Österreich

Kohlenmonoxidunfall: "Die Buben waren nicht zu retten"

Unglücke mit Kohlenmonoxid gehören auch für Notfallmediziner zu den gefährlichsten Einsätzen. Die Überlebenschancen sind meist gering. Im Mühlviertel hatte ein im Keller stehendes Notstromaggregat für eine Familie fatale Folgen.

250 Menschen erleiden jährliche eine Vergiftung mit Kohlenmonoxid.  SN/APA (dpa)/A3542 Karl-Josef Hildenbrand
250 Menschen erleiden jährliche eine Vergiftung mit Kohlenmonoxid.

Die Bilanz nach einem Kohlenmonoxidunfall in einem Bauernhaus in Lasberg (Bezirk Freistadt) im Mühlviertel Montag früh ist schrecklich: Für zwei kleine Buben, fünf und zwei Jahre alt, kam jede Hilfe zu spät. Sie starben im Krankenhaus. Ihre 32-jährige Mutter schwebt weiter in Lebensgefahr, ihr Zustand war am Dienstag äußerst kritisch. Die drei Verunglückten waren, wie berichtet, in Spezialkliniken nach Graz und Regensburg (Bayern) geflogen worden.

Die Vorgeschichte: Nach einem Unwetter am Sonntagabend war in dem Bauernhaus der Familie der Strom ausgefallen. Die Familie schaltete daher am Abend ein im Keller stehendes Notstromaggregat ein und über Nacht wieder aus. Bevor der Familienvater am Montag in die Arbeit fuhr, nahm er das Notstromaggregat wieder in Betrieb. Als gegen acht Uhr ein Nachbar vorbeikam, um das Gerät zu betanken, waren die Frau und ihre beiden Kinder noch am Leben. Sie dürften danach im Keller Nachschau gehalten haben, das hochgiftige Kohlenmonoxid eingeatmet haben und sofort bewusstlos geworden sein.

Die gehbehinderte Großmutter, die ebenfalls am Hof wohnt, rief schließlich ihre Tochter telefonisch zu Hilfe, da sie weder ihre Schwiegertochter noch ihre Enkel hörte. Als die Frau mit ihrem Freund beim Bauernhaus eintraf, fand sie ihre Schwägerin und ihre Neffen im Keller liegend vor und reagierte sofort. Es wurde gelüftet und die Rettungskette in Gang gesetzt.

Edgar Wutscher, Allgemeinmediziner und Notarzt, bezeichnet Kohlenmonoxid "für uns Ärzte als eines der schwierigsten und gefährlichsten Dinge". "In der Realität gibt es fast keine Chance, einen Patienten zu retten, und die Gefahr ist groß, dass der Ersthelfer bei der Rettungsaktion in die gleiche fatale Situation kommt. Für einen Notarzt ist es ganz wichtig, daran zu denken. Man muss schweren Herzens warten, bis die Feuerwehr mit Atemschutz hineingeht", sagt Wutscher.

Das hochgiftige Kohlenmonoxid ist geruch-, geschmack- und farblos. Es bindet sich blitzartig an die Sauerstoffrezeptoren, führt zu Bewusstlosigkeit und nach kurzer Zeit zum Tod durch Ersticken. "Die Überlebenschance ist sehr gering, weil der Zeitfaktor zu kurz ist, um retten zu können. Zehn Minuten sind schon fast zu lang", betont Wutscher. Die Aufgabe des Notarztes sei, bei der Reanimation das CO-Gift aus der Lunge herauszubringen und für maximalen Sauerstoffaustausch zu sorgen. Daher seien bei dem Unglück auch Druckkammern ähnlich wie nach Tauchunfällen eingesetzt worden, die sehr hohen Sauerstoffdruck aufbauen.

Armin Kaltenegger, Leiter des Bereichs Eigentumsschutz beim Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV), spricht von einem atypischen Unfall. "Kohlenmonoxidunfälle werden hauptsächlich mit schlecht gewarteten Gasthermen bei Hitze im Sommer verbunden. Mit Notstromaggregaten passiert ganz selten etwas, unabhängig von der Jahreszeit. Überall, wo Gase verbrannt werden, entsteht als Restprodukt Kohlenmonoxid", so Kaltenegger.

Das KfV warnte erst jüngst vor CO-Unfällen, das giftige Gas gehöre zu den meist unterschätzten Gefahrenquellen. Besonders gefährlich sei die Kombination aus Hitze, Gastherme und mobilem Klimagerät in einem Raum. Rund 250 Menschen erlitten in Österreich jedes Jahr eine Vergiftung. Einzige Abhilfe böten CO-Warngeräte und ausreichende Belüftung, betont Kaltenegger. Die Familie sei eigentlich gut ausgerüstet. "Zivilschutzverbände empfehlen Notstromaggregate für extreme Ereignisse wie Stürme und Überflutungen, wenn ganze Landstriche ohne Strom sind", erklärt Kaltenegger. Er ortet eine neue Gefahrenquelle. "Notstromaggregate muss man richtig betreiben - nur im Freien, nie in geschlossenen Räumen." Die Staatsanwaltschaft Linz ermittelt wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung.

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