Österreich

Österreichs Gletscher sind weiter auf dem Rückzug

Seit fast 130 Jahren führt der Österreichische Alpenverein Gletschermessungen durch. Auch die neuesten Ergebnisse verheißen nichts Gutes. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Gletscher brauchen nicht viel Platz - derzeit etwa 0,3 Prozent der Gesamtfläche Österreichs. Doch irgendwann werden sie gar keinen Platz mehr benötigen, denn die Gletscher schmelzen weiter. Das zeigt der Gletscherbericht, den der Österreichische Alpenverein (ÖAV) am Freitag in Innsbruck präsentierte. Auch wenn der Rückzug in der Messperiode 2017/2018 nicht ganz so schlimm ausfiel wie im Jahr davor: "Es war ein sehr gletscherungünstiges Jahr." Das erklärt Karl Gerhard Lieb vom Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz. Mit seinem Kollegen Andreas Kellerer-Pirklbauer leitet er die Messungen, die von ehrenamtlichen Fachleuten durchgeführt werden.

Für 93 Gletscher liegen Ergebnisse vor, die mittels örtlichen Messungen und in wenigen Fällen über Fotovergleiche angestellt wurden. "89 Gletscher haben sich zurück gezogen", erklärt Lieb. Immerhin vier seien stationär, also gleich, geblieben. "Das signalisiert aber keine Trendwende", betonte der Experte. Grund dafür seien vielmehr lokale Sondersituationen wie etwa ein Lawinenkegel, der sich über einem der Gletscher befand.

In der Messperiode 2017/2018 verzeichnete das Viltragenkees in Osttirol den stärksten Rückgang von 128 Metern, gefolgt vom Alpeinerferner in Tirol mit 86 Metern und dem Schlatenkees in Osttirol mit einem Rückgang von 67 Metern. Im Durchschnitt lag die Veränderung der Länge bei Minus 17,2 Metern. Im Jahr davor lag der Wert bei Minus 25,2 Metern. Das bedeute zwar einen "deutlich niedrigeren Wert", erklärt Lieb, sei aber dennoch "ein hohes Niveau des Gletscherrückgangs" und ist der sechst höchste Wert seit 1960. Dass der Beobachtungszeitraum nicht ganz so schlecht ausfiel, liege vor allem an dem schneereichen Winter, erklärte Lieb. Die Schneedecke habe die Gletscher vor der Abschmelzung geschützt, erklärt der Experte.

Eine Trendwende ist nicht absehbar

Sein Blick in die Zukunft: "Es wird mit den Gletschern auch so weiter gehen." Die Gletscher hätten keine Reserven mehr, durch die "eine Massenbewegung von oben nach unten" und somit ein Gletschervorstoß zustande kommen könnte. "Es würde mehere Jahrzehte brauchen, eine solche Reserve aufzubauen. Wir bräuchten zwei oder drei Jahrezehnte lang verregnte Sommer, dann würden Gletscher wieder ansprechen und wachsen können. So etwas ist aber nicht absehbar, weil sich die Atmosphäre weiter erwärmt. Es gibt keinen Grund, eine Trendwernde zu erwarten oder zu erhoffen."

Grafik Gletscher-Rückgänge. SN/APA
Grafik Gletscher-Rückgänge.

Ein Plädoyer für mehr Umweltschutz hielt indes Ingrid Hayek, Vizepräsidentin des Alpenvereins. "Den Gletschern ist es völlig wurscht, wenn sie schmelzen, wir sind die, die sich ärgern. Den Bergen ist es völlig wurscht, wenn der Permafrost auftaut, wir sind die, die Probleme damit haben werden", sagte sie. Der Planet habe schon Schlimmeres erlebt und sich wieder erholt. "Nur werden wir bei der Erholung nicht mehr dabei sein. Wir sind nicht unmoralisch, sondern dumm, denn nicht die Natur leidet, sondern wir leiden", fügte sie hinzu.

Der WWF forderte angesichts der präsentierten Zahlen ein "Rettungspaket" für die heimischen Gletscher. "Wir müssen alpine Ruhegebiete gegen die grenzenlose Verbauung unserer Berge einrichten, das Klima besser schützen und unsere Wasserressourcen sichern", sagte Josef Schrank, Experte für Alpenschutz beim WWF in einer Aussendung. Aufgrund der verfehlten Klimapolitik drohe den Alpengletscher bis 2050, die Hälfte ihrer Masse zu verlieren. Jetzt gehe es darum, "zu retten, was noch zu retten ist", betonte Schrank.

Das Abschmelzen der Gletscher bedeute zwar keine Probleme für Trinkwasser- und Energieversorung, verändere aber die Landschaft, erklärte Lieb. "Das Hochgebirge ist mit den Gletschern ästhetisiert worden, viele Gebiete sind ohne Gletscher schwer vorstellbar, aber es gibt attraktive Gebirgsgegenden, die unvergleschtert sind." Der Gletscherschwund bedeute per se kein Problem für Österreich und betreffe auch nur ganz wenige Menschen, sagt der Experte. Aber das Verschwinden der Gletscher tut vor allem eines: Es mahnt uns vor den massiven Auswirkungen des Klimawandels.

Quelle: SN-Ham, Apa

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