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Bibel und Koran über Barmherzigkeit

Vorbild der Barmherzigen: Heiliger Martin teilt seinen Mantel. SN/94537942
Vorbild der Barmherzigen: Heiliger Martin teilt seinen Mantel.

Angelika
Walser

Bibeltext:
Ihr aber sollt euere Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen,auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!
(Lukas 6, 35-36)


"Simmer a bisserl barmherzig!" Der herablassende Ton, den der gelernte Österreicher in diesem Satz mitschwingen hört, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Jesus seinen Zuhörern hier predigt. Die Stelle ist Teil der berühmten programmatischen Rede, die Jesus im Evangelium nach Matthäus auf einem Berg und hier bei Lukas auf einem Feld hält. Sie geht auf die "Reden-Quelle Q" zurück, eine alte Sammlung überlieferter Sprüche Jesu.

Dem Autor des Lukasevangeliums, der sein Werk im letzten Viertel des 1. Jh. n. Chr. verfasste, lag diese Quelle bereits vor. Er wendet sich an Bewohner von hellenistisch geprägten Großstädten (Korinth? Antiochien?), die sowohl mit jüdischem als auch mit hellenistischem Denken vertraut waren. Soll man als kluger Mensch Gutes tun, weil man dann selbst mit Gutem rechnen kann? Oder soll man Gutes auch dann tun, wenn man keinerlei Aussicht auf Gegenseitigkeit hat, weil der andere ein Feind ist?

Jesu Antwort - das Gebot der Feindesliebe (V 35) sowie die Aufforderung zur Barmherzigkeit (V 36) - erweist sich für beide Kulturkreise als anschlussfähig: Sowohl im Judentum (Spr 20,22) als auch in der griechischen Philosophie (Seneca) ist die Aufforderung zum Verzicht auf Vergeltung und zur völlig uneigennützigen Feindesliebe bekannt. Jesus macht sie endgültig zum Kriterium der Zugehörigkeit zur Familie Gottes.

Als letzten Grund für die Möglichkeit zu einer so völlig uneigennützigen Liebe nennt Jesus den väterlichen Gott, den Inbegriff von Barmherzigkeit. Das hebräische Wort für Barmherzigkeit geht auf "rechem" = Mutterschoß zurück und verweist damit auf einen Gott, der sozusagen "Bauchgefühle" ("rachamim") hat. Bauchgefühle sind schöpferisch. Thomas von Aquin wird im 13. Jh. die Barmherzigkeit als "Urwurzel" aller Werke Gottes bezeichnen und als Voraussetzung von Gerechtigkeit. Schon im Alten Testament lässt Gott sein Herz vom Leid des Armen anrühren (lat. "misericordia"). Er ergreift Partei für diejenigen, die zu kurz kommen. Er ist weder ein willkürlicher Despot noch ein lieb-belangloser Teddybärgott. Seine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit müssen stets in einem Atemzug genannt werden. Die Aufforderung Jesu, so barmherzig zu handeln wie Gott selbst, begründet daher die charakteristische und produktive Spannung zwischen christlicher Liebes- und Gerechtigkeitsethik.

Dementsprechend verlangen die traditionellen "Sieben Werke der Barmherzigkeit" - Hungernde speisen; Durstige tränken; Obdachlose beherbergen; Nackte bekleiden; Kranke besuchen; Gefangene besuchen; Tote bestatten - nicht nur individuelle Initiative, sondern die Schaffung von gerechten gesellschaftlichen Strukturen, in denen Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können. Auch im Hinblick auf kirchliche Strukturen macht die Theologie darauf aufmerksam, dass sich Barmherzigkeit keinesfalls als individueller pastoraler Weichspüler (Kardinal Walter Kasper) eigne, um Reformen im Hinblick auf mehr Gerechtigkeit zu verhindern. Allein mit dem Verweis auf Barmherzigkeit wird man normative Fragestellungen z. B. in der Sexual- und Beziehungsethik nicht lösen können. Hier protestieren Menschen mit Fug und Recht gegen den herablassenden Gestus einer falsch verstandenen Barmherzigkeit und gegen den Platz auf der Armesünderbank. Sie verlangen schuldigen Respekt auf Augenhöhe und eine selbstkritische Reflexion überkommener kirchlicher Normen im Hinblick auf Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. "Simmer a bisserl barmherzig" wird nicht reichen. Es steht auch nirgends in der Bibel.


Angelika Walser
ist Professorin für
Moraltheologie/
Spirituelle Theologie und Vizedekanin der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.


Mouhanad
Khorchide

Korantext:

Sag: "Wem gehört, was in den Himmeln und auf der Erde ist?" Sag: "Gott."

Er hat sich selbst Barmherzigkeit vorgeschrieben. Er versammelt euch gewiss zum Tag der Auferstehung. An dem ist kein Zweifel. Die sich selbst verloren haben, wahrlich diese sind ohne Glauben.


(Sure 6, 12)


Die Dimension der Barmherzigkeit (Rahma) und der Gottesname "der Barmherzige" (ar-Rahman) tauchen prominent im Koran in der mittleren Phase in Mekka auf und zwar in der Gruppe der sogenannten Rahman-Suren (Barmherzigkeits-Suren). Der Gottesname "der Barmherzige" tritt hier an die Stelle des vorher üblichen Namen "Herr" (Rabb).

Wie die bekannte Koranforscherin Angelika Neuwirth feststellt, taucht gerade in der Sure der letzten frühen Periode in Mekka (Sure 55), die besonders an der paradiesischen Dimension des jenseitigen Raums interessiert ist, der Gottesname "der Barmherzige" erstmals im Koran auf. Ab dieser Sure können wir sagen, dass die Barmherzigkeit die zentrale Kategorie des Korans geworden ist. Der oben zitierte Vers der Sure 6:12 betont, dass Gott sich selbst zu nichts anderem verpflichtet als zur Barmherzigkeit. Diese Aussage wiederholt sich in dieser spätmekkanischen Sure im Vers 54 erneut.

Gott schreibt sich also selbst die Barmherzigkeit rückhaltlos zu. Daher verwundert es nicht, dass die Kategorie der Barmherzigkeit auch quantitativ die am stärksten im Koran vertretene ist: 169 Mal ist von der liebenden Barmherzigkeit Gottes (ar-Rahman) die Rede, 226 Mal von seiner vergebenden Barmherzigkeit (ar-Rahim). Der Koran führt aber auch weitere Namen und Eigenschaften Gottes an, die ebenfalls die Barmherzigkeit Gottes zum Ausdruck bringen wollen, sodass insgesamt 598 Mal eine derartige Bezeichnung im Koran vorkommt.

In der islamischen Tradition waren es vor allem die Mystiker, die der Barmherzigkeit einen zentralen Stellenwert beigemessen und sie als Wesenseigenschaft Gottes gesehen haben. Viele andere Gelehrte wollten es vermeiden, Gott personal zu denken und ihm somit Emotionen zuzuschreiben. Sie haben daher die Barmherzigkeit nur im Sinne des Willen Gottes, barmherzig zu handeln, interpretiert und nicht als Emotionen in Gott gedacht.

In einer zeitgenössischen Auslegung des Korans kann die Barmherzigkeit als hermeneutischer Schlüssel fungieren. Der angeführte Vers tritt im Koran mit weiteren in eine Verbindung, die deutlich macht, dass die Barmherzigkeit Gottes als absolut zu erachten ist. So betont der Koran weiterhin, dass Gottes Strafe relativ bleibt, während er seine Barmherzigkeit zu einer die ganze Schöpfung umfassenden Größe macht: "Meine Strafe trifft, wen ich möchte, und meine Barmherzigkeit umfasst alles" (Koran 7:156). Zudem bezeichnet der Koran die Verkündung Muhammads als Barmherzigkeit: "Wir [Gott] haben dich [Muhammad] lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt" (Koran 21:107). Diese Barmherzigkeit wird in der arabischen Sprache mit dem Begriff "Rahma" bezeichnet, der sich aus dem Begriff "Rahm" (dt. Mutterleib) ableitet. Barmherzigkeit erhält damit eine physische und emotionale Begleitvorstellung bedingungsloser mütterlicher Liebe. Dieser Aspekt der Liebe ist auch das Ziel der menschlichen Schöpfung, denn "Gott erschafft Menschen, die er liebt und die ihn lieben" (Koran 5:54).

Gott zu lieben bedeutet, seinen Nächsten zu lieben, denn Gott selbst ist im bedürftigen Menschen gegenwärtig. Jedes menschliche Zeugnis erbarmender Liebe gegenüber dem Mitmenschen ist deshalb eine Antwort auf die Liebe Gottes. Diese Spiritualität befähigt den Menschen, das Antlitz des barmherzigen Gottes im Angesicht jedes Menschen zu erkennen und Gott im Mitmenschen zu dienen. Dort, wo man eine Hand der Barmherzigkeit ausstrecken kann, manifestiert sich Gott. Und so wird Barmherzigkeit zu einem gelebten Handlungsprinzip hier und jetzt.


Mouhanad
Khorchide
ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor für Islamische Religionspädagogik an der
Universität Münster.

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