Österreich

Tempo 140 auf Westautobahn ab August - heftige Kritik an Verkehrsminister Hofer

Ab August ist auf zwei Abschnitten der Westautobahn (A1) Tempo 140 erlaubt. Auf rund 88 Kilometern zwischen Melk und Oed in Nieder- sowie auf den bereits bekannten 32 Kilometern zwischen Haid und Sattledt in Oberösterreich wird die höchstzulässige Geschwindigkeit um zehn km/h angehoben.

Symbolbild. SN/robert ratzer
Symbolbild.

Das neue Tempolimit gelte für beide Fahrtrichtungen, sagte Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) am Dienstag, der dafür - wie schon nach der Ankündigung des Projektes im Frühjahr - heftige Kritik einstecken musste.

Beginn und Ende werden nicht - wie ursprünglich angekündigt - via elektronischer Überkopfanzeigen, so genannten Verkehrsbeeinflussungs-Anlagen angezeigt, sondern per eigenem Verkehrsschild.

Das Pilotprojekt soll ein Jahr dauern und wird von der Asfinag mit Vorher-Nachher-Messungen begleitet. Konkret werden noch bei Tempo 130 in den betroffenen Abschnitten Luftgüte, Lärm, Durchschnittsgeschwindigkeiten und Unfallzahlen ermittelt.

Auf Basis der Vergleichswerte will das Verkehrsministerium im August 2019 entscheiden, ob Tempo 140 beibehalten und ausgeweitet wird. Dafür infrage kommen laut Hofer weniger als 50 Prozent der heimischen Autobahnkilometer.

 Verkehr - Karte A1, Lokalisierung der Teststrecken SN/APA
Verkehr - Karte A1, Lokalisierung der Teststrecken

Die für den Pilotversuch ab 1. August ausgewählten rund 120 Autobahnkilometer bieten die optimalen Voraussetzungen was Kurvenradien, Gefälle und Sichtweite betreffen, dazu ist die Strecke durch wenig Autobahnauffahrten durchbrochen, betonte Hofer.

Der Verkehrsminister wies darauf hin, dass - analog zum geltenden Tempo 130 - die gesetzliche Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h nur bei optimalen Fahrbedingungen erlaubt ist. Bei Regen, Nebel und schlechtem Wetter ist der Autofahrer selbst dafür verantwortlich, die Geschwindigkeit anzupassen, sagte Hofer.

Tempo 130 - "1974 war eine völlig andere Zeit"

Die bisher gültigen maximal 130 km/h stammen aus dem Jahr 1974, "damals gab es den VW-Käfer, eine völlig andere Zeit", erinnerte der FPÖ-Minister. "Heute hat die Geschwindigkeit bei den Verbrauchswerten einen wesentlich geringeren Einfluss als das früher der Fall war", sagte Hofer.

Auch die Fahrzeuge "sind sicherer geworden, dem wollen wir Rechnung tragen". Gelten sollen die 140 km/h, laut Hofer eine "maßvolle Erhöhung", nur tagsüber. Denn in der Nacht gilt für Lkw über 7,5 t in der Zeit von 22:00 bis 5:00 Uhr die Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h. Hier wäre dann die Geschwindigkeitsdifferenz zu groß, dies würde die Verkehrssicherheit negativ beeinflussen, sagte Hofer.

Bauliche Schritte waren für das neue Tempolimit keine erforderlich. Die Asfinag führte nur kleinere Anpassungen durch - wie etwa neue Markierungen. Die Asfinag misst für jede einzelne Fahrspur die jeweils gefahrene Geschwindigkeit. "Auf der dritten Fahrspur fahren bereits jetzt mehr als 50 Prozent mehr als 130 km/h", sagte Asfinag-Geschäftsführer Josef Fiala. Allerdings fahren "weniger als fünf Prozent mehr als 150 km/h", erläuterte Fiala.

"Keine signifikanten Veränderungen" durch Tempo 140 erwartet sich Martin Hoffer, Chefjurist des ÖAMTC. "140 statt 130 km/h sind kein Hals- und Beinbruch", konstatierte der Experte.

Verkehrsclub kritisiert Tempo-Experiment

Der VCÖ warnte unterdessen vor negativen Folgen einer Erhöhung des Tempolimits. Ein höheres Tempo bedeutet auch einen längeren Anhalteweg. Mit dem Tempo nehmen Unfallrisiko und Unfallschwere zu.

"Dem theoretisch möglichen Zeitgewinn von nicht einmal einer Minute pro Testabschnitt stehen ein real erhöhtes Unfallrisiko, mehr Spritverbrauch, mehr CO2-Emissionen und ein erhöhter Schadstoffausstoß gegenüber. Der VCÖ lehnt Tempo 140 ab", stellt VCÖ-Experte Markus Gansterer fest.

Beide Versuchsstrecken sind auf der A1 (Melk - Öd und Haid - Sattledt). Die A1 bei Haid ist jener Autobahnabschnitt, wo die meisten Lkw unterwegs sind. Allein im Vorjahr fuhren hier rund fünf Millionen Lastwagen, mehr als doppelt so viele wie über den Brenner, macht der VCÖ aufmerksam. Auch in Zukunft werden langsamere Pkw die Lkw überholen. Eine Zunahme von Drängeln ist zu befürchten.

Mit Tempo 140 nehmen die Geschwindigkeitsunterschiede zu, umso mehr als die Toleranzgrenze in Österreich - im Unterschied zur Schweiz - sehr hoch ist. Tempolimit 140 wird in der Realität bei vielen 150 km/h oder mehr bedeuten.

Europakarte mit Ländern eingefärbt nach Höhe der Tempolimits<br> SN/APA
Europakarte mit Ländern eingefärbt nach Höhe der Tempolimits

"Um zu verhindern, dass Tempo 140 in der Realität 150 km/h oder mehr bedeutet, ist die Toleranzgrenze nach Schweizer Vorbild zu senken. Das Motto "Darf's a bisserl mehr sein" kann beim Tempo fatal enden", stellt Gansterer fest. Der Verkehrsfluss ist bei großen Tempo-Unterschieden schlechter, was die Stauanfälligkeit erhöhen kann.

Die Einführung von Tempo 140 steht auch im Widerspruch zum Ziel der Bundesregierung, die CO2-Emissionen des Verkehrs um ein Drittel zu reduzieren, betont der VCÖ. Mit dem Tempo nehmen der Spritverbrauch und damit auch der CO2-Ausstoß zu. Laut Studie der TU Graz erhöht sich der CO2-Ausstoß durch Tempo 140 statt 130 um zwölf Prozent. Auch die gesundheitsschädlichen Stickoxid- und Feinstaub-Emissionen nehmen zu.

Breite Ablehnung bei der Opposition

"Tempo 140 schadet der Umwelt und ist eine Gefahr für die Verkehrsteilnehmer", kritisierte Hofers Vorgänger Jörg Leichtfried (SPÖ). "Bei Tempo 140 ist mit 20 Prozent mehr Schadstoffemissionen als bei Tempo 130 zu rechnen. Vergleicht man den Schadstoffausstoß mit Tempo 100, erhöhen sich die Emissionen sogar um 50 Prozent", rechnete der ehemalige Verkehrsminister vor. Schnellfahren würde außerdem "kaum Zeitersparnis" bringen, dafür aber eine "viel größere Unfallgefahr", warnte der SPÖ-Nationalratsabgeordnete. Leidtragende seien aufgrund der höheren Lärmbelästigung die Anrainer.

"Österreich hat einen Verkehrsminister, der sich nicht um die Sicherheit im Verkehr kümmert und eine Umweltministerin, die sich nicht um die Umwelt schert", kritisierte der Klubobmann der Bruno Rossmann (Liste Pilz). "Es liegt ja wohl klar auf der Hand, dass ein höheres Tempo auch einen höheren Schadstoff-Ausstoß bedeutet. Wir rasen also mit Tempo 140 noch schneller in den Klimakollaps." Auch er betonte, dass neben der Umweltbelastung auch Spritverbrauch, Lärmpegel und Unfallrisiko steigen. Rossmann sieht im Pilotprojekt ein "populistisches Ablenkmanöver" der Regierung.

"Puren Populismus" konstatierte auch der Verkehrssprecher Severin Mayr (Grüne Oberösterreich). "Eine Maßnahme, die kaum Zeit, aber mehr Umweltbelastung bringt. Mit dieser Retropolitik will Hofer offenbar von den wirklichen Problemen in der Verkehrspolitik ablenken. Mit mehr Gas auf der Autobahn sind diese sicher nicht zu lösen", sagte Mayr. Wenn der Minister etwas beschleunigen solle, "dann den Öffi-Ausbau", forderte er.

Die NEOS kritisierten, dass Tempo 140 den Steuerzahlern teuer zu stehen komme. Denn es bringe "zusätzliche Emissionen und macht zusätzliche Klimainvestitionen notwendig", meinte Umweltsprecher Michael Bernhard (NEOS). "Der Verkehrsminister greift hier die Lebensqualität der Österreicherinnen und Österreicher an und schämt sich nicht einmal dafür. Haltung sieht anders aus."

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