Die Verbesserung der Welt

In Zukunft sollte an die Stelle des kapitalistischen Imperativs "Du musst konsumieren" die Frage "Was brauche ich wirklich?" treten.

Vordenken Martin Horváth
Eine bessere Welt ohne Konsumwahn - so könnte ein Zukunftsszenario aussehen. SN/interfoto
Eine bessere Welt ohne Konsumwahn - so könnte ein Zukunftsszenario aussehen.

Der Gesamtorganismus, den wir gemeinhin Welt nennen, wurde über Nacht von mikroskopisch kleinen Organismen in die Krise gestürzt. Ihre Überwindung wird wohl länger dauern, als wir uns jetzt vorstellen können und wollen. Gerade deshalb ist es wichtig, sich schon jetzt Gedanken darüber zu machen, in welcher Welt wir leben oder nicht leben wollen, wenn einmal die Kranken geheilt, die Toten begraben und die schlimmsten Schäden behoben sein werden.

1. Die gegenwärtige Krise offenbart, was von manchen schon lange angeprangert wird: dass viele nun als systemerhaltend geltende, mehrheitlich von Frauen errichtete Arbeiten zu den am schlechtesten entlohnten in ebendiesem System gehören. Wie kann es sein, dass diese Arbeit der Gesellschaft so wenig wert ist, während am anderen Ende des Spektrums das Zehn-, Zwanzig- oder Hundertfache bezahlt wird? Die meisten Argumente zur Verteidigung der großen Einkommensschere - Dauer der Ausbildung, Stress, Arbeitszeit, das Spiel von Angebot und Nachfrage - lassen sich bei genauerer Betrachtung leicht entkräften. Es liegt auch nicht an der Verantwortung, mit der etwa bei Konzernmanagern argumentiert wird: Gerade sie sind oft mehr den kurzfristigen Eigeninteressen und jenen der Eigentümer - steigende Börsekurse und Dividenden - als dem langfristigen Wohlergehen des gesamten Unternehmens verpflichtet. Und gehen selbst dann, wenn sie einen Betrieb in die roten Zahlen gesteuert haben, aufgrund bestens ausgehandelter Verträge oft mit Millionen nach Hause.

Wer also setzt fest, dass gerade sie ein Vielfaches - hierzulande mehr als das 50-Fache, in den USA bei manchen Unternehmen das 1000- oder gar 5000-Fache - des Systemerhalters bezahlt bekommen? Es ist letztendlich die Finanzwirtschaft, der es im Verbund mit den großen multinationalen Konzernen gelungen ist, der Welt ihr Bild vom Leistungsträger als das einzig wahre zu verkaufen.

2. Man würde mit derlei Debatten nur den Neid schüren, heißt es von jenen, die sich bisher als Leistungsträger präsentieren. Dabei sind sie es, die über viele Jahre hinweg stillschweigend davon profitierten, dass sich der Neid durch das laute Sündenbock-Geschrei der Rechten in Wahrheit gegen eine ganz andere Gruppe richtete: die Schwächsten der Gesellschaft. Es geht daher nicht um eine Neid-, sondern im Gegenteil um eine Solidaritätsdebatte. Wie wichtig die in den letzten Jahren so gern als naives Gutmenschentum verunglimpfte Solidarität für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist, hat sich gerade in der derzeitigen Krise wieder gezeigt. Solidarität sollte in Zukunft etwa heißen, dass wir auf das Ablenkungsmanöver - Flüchtlinge, andere Ausländer oder Arbeitsunwillige seien schuld an unserer Misere - nicht länger hereinfallen. Solidarität müsste aber auch heißen, dass die, die von der wachsenden Ungleichheit am meisten profitieren, sie durch ihr fahrlässiges Wirtschaftsgebaren hervorgerufen und dabei teilweise riesige Vermögen angehäuft haben, einen Solidarbeitrag leisten. Wir sitzen alle im selben Boot, heißt es oft. Ja, aber: Die Manager von Österreichs zehn größten börsenotierten Unternehmen verdienten 2018 zwischen 3,4 und 6,7 Millionen Euro brutto, also zwischen 9300 und 18.300 Euro - pro Tag! Im Vergleich mit US-amerikanischen Spitzenmanagern mag das wenig sein; mit dem zuletzt genannten Tagesgehalt müssen allerdings viele der jetzt gefeierten Systemerhalter fast ein Jahr lang auskommen.

3. Die Finanzelite definiert nicht nur Leistung, sondern auch die Spielregeln für unser gesamtes Wirtschaftssystem. Mittels milliardenschweren Lobbyings ist es dieser Phalanx aus großen Konzernen, Investmentbanken, Private-Equity- und Hedgefonds, Ratingagenturen, Unternehmensberatern und Wirtschaftsanwälten gelungen, diese Regeln rund um den Globus von der Politik in Gesetze gießen zu lassen und sie in den Köpfen der Allgemeinheit sukzessive als "alternativlos" zu verankern.

Der Versuch, die Welt als Markt und alles in dieser Welt zur Ware zu erklären, hat nicht nur zu schmerzhaften, oft als Modernisierung verkauften Einschnitten in öffentlichen Haushalten geführt, sondern in vielen Fällen auch für eine Pervertierung der Realwirtschaft gesorgt: Bei vielen größeren, im Abstand von wenigen Jahren den Besitzer wechselnden Betrieben geht es offensichtlich schon lange nicht mehr um die Herstellung möglichst qualitätsvoller Produkte, sondern darum, möglichst große Profite für Anteilseigner und Management zu erwirtschaften.

Ist diese Art des Wirtschaftens tatsächlich so alternativlos? Ist es alternativlos, dass das System zu einem wesentlichen Teil auf den in Sekundenschnelle getroffenen, oft irrationalen Entscheidungen von Börsehändlern basiert? Dass die dabei erwirtschafteten Gewinne meist nicht dort versteuert werden, wo sie anfallen? Dass sie also in Wahrheit Verluste für alle anderen sind, denen man einredet, man könne sich den Sozialstaat nicht mehr leisten?

4. Die Einsparungen in den öffentlichen Haushalten haben zu einer langfristigen Schwächung des Staates geführt. Selbst sozialdemokratische Regierungen haben dieses Narrativ - Staat ist schlecht, privat ist gut - weitergesponnen. Gerade die gegenwärtige Krise hat jedoch wieder einmal die Wichtigkeit eines funktionierenden Staates vor Augen geführt. Genau jetzt böte sich also die Chance, sich vom geltenden Narrativ zu verabschieden und es durch ein eigenes zu ersetzen. Eines, in dem mit Maß und Ziel eingehobene Steuern als notwendiger Beitrag zum langfristigen Wohlergehen einer Gesellschaft erachtet werden. In dem tatsächliche Wertschöpfung im Sinne der Allgemeinheit statt kurzfristiger Wertabschöpfung zugunsten weniger gefördert wird. Ein Narrativ, in dem nicht der eine auf "die Wirtschaft", der andere auf "den Staat" schimpfen muss, sondern jeder verstehen lernt, dass wir alle gleichzeitig Teil der Wirtschaft UND des Staates sind.
5. Die Krise wird viele dazu nötigen, mit weniger auskommen zu müssen als bisher. Für jene, die schon vorher - oft trotz Vollzeitarbeit und bescheidener Ansprüche - kaum über die Runden kamen, wird das eine besonders bittere Erfahrung. Anderen wird vielleicht klar werden, dass weniger manchmal tatsächlich mehr bedeuten kann: dass also in Zukunft an die Stelle des kapitalistischen Imperativs "Du musst konsumieren" das Nachhaltigkeits-Interrogativum "Was brauche ich wirklich?" treten sollte.

6. Wenn wir die gegenwärtige Situation nicht nur als Krise, sondern auch als Chance sehen wollen, um notwendige Veränderungen herbeizuführen, dann kommt der Bildung dabei ein besonderer Stellenwert zu. In Sonntagsreden wurde ihr - meist zusammen mit der Kultur - dieser ja schon immer bescheinigt. Sorgen wir mit allen zur Verfügung stehenden Kräften dafür, dass diesen Reden auch Taten folgen: Reformen jenseits ideologischer Grenzen, die sich nicht wie so oft als verdeckte Sparmaßnahmen entpuppen, sondern tatsächlich die Zukunft des Landes weit über die nächste Legislaturperiode hinaus im Sinne haben.

Martin Horváth lebt als Autor und Musiker in Wien. Zuletzt erschien der Roman "Mein Name ist Judith" (Penguin-Verlag).

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