Österreich

Wien wächst vor allem in den Außenbezirken

Der Konflikt um den Lobautunnel wirft ein Schlaglicht auf das starke Wachstum der Wiener Außenbezirke. Mittlerweile lebt allein ein Fünftel der Wienerinnen und Wiener jenseits der Donau. Bis auf wenige Ausnahmen liegen die stark wachsenden Grätzl vor allem an den Rändern der Hauptstadt, wie von APA und OGM ausgewertete Zahlen der Wiener Landesstatistik und der Statistik Austria zeigen. Die Verkehrspolitik stellt das vor gravierende Herausforderungen.

Wie die Verkehrspolitik auf den Boom reagieren soll, sorgt für Streit SN/APA/AFP/JOE KLAMAR
Wie die Verkehrspolitik auf den Boom reagieren soll, sorgt für Streit

Am stärksten zugelegt hat die Einwohnerzahl 2020 in der Leopoldau (plus 15 Prozent), wo auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks ein großes Wohnbauprojekt entsteht, und im Viertel um den Laaerberg (14 Prozent). Ebenfalls gewachsen sind Aspern, die Seestadt, Stammersdorf sowie Ober- und Unterlaa. Umgekehrt sind die Viertel in der Innenstadt bis auf wenige Ausnahmen geschrumpft, wie die APA/OGM-Grätzlanalyse zeigt: um mehr als vier Prozent Altlerchenfeld im 8. Bezirk, fast drei Prozent das Karmeliterviertel im 2. Bezirk. Getrotzt haben dem Trend St. Marx und das Arsenal im 3. Bezirk, sowie das Nordbahnviertel in der Leopoldstadt.

"Besonders im innerstädtischen dichtverbauten Gebiet stößt die Bevölkerungszahl an ihre Grenzen", sagt Johannes Klotz von OGM. Tatsächlich nimmt der Anteil der zehn Innenbezirke (1. bis 9. und 20. Bezirk) an der Gesamtbevölkerung langsam aber stetig ab - von 28,4 Prozent im Jahr 2011 auf heuer nur noch 26,9 Prozent. Zwar sind seit 2011 auch in den Innenbezirken 32.000 zusätzliche Wienerinnen und Wiener hinzugekommen. Im selben Zeitraum hat aber allein Favoriten 34.000 Einwohner zugelegt und die beiden Bezirke jenseits der Donau sind um 72.000 Menschen gewachsen. Mittlerweile lebt fast jeder fünfte Wiener in Floridsdorf und der Donaustadt (373.000 Menschen).

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind hier aber deutlich schlechter ausgebaut. So rechnete die Arbeiterkammer in einer Studie 2019 vor, dass zwar in den Innenbezirken fast alle Einwohner öffentliche Verkehrsmittel der höchsten Güteklassen nutzen können, in Floridsdorf sind es aber nur sieben von zehn, in der Donaustadt nur sechs von zehn und in Liesing nur die Hälfte. Entsprechend hoch ist dort auch der Anteil der Autofahrer: Kommen in den Innenbezirken auf 1.000 Einwohner knapp 350 Autos, sind es jenseits der Donau 400 und in Liesing 500.

Für die Stadtplanung sei das eine Herausforderung, betont auch der Wiener Planungsdirektor Thomas Madreiter, weil damit auch der hohe Anteil des öffentlichen Verkehrs am Gesamtverkehr ("Modal Split") verrutschen könnte. "Wenn man nicht aufpasst, kann es passieren, dass man aus demografischen Gründen den Modal Split verschlechtert", sagt Madreiter zur APA.

Einen Grund, auf den Lobautunnel zu verzichten, sieht Madreiter darin aber nicht. "Wir geben dreimal so viel Geld für den öffentlichen Verkehr aus wie für den Straßenbau", betont der Planungsdirektor und verweist darauf, dass mit der Linie 27 bis 2025 eine dritte Straßenbahnverbindung zwischen Floridsdorf und der Donaustadt entsteht. Auch die S-Bahn werde ausgebaut. Aber in der östlichen Donaustadt seien 25.000 Wohnungen für 60.000 Menschen geplant: "Zu meinen, das ginge ohne Straße - sorry to say, aber das ist ein Blödsinn."

Auch den Bodenschutz sieht Madreiter nicht als Argument gegen den Tunnelbau. Natürlich könne man die Entwicklung in Wien verhindern. Aber Wohnbauprojekte am Land hätten ein vielfaches an Bodenverbrauch. "Wer es mit Bodenschutz ernst meint, der muss sich für eine Entwicklung in Wien an zentralen Standorten einsetzen."

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