Österreich

Grüne warnen: Europas AKW sind zu alt, um sicher zu sein

Anschober fordert in Brüssel: Nachbarländer müssen bei Laufzeitverlängerung mitreden dürfen

Das AKW Dukovany in Tschechien ist mehr als 30 Jahre alt und hat eine unbefristete Laufzeitverlängerung erhalten. SN/apa
Das AKW Dukovany in Tschechien ist mehr als 30 Jahre alt und hat eine unbefristete Laufzeitverlängerung erhalten.

160 Kilometer Luftlinie trennen Linz vom tschechischen Atomkraftwerk Dukovany. Die vier Reaktorblöcke in Südmähren gingen zwischen 1985 und 1987 ans Netz. Sie sind somit mehr als 30 Jahre alt - und damit aus Sicht von Atomkraftgegnern in einem Alter, in dem das Risiko für Unfälle und Pannen rapide steigt.

Um diese Sicht auch wissenschaftlich zu untermauern, hat die "Allianz der Regionen für einen europaweiten Atomausstieg" eine Studie in Auftrag gegeben. Deren Zwischenergebnisse wurden am Donnerstag von den beiden Grünpolitikern und Gründungsmitgliedern der "Allianz", dem oberösterreichischen Umweltlandesrat Rudi Anschober und der EU-Abgeordneten Rebecca Harms, in Brüssel präsentiert. Das Fazit in Anschobers Worten: "Europa, Du hast ein Problem."


Wissenschaftler der International Nuclear Risk Assessment Group (IRAG) haben erhoben, dass die 125 Reaktoren innerhalb der EU ein Durchschnittsalter von 33,4 Jahren haben, ein Drittel davon ist bereits 40 Jahre oder älter. Die meisten Anlagen aber seien bei ihrem Bau nur für eine Laufzeit von 30 bis 40 Jahren konzipiert worden, sagte Anschober. Trotzdem würden nun in ganz Europa reihenweise Laufzeitverlängerungen bewilligt. So wie in Dukovany. Für die vier Blöcke des AKW hat die tschechische Atomaufsichtsbehörde von 2015 bis 2017 Laufzeitverlängerungen genehmigt - unbefristet, wie Anschober sagt. Und ohne, dass ein Nachbarland, das von einem Stör- oder Unfall betroffen wäre, auch nur das geringste Mitspracherecht habe.

Landesrat Anschober: "Europa, Du hast ein Problem"

Daran knüpft Anschober zwei Forderungen. Erstens: Vor Laufzeitverlängerungen müsse es eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung geben, damit die Nachbarn - so wie das auch bei Neugenehmigungen der Fall ist - ein Mitsprachrecht haben. Zweitens: Nach 40 Jahren müsse ein AKW abgeschaltet werden.

Nikolaus Müller von der University of Natural Resources and Life Sciences Vienna unterschied zwischen der "physischen Alterung" der Anlagen und der "technischen Veralterung". Im ersten Fall gehe es um den normalen Abnützungs- und Alterungsprozess. "Wenn sie eine Pumpe laufend in Betrieb haben, wird sie irgendwann kaputt." Dem könne man zwar in vielen Bereichen mit Wartung und Austausch begegnen. Bei Reaktoren aber gebe es vor allem im Zentralbereich Sektoren, zu denen man gar nicht vordringen könne, weshalb dort auch keine Erneuerungen möglich seien. Die "technische Veralterung" stehe in direktem Zusammenhang mit dem Fortschritt der Wissenschaft. Heißt: Was vor 30 Jahren Stand der Technik gewesen sei, sei heute oft nicht mehr genehmigungsfähig.

Sein Kollege Paul Dorfman vom University College London warnte: Jedes Jahr Betrieb über die ursprüngliche Laufzeit hinaus erhöhe das Risiko um 15 Prozent. "Es tut mir leid, wenn ich sie beunruhige", sagte er, "aber es beunruhigt mich selbst".

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