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Ameisen sind Meister in der Seuchenabwehr

Ameisen praktizieren Social Distancing, gegenseitige Hygiene inklusive Impfung und verwenden sogar ihr körpereigenes Desinfektionsmittel.

Ameisen praktizieren Social Distancing und verwenden ein körpereigenes Desinfektionsmittel. SN/kozorog - stock.adobe.com
Ameisen praktizieren Social Distancing und verwenden ein körpereigenes Desinfektionsmittel.

Die Ameise gilt immer wieder als Vorbild für Organisation. Schon als Kinder sind wir fasziniert vom Gewusel am Rand des Waldwegs. Bei genauerem Hinschauen erkennt man ein exaktes System des Zusammenlebens. Wenn sie im Hochbeet die Radieschen und Karotten anknabbern, haben wir weniger Freude mit den kleinen Tierchen, aber in Bezug auf Krankheitsübertragung könnten wir von den Ameisen einiges lernen.

"Ameisen bieten ein gutes Modellsystem für die Forschung. Wir untersuchen: Wie wirken sich Interaktionen und Netzwerke auf Krankheitsausbreitung aus?", sagt Sylvia Cremer. Sie hat ihre wissenschaftliche Karriere als Verhaltensbiologin gestartet. In den vergangenen Jahren hat sie sich am Institut of Science and Technology (IST) in Klosterneuburg mit Evolutionsimmunologie befasst und erforscht, wie sich Immunsysteme entwickelt haben - je nach der Umgebung und Sozialstruktur, in der Tiere leben.

Soziale Insekten - also Bienen, Ameisen, Termiten oder Wespen - bewältigen Krankheiten kooperativ. Besonders im Fokus der Wissenschafter sind zum Beispiel die Futtersammlerinnen - besonders umtriebige Wesen, die nicht im Nest für die Brutversorgung zuständig sind, sondern quasi jene sind, "die einkaufen gehen" und viel Kontakt zur Außenwelt und Krankheitserregern haben. Cremer fand heraus: Die Infizierten haben sich häufiger außerhalb aufgehalten und Distanz zum Netzwerk aufgebaut. Es gab weniger Kontakt mit den gesunden "Innendienst-Tieren". Interessanterweise dürfte dieser Effekt auf alle in der Futtersammlergruppe übergegangen sein. Auch die nicht Infektiösen hielten dann mehr Abstand. Dadurch steckten sich weniger in der restlichen Kompanie an.

Ameisen reagieren unglaublich schnell. Sobald ein Krankheitserreger im Umlauf ist, verändern sie ihr Verhalten. Sie haben ein gutes Geruchssystem und erkennen damit die Gefahr. Das Forscherteam um Cremer will durch die Ameisen Epidemiologie besser verstehen und herausfinden, welche Parameter für die Verbreitung ausschlaggebend sind. Ameisenforschung und Bienenforschung ermitteln Werte für allgemein gültige mathematische Modelle, die man auch auf den Menschen übertragen kann.

Nicht nur Social Distancing gehört zur Strategie der Ameisen, auch die Hygiene. Unter der Erde sind sie ja ständig mit Pilzen, Bakterien, davon auch vielen Krankheitserregern, konfrontiert. Sie putzen sich selbst und gegenseitig. Sie verwenden intensiv ihr körpereigenes Desinfektionsmittel, die Ameisensäure. Sobald sie ein neues Nest beziehen, putzen sie gründlich und sprühen alles aus. Cremer spricht von einer Art Breitbandabwehr. Der beste Weg für Menschen, gesund zu bleiben, sei demnach auch banal und bestehe immer noch darin, sich gut die Hände mit Seife zu waschen.

Cremer und ihr Team haben herausgefunden, dass sich jene Tiere, die schon immun gegen eine Erkrankung sind, anders verhalten als jene, die noch anfällig sind. Beide engagieren sich in der Krankenpflege, doch auf andere Art. Die anfälligen Tiere schützen sich mehr und überlassen den engeren Körperkontakt den immunen Tieren.

Das Abputzen mit den Mundwerkzeugen nennt man wie das Lausen bei den Affen Grooming. Bei diesem Abschlecken nehmen die Tiere mehr vom Krankheitserreger auf, aber für die immunen Tiere ist das kein Problem. Umgelegt bedeutet das: Menschliche Ärzte wissen das auch. Jene, die nicht immun sind, müssen vorsichtiger sein.

Durch dieses soziale Verhalten entsteht ein Immunsystem auf Kolonieebene. Während der gegenseitigen Hygiene geht ein bisschen etwas von den Pilzsporen auf das andere Tier über und baut eine Art Impfschutz auf. Wenn sich ein Körper schon einmal mit einem bestimmten Pathogen infiziert hat, bildet er Antikörper und Gedächtniszellen aus. Sie aktivieren im Ansteckungsfall die Immunreaktion. Ein solches Immungedächtnis haben Menschen, aber auch Krebstiere und Insekten.

Es gibt übrigens nicht nur fleißige Ameisen, sondern auch vereinzelt "faule Willis" in der Kolonie. Die "lazy ants" sitzen auf der Reservebank und gelten als Puffer. Sie werden in Ausnahmesituationen rekrutiert.


Quelle: SN

Aufgerufen am 28.11.2020 um 08:42 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/ameisen-sind-meister-in-der-seuchenabwehr-86591248

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