Österreich

Notre Dame - auch der Stephansdom war einst Schauplatz eines Großbrandes

Eine ähnliche Brandkatastrophe wie bei der Kathedrale Notre Dame in Paris hat sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges auch in Wien ereignet.

Ein Wahrzeichen der Republik Österreich – der Stephansdom in der Wiener Innenstadt. SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Ein Wahrzeichen der Republik Österreich – der Stephansdom in der Wiener Innenstadt.

Wie durch ein Wunder war der Stephansdom während der Kriegsjahre beinahe unbeschädigt geblieben. Erst am 6. April 1945 krachte eine Bombe in das Dach - dort wo 1683 ein türkisches Geschoß getroffen hatte - und durchschlug das Gewölbe des südlichen Seitenschiffes des Langhauses.

Auch die Kämpfe im Stadtgebiet überstand der Steffl zunächst ohne größere Zerstörungen. Erst zivile Plünderer lösten in der Nacht auf den 12. April 1945 jenen Feuersturm aus, dem auch der gotische Dom zum Opfer fiel.

Wehrmacht und Rote Armee kämpften am 11. April um den Übergang über den Donaukanal, als gegen Mittag das Gerücht aufkam, SS-Einheiten würden einen Gegenstoß über die Augartenbrücke unternehmen. Teile der sowjetischen Artillerie wurden daraufhin vom Stephansplatz zurückgezogen. Kurze Zeit war dieser zentrale Bereich der Innenstadt ohne jede Kontrolle.

Zivile Plünderer lösten Feuersturm aus

Unbekannte hissten auf dem Dom eine weiße Flagge, während zivile Plünderer in die umliegenden Geschäfte eindrangen und offenbar Feuer legten. Diese Brände - u.a. am Stock im Eisen-Platz, am Stephansplatz, in der Singerstraße und Kärntner Straße - breiteten sich rasch aus. Der Wind und die gewaltige Sogwirkung der erhitzten Luft bewirkten einen gewaltigen Feuersturm.

Immer wieder wurden vom Südwestwind Feuerflocken vom Teppichhaus Haas über den Dom geweht, doch alle Brandherde im Dach konnten mit Hilfe von Feuerpatschen vorerst gelöscht werden. Aber die verzweifelten Bemühungen, das Gotteshaus zu retten, blieben in der Nacht letztendlich erfolglos, da die Wasserleitungen zerstört waren und die abziehende SS alle Löschgeräte mitgenommen hatte.

20-Tonnen-Pummerin stürzte in die Tiefe

Brände am Nord- und Südturm entstanden am 12. April, das Gebälk des einzigartigen Dachstuhls brannte ab. Die zweitgrößte Glocke des Doms, die zehn Tonnen schwere "Halbpummerin" im Nordturm, fiel in das linke Querhaus. Dort wurde das Wimpassinger Kreuz, eine monumentale toskanische Arbeit des Mittelalters, ein Raub der Flammen. In den Vormittagsstunden brach - vermutlich durch ein Übergreifen vom Dach - ein Brand im Glockenhaus der Pummerin aus. Ungefähr um 14.30 Uhr war es so weit: Die mit 20.000 Kilogramm schwerste Glocke Österreichs stürzte mit grauenhaftem Getöse in die Tiefe und zerbarst am großen Gewölbering der Turmhalle, auf deren Gewölbe ein kleiner Teil der Trümmer liegenblieb. Der Rest wurde von Schutt bedeckt und dadurch vor dem Schmelzen bewahrt. So konnte die Pummerin 1951 wenigstens zum Teil aus dem alten Material neu entstehen.

Es regnete geschmolzenes Zinn

Kurz nach Mittag sank der Dachreiter über dem Hochaltar um. Stück um Stück fielen Teile des riesigen Gebildes unter furchtbarem Lärm zusammen, bis schließlich das ganze Dach in sich zusammensackte. Glut fiel auf die große Orgel und ein Regen geschmolzenen Zinns ging in das Kirchenschiff nieder.

Eine weitere Katastrophe für den Steffl kündigte sich in den Morgenstunden des nächsten Tages an: Die südliche der beiden 16 Meter hohen Ziegelmauern, die das Dach des Ostchores über der rechten Pfeilerarkade tragen halfen, stürzte ein und durchschlug das Gewölbe des Friedrichschores. Die Dachbalken setzten das großartige gotische Chorgestühl in Brand, das vollständig verkohlte. Das war am 13. April der grauenhafte Abschluss der Kulturkatastrophe.

Nicht vom Feuer erfasst wurde der Chorschluss mit dem Chorgestühl von 1647 und der Hochaltar. Im November 1947 stürzten die Reste des Chorgewölbes im Friedrichschor ein. Das Langhaus blieb unbeschädigt.

Historische Schätze für immer verloren

Die - unvollständige - Bilanz der Feuersbrunst ist schrecklich: Unwiederbringlich verloren gingen das Wimpassingerkreuz, das Triumphbogenkreuz und das gotische Chorgestühl sowie das 1640 von Johann Josef Pack geschaffene kaiserliche Oratorium. Auch die beiden Orgeln von 1720 bzw. 1707 waren verloren.

Die Pummerin mit einem Durchmesser von 3,18 Metern war eine Stiftung Josef II. und wurde aus dem Metall der 1683 erbeuteten türkischen Kanonen von Johann Aschauer in Neustift bei Wien gegossen. Die Halbpummerin (2,59 Meter Durchmesser) war 1472 entstanden und 1558/59 umgegossen worden. Neben diesen Wahrzeichen Wiens stürzten auch die beiden Glocken des südlichen Heidenturms ab - die Zwölferin oder Fürstenglocke und die Viertelpummerin.

Stahl ersetzte Lärchenholz

Nicht genug kann die Vernichtung des weltweit architektonisch schönsten und steilsten gotischen Kirchendaches beklagt werden. Dieses war aus 10.000 abgelagerten Lärchenbaumstämmen gezimmert worden, die vor mehr als 500 Jahren in den Wäldern des "Lerchenfeldes" geschlagen worden waren. Heute erinnert nur noch der Name Lerchenfelder Straße an diese Forste. Das über Jahrhunderte von Holzwürmern verschont gebliebene Dach war tatsächlich unersetzlich - es konnte nicht mehr gezimmert werden. Stahlträger bilden heute die Konstruktion.

Quelle: APA

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