Österreich

Zwischen Terrorpanik und Terrorlüge

Terrorismusforscher Peter Neumann ist der neue Sonderbeauftragte für Terror der OSZE. Wie die Gesellschaft mit der Gefahr umgehen sollte.

Terroranschläge wie jener in Berlin sorgen für Angst und Panik in der Bevölkerung. SN/APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ
Terroranschläge wie jener in Berlin sorgen für Angst und Panik in der Bevölkerung.

Wer mit Peter Neumann frühstückt, der bekommt neben Obst, Kaffee und Fruchtsaft vor allem eines serviert: Antworten zum Thema Terrorismus. "Wir brauchen eine realistische Einstellung zum Terror. Was bedeutet, dass man nicht automatisch nach jedem Anschlag hinter jeder Moschee einen versteckten Terroristen vermuten sollte oder in Panik verfällt", sagt Neumann und nippt am Becher. Das "Aber" im Satz folgt später.

Doch zunächst zu jenem Mann am anderen Ende des Frühstückstischs: Der 42-jährige Politikwissenschafter gilt als der führende Terrorexperte im deutschsprachigen Raum. Seit vergangener Woche berät er die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), die derzeit unter österreichischem Vorsitz steht, als Terrorsonderbeauftragter im Kampf gegen Radikalisierung. "Wenn es überhaupt einen Zeitpunkt gibt, an dem man zum Thema Terror bei der OSZE etwas erreichen kann, dann jetzt", erzählt der gebürtige Würzburger.

Erreichen will der Terrorismusforscher vor allem eines: das Bewusstsein der einzelnen Staaten im Kampf gegen Radikalisierung zu schärfen. "Es geht darum, dass die einzelnen Mitgliedsstaaten konkrete Konzepte im Kampf gegen den Terror entwickeln. Wir haben es einerseits mit Staaten zu tun, die sehr professionell auf diesem Gebiet arbeiten, andererseits gibt es solche, die erst damit beginnen. Die Idee war, dass es einen Austauschmechanismus gibt, mit dem gute Initiativen identifiziert und diese Erfahrungen dann allen Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt werden. Wir wollen am Ende des Jahres sozusagen die Werkzeuge im Kampf gegen Radikalisierung zur Verfügung stellen."

Voneinander lernen im Kampf gegen den Terror. Klingt logisch. Wie so vieles, das Neumann wenige Stunden vor seinem Abflug nach London in einem Wiener Hotel erzählt. Unaufgeregt, unprätentiös und redegewandt wirkt jener Mann, der am renommierten King's College in London seit 2008 das Internationale Zentrum zur Erforschung von Radikalisierung leitet. Neumann und sein Team sammeln dort Informationen aus sozialen Netzwerken über europäische Dschihadisten und werten diese aus.

Der neue Sonderbeauftrage für Terror der OSZE: Peter Neumann. SN/ap
Der neue Sonderbeauftrage für Terror der OSZE: Peter Neumann.

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich der einstige Radiojournalist mit der Thematik. Wie es dazu kam? In Berlin studierte er Politikwissenschaften und absolvierte 1997/98 ein Erasmus-Jahr in Belfast. "Das letzte Jahr des Nordirlandkonflikts. Von da an hat mich das Thema Terrorismus interessiert, auch wenn es damals ein Randthema war", erinnert sich Neumann. Nach Abschluss seines Studiums in Deutschland promoviert er in London. Eine Zeit, in der der islamistische Terror durch die Anschläge am 11. September in New York und den Terror im Jahr 2005 in London in den Fokus der Öffentlichkeit geriet. "Gerade durch die Anschläge in Großbritannien und die damit verbundene Diskussion, warum sich junge Menschen radikalisieren, hat sich meine Aufmerksamkeit, auch forschungstechnisch, sehr früh auf dieses Thema gerichtet."

Heute sind es bis zu 200 Anrufe von Journalisten aus aller Welt, die Neumann innerhalb einer Stunde nach einer Terrorattacke erreichen. So wie zuletzt am 19. Dezember 2016, dem Tag des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Gern arbeite Neumann mit Medien, aber "in einer guten Dosis", wie er es nennt. Sein Leben habe er aufgrund der täglichen Auseinandersetzung mit dem Terror nicht geändert. "Man spielt das Spiel der Terroristen, wenn man in Angst und Schrecken lebt. Ich glaube nicht, dass jeden Tag, an jeder Ecke etwas in die Luft fliegen könnte, und ich habe auch keine große Angst." Pause. "Das Einzige, wo ich etwas vorsichtiger geworden bin, sind meine genauen Bewegungsdaten. Jeder kann wissen, dass ich in Wien bin, aber nicht, wo ich frühstücke", sagt Neumann und lächelt.

Apropos Wien: Sind Anschläge auch in der Bundeshauptstadt denkbar? "Ich will nichts vo raussagen, aber hier stellt sich die Situation genauso problematisch dar wie in allen anderen Städten, die in den letzten Monaten betroffen waren. Vielleicht ist die Gefahr etwas geringer als in Brüssel, aber sie ist genauso relevant wie in Berlin. Weil Wien eine internationale Stadt ist und hier internationale Organisationen sitzen."

Neumanns eigene Bilanz seiner zwei Jahrzehnte als Terrorismusforscher fällt selbstkritisch aus. "Ich habe mich bei einigen Sachen geirrt. Aber nach dem Anschlag auf ,Charlie Hebdo' habe ich erzählt, was ich heute erzähle. Damals wurde ich als Alarmist dargestellt." Nach den Anschlägen in Paris habe sich das geändert und Neumann sei für viele "zu liberal" erschienen.

"Ich habe meine Position nicht verändert, aber die Ereignislage hat sich verändert", sagt der 42-Jährige und fügt das anfangs schuldig gebliebene "Aber" hinzu. "Wir brauchen keine Panik, aber wenn zwei Monate kein Anschlag passiert, ist dies noch lange kein Grund, von einer ,Terrorlüge' zu sprechen. Es gibt diese Gefahr und sie wird uns weiter erhalten bleiben. Aber wenn unsere Gesellschaft nicht überreagiert und nicht in Panik verfällt, wird sie das überleben."

Aufgerufen am 25.09.2018 um 09:07 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/zwischen-terrorpanik-und-terrorluege-527239

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