Österreich

Lieber ein Windrad als 380-kV-Masten

Gegner der neuen Freileitung durch Salzburg tragen ihren Kampf für das Erdkabel auch in andere Bundesländer. Aber das Projekt ist schon in Bau.

"Fairkabeln", die Bürgerbewegung für Erdkabel-Stromleitungen um Obmann Franz Fuchsberger, glaubt an einen Erfolg im letzten Moment.

Wie schätzen Sie die Chance, ein Erdkabel zu erreichen, noch ein? Viele geben Ihnen keine Chance mehr. Was macht Sie hoffnungsfroh? Franz Fuchsberger: Dieses neue Urteil des Europäischen Gerichtshofs über einen belgischen Windpark. Dort wurde, wie auch bei der 380-kV-Salzburg-Leitung, verabsäumt, vor dem Genehmigungsverfahren eine Strategische Umweltprüfung durchzuführen. Österreich hat die Energiewirtschaft von dieser Pflicht ausgenommen.

War das böse Absicht oder Kalkül der Politik? Nein, ich würde da gar niemandem böse Absicht unterstellen oder Schuld zuweisen. Es ist einfach so - ein Versäumnis, das behoben gehört. Und wir haben im Bundesstarkstromwegerecht aus dem Jahre 1968 ein Gesetz, das den technischen Stand von damals spiegelt. Damals hat es in der Tat zu Freileitungen nicht wirklich Alternativen gegeben. Heute sind Freileitungen eine nicht mehr zeitgemäße Technologie. Wir haben die Chance, unseren nachfolgenden Generationen zumindest in dieser Hinsicht ein schöneres und besseres Österreich zu hinterlassen. Warum sollen wir uns mit Schlechterem begnügen?

Aber das Gesetz gilt halt. Ja, Regierung und Parlament müssen es nach dem heutigen Bedarf ändern. Schon vor zwölf Jahren war der große Wunsch der Salzburger Landespolitik und der Bevölkerung nach dem Erdkabel da. Aber Verbund und APG haben es in einer arroganten und selbstherrlichen Art nicht gemacht. Und jetzt stehen sie vor der Situation, dass sich die Bevölkerung zu radikalisieren beginnt. Ich würde das nicht unterschätzen, ich möchte die Bevölkerung aufklären. Ich sehe eine über 20-jährige Desinformationskampagne über die technische und finanzielle Machbarkeit des Kabels. Wir kämpfen auch bundesweit, nicht nur für Salzburg.

Wo könnte die Radikalisierung hinführen, wenn die Leute das Gefühl haben, man fährt über sie drüber? Womit muss man rechnen? Ich möchte da jetzt keine Horrorszenarien an die Wand malen. An mich wenden sich derzeit während des Baus naturgemäß wahnsinnig viele Leute. Die Aufregung ist groß. Die Stimmung ist explosiv.

Die Freileitung ist ja seit fast einem Jahr in Bau, die ersten Masten stehen schon. Diese Leitung ist rechtskräftig genehmigt. Was macht Sie so sicher, das Ruder noch herumreißen zu können? Ich glaube, dass uns das EuGH-Urteil einen Baustopp bescheren wird. Die Richter am Verwaltungsgerichtshof werden es schwer haben, eine andere Entscheidung zu treffen, als den Genehmigungsbescheid aufzuheben. Der Projektbetreiber würde, wenn das so kommt, rechtlich alles reparieren, was beanstandet wurde, um dann per Ersatzbescheid weitermachen zu können. Das ist vollkommen klar. Aber gleichzeitig wird die Politik - und das ist mir aus dem Bund und aus dem Land signalisiert worden - die Sache neu bewerten und alle an einen Tisch holen. Das wird der Einschnitt, den die Politik braucht, um gesichtswahrend da raus zu gehen.

Aber was ist, wenn der Gerichtshof für die Projektbetreiber entscheidet? Werden Sie das endgültig akzeptieren? Werden Sie sich an Baumaschinen ketten? Was werden Sie tun? Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Ich weiß es nicht. Ich bin nicht der Mensch, der sich in solchen Fragen mit einem Plan B beschäftigt, weil das Energie abzwackt. Ich weiß es wirklich nicht. Es wäre ein herber Rückschlag und jedenfalls für die Erdkabel-Salzburg-Leitung das Aus.

Bräuchte man fürs Kabel eine neue Trasse? Könnte man die bestehende nehmen? Wir müssen mit dem Kabel nicht über Berg und Tal, wir können entlang bestehender Infrastruktur im Nahbereich der Autobahn fahren, uns Dienstbarkeiten teilen und eben einen um rund 40 Kilometer kürzeren Weg nach Kaprun wählen. Es geht auch auf der Freileitungs-trasse, nur gescheit wäre es nicht.

Die Projektgegner wissen doch in Wahrheit genau, dass ein Erdkabel nicht über Stock und Stein verlegt würde. Heißt das nicht, dass sie das Problem in andere, sogar dichter besiedelte Gebiete abschieben? Dieser Einwand, dass wir wissen, dass eine andere Trasse kommt, wenn wir fürs Erdkabel kämpfen, ist absurd. Wenn Experten zum Schluss kommen, dass sie das Kabel bei uns eingraben wollen, sollen sie das doch tun. Das ist uns wirklich egal. Es gibt bei uns sogar Leute, die gesagt haben: Damit wir die Freileitung nicht kriegen, würden wir Windräder am Heuberg akzeptieren, wäre das der Deal.

Dann dürfen wir also davon ausgehen, dass ein Windpark sozusagen als Siegessäule aufgestellt werden könnte. Ja, das dürfen Sie.

Dass die Leitung grundsätzlich notwendig ist, allein schon zum Stromtransport für die Energiewende, anerkennen Sie schon, oder? Manche sagen, sie dient nur dem Stromtransit, damit der Verbund sehr viel Geld verdient. Ich hab da eine sehr pragmatische Haltung. Der Verbund gehört zu 81 Prozent zur öffentlichen Hand. 19 Prozent der Dividende geht an private Aktionäre. Übrigens bin ich seit wenigen Monaten auch einer. Ich hab mir 100 Verbund-Aktien gekauft. Der Verbund ist wesentlich für die Energieversorgung in Österreich. Er soll auch Geld machen. Ich hab überhaupt nichts dagegen.

Dann müssten Sie doch für den möglichst raschen Bau der Freileitung sein. (Lacht) Nein, bin ich nicht, weil man nicht nur Aktionär ist in seinem Leben. Der Verbund soll von mir aus das Geschäft machen, aber mit einem Erdkabel. Ich weiß auch, dass wir im Verein eine große Meinungsvielfalt haben. Da ist alles dabei, von Extremumweltschützern, die sagen, wir brauchen überhaupt keinen elektrischen Strom, bis hin zu Leuten, die dabei sind, weil sie bei sich die Leitung nicht haben wollen. Die meisten von uns, auch ich, glauben, dass die Zukunft durch lokale Energieerzeugung und -nutzung abgedeckt wird. Ich geh aber nicht so weit, dass die Starkstromübertragung über weite Strecken gar nicht mehr benötigt wird.

High-Tech-Gründer fordert Erdkabel:

Zur Person: Franz Fuchsberger (50) stammt aus Koppl und lebt in der Stadt Salzburg. Er gründete 2007 die Softwarefirma Tricentis, die als erstes österreichisches High-Tech-Start-up eine Bewertung von über einer Milliarde Euro erreichte. 2019 zog er sich aus dem Unternehmen zurück. Der Verein Fairkabeln hat sich um Initiativen in Oberösterreich erweitert und beruft sich auf 40.000 Unterstützer.

Für die 380-kV-Freileitung von Elixhausen nach Kaprun (114 Kilometer, 449 Maste) gibt es seit März 2019 einen rechtskräftigen Baubescheid, im Oktober begann der Bau. Sie schließt eine Lücke in Österreichs 380-kV-Ring. Die Verbund-Tochterfirma Austrian Power Grid (APG) investiert rund 890 Millionen Euro.

Aufgerufen am 22.09.2020 um 07:58 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/lieber-ein-windrad-als-380-kv-masten-92552848

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