Österreich

Soldat totgebissen: Wie aus dem vertrauten Hundeführer ein Feind wurde

In der Flugfeldkaserne in Wiener Neustadt rekonstruierten die Kameraden des getöteten Hundeführers die dramatischen Augenblicke.

Es ist ein schmaler Grünstreifen, eingezwängt von einem Zaun und einem Erdwall. Hoch über der Flugfeldkaserne Wiener Neustadt dreht ein knatternder Doppeldecker seine Bahnen am dunkelgrauen Herbsthimmel. Nur ein dunkler Fleck im Gras ist geblieben, dort, wo der diensthabende Offizier in den frühen Morgenstunden des 14. Novembers die entstellte Leiche des 31-jährigen Hundeführers fand.

Am Freitag versuchten die Kameraden des Opfers den Tathergang zu rekonstruieren. Ihre Vermutungen lassen auf eine Verkettung mehrerer überaus unglücklicher Zufälle schließen, die dazu führten, dass der Soldat von einem Hund, der eine Spezialausbildung genossen hatte, getötet wurde.

Hund und Hundeführer prallten zusammen

Der 31-Jährige hatte am 13. November, gegen 17 Uhr, den Hundezwinger betreten um "Hati" sowie "Ragnar", den beiden belgischen Malinois-Schäferhunden, Auslauf zu bieten. Die beiden Vierbeiner sausten voraus, der Hundeführer folgte ihnen. "Diese Hunde sind unglaublich schnell. Als sie wendeten, um zu meinem Kameraden zurückzukehren, könnte es zu einem Zusammenprall gekommen sein", beschrieb ein Diensthundeführer des Jagdkommandos den möglichen Ablauf.

Die Hunde dürften in einen Bereich gelaufen sein, der hell ausgeleuchtet war. Der 31-Jährige hingegen befand sich im Schatten des Erdwalls. Als "Hati" zurück in den Schattenbereich lief, dürfte er mit seinem "Chef" zusammengestoßen sein. Dann ging alles rasend schnell.

Die Lage eskalierte

"Der Hund verspürte Schmerzen, erschrak und biss zu", so die Erklärung des Offiziers beim "Lokalaugenschein" am Freitag. Das Problem: Der Hundeführer war mindestens ebenso überrascht von der Attacke. Normalerweise wäre "Hati" darauf trainiert gewesen, nur einmal zuzubeißen - meist in den Unterarm - und im Biss zu verharren.

Doch sein Ausbildner wollte die Hierarchie wieder herstellen und brachte das Tier dazu, loszulassen. Dann eskalierte die Lage. "Die Bezugsperson wurde zum Feindbild." Der Soldat war weder mit Pistole noch mit Messer bewaffnet. "Die beiden kannten einander seit Monaten. Außerdem sind wir beim Einsatz von Waffen gegenüber unseren Hunden sehr gehemmt", erklärte der Hundeführer im Unteroffiziersrang.

Sprich: Der angegriffene Oberwachtmeister war zu diesem Zeitpunkt noch davon überzeugt, wieder die Kontrolle gewinnen zu können.

Ein fataler Irrtum. Denn für den Hund begann nun der Kampf gegen "den Feind" erst richtig. Die Spuren auf dem Grünstreifen zeigen auf einer Länge von etwa 50 Metern das ganze Ausmaß der Tragödie: Stofffetzen, kleine Blutlachen.

Hundeführer wurde zur Beute

"Es hat etwa zwei Minuten gedauert, dann ist der Tod eingetreten. Der Blutverlust war einfach zu massiv. Er musste nicht lange um sein Leben kämpfen, er hätte auch nicht gerettet werden können."

Nun versucht man seitens des Jagdkommandos, so rasch wie möglich Erkenntnisse aus dem Vorfall zu gewinnen. "Damit so etwas für alle Zeit verhindert werden kann", betonte der Kommandant des Jagdkommandos, Philipp Segur-Cabanac. Geplant ist, den Ablauf mit beiden Hunden noch einmal zu simulieren. Dazu soll ein Spezialist für Militärhundeausbildung aus den USA zu Rate gezogen werden.

Ob die Anwesenheit eines zweiten Hundeführers den tödlichen Angriff von "Hati" verhindern hätte können? "Wahrscheinlich, ja", sagt der Kamerad des Opfers. "Doch das ist sehr schwer umzusetzen. Man nimmt den Hund ja auch mit nach Hause."

Für Segur-Cabanac steht fest: "Hati hat keine Zukunft als Diensthund - zumindest nicht beim Jagdkommando." Er müsse aber nicht unbedingt eingeschläfert werden. Es gäbe auch Stellen, wo kriegstraumatisierte Hunde betreut werden. Derzeit befindet sich "Hati" gemeinsam mit "Ragnar", der aufgrund einer Beißhemmung nicht zum Dienst zugelassen wurde, in der Maximilian-Kaserne in Quarantäne. "Hati hat einen Feind bekämpft, das ist für ihn abgeschlossen", meint der Hundeführer. Doch Vertrauen in den Vierbeiner könne nicht wieder hergestellt werden. "Man kann sich nie mehr sicher sein, dass er das nicht noch einmal macht."

Aufgerufen am 08.12.2019 um 05:51 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/video-soldat-totgebissen-wie-aus-dem-vertrauten-hundefuehrer-ein-feind-wurde-79952269

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