Es ist die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Ich schlage vor: ihr setzt euch mit einem Vergewaltigungsopfer, das abgefüllt und mitgenommen wurde, hin und definiert neu, wie Mitgefühl und guter Humor in einer Gesellschaft, die ohnehin schon gespalten ist, aussieht. Euren Töchtern und allen anderen Menschen zuliebe.

A post shared by Madeleine Daria Alizadeh (@dariadaria) on

Für Werbeexperte Thomas Zezula ist die Kommunikationsweise von "True Fruits" nicht überraschend: "Wenn ich polarisiere nehme ich auch Kritik in Kauf. Aus strategischer Sicht ist es unbedingt notwendig, dass ich darauf eingehe und meinem frechen Stil treu bleibe." Andersdenkende zu diskreditieren schieße jedoch übers Ziel hinaus.

Auf Anfrage der SN um ein Statement verweist "True Fruits" auf ihren Facebook Post vom 17. August 2019. In über 1500 Wörtern erklärt das Unternehmen, dass sie Opfer einer "Meinungsdiktatur" seien, ausgelöst von "Radikalaposteln" und "Hysterikern". Einige Menschen führten einen "digitalen Mob an und organisieren den Kreuzzug gegen jede Art von unkorrektem Humor", heißt es in dem Statement. Die Conclusio des Textes: Das Werbesujet mit der Sonnencreme sei vielleicht vulgär oder kindisch, "sexistisch ist es jedoch auf keinen Fall."

Man bewege man sich jedenfalls im rechtlichen Rahmen schreibt "True Fruits" und verweist auf den Werberat. Eine SN-Nachfrage beim österreichischen Werberat ergab jedoch, dass es ein Beschwerdeverfahren gegen "True Fruits" gebe. "Die Sache ist derzeit in Behandlung, mehr können wir derzeit nicht sagen", gibt die Pressestelle des Werberates Auskunft.

Auch wenn man es mit solchen Postings schafft, kurzfristig Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu generieren, sollte es laut Werbeexperten Zezula eine Grenze geben. "Bei Werbestrategien passieren oft Fehler, wenn man zum Beispiel kurzfristig um jeden Preis Aufmerksamkeit generieren möchte", sagt Zezula. "Es kann gelingen, aber ob ich mit Beleidigungen langfristig eine Sympathie beim Kunden erzeuge, ist die große Frage - und das ist für die Marke letztendlich entscheidend.

Quelle: SN

Aufgerufen am 16.12.2019 um 08:48 auf https://www.sn.at/panorama/medien/true-fruits-smoothie-unternehmen-provoziert-mit-diskriminierender-werbung-75029980

Kommentare

Schlagzeilen