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China hat mit dem Mond große Pläne

Die Landung der Mondgöttin ist nur der spektakuläre Auftakt und dient nicht nur der Wissenschaft. Das Land hat wie alle Großmächte Interesse an den Rohstoffen und an militärischer Präsenz auf dem Mond.

Fast 50 Jahre nach der Apollo 11-Mondlandung mit den ersten Menschen auf dem Trabanten der Erde hat China Raumfahrtgeschichte geschrieben: Die Chinesen haben es geschafft, eine Raumsonde erfolgreich auf der Rückseite des Mondes zu landen. Das meldeten das chinesische Staatsfernsehen CCTV und die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Die nach der chinesischen Mondgöttin benannte "Chang'e 4" setzte am Donnerstag um 3:26 Uhr MEZ am Aitken-Krater in der Nähe vom Südpol des Mondes auf, rund dreieinhalb Wochen nach dem Start am 8. Dezember in Chinas Südwesten.

Chang'e 4 ist die erste Mondsonde überhaupt, die auf der Rückseite des Mondes landete, die der Erde ewig abgewandt ist. Der Mond dreht sich so um die Erde, dass er ihr immer dieselbe Seite zuwendet. Eine Umrundung dauert rund vier Wochen. Innerhalb dieser Zeit bestrahlt die Sonne reihum alle Seiten des Mondes. Bei Vollmond wird die der Erde zugewandte Seite des Mondes erhellt, bei Neumond die abgewandte.

Die Mission ist kein Propagandacoup für die Chinesen, sondern ein extrem riskantes Manöver. Das Terrain auf der erdabgewandten Seite ist nicht so flach wie auf der Vorderseite des Mondes, und zur Rückseite des Erdtrabanten kann keine direkte Funkverbindung aufgebaut werden. Chinas Raumfahrtbehörde CSNA hatte deshalb bereits im Mai einen Relais-Satelliten in die Umlaufbahn des Mondes geschickt, um Signale aus dem Funkschatten übermitteln zu können.

Chang'e 4 unterstreicht die Ambitionen Chinas, im Weltraumrennen nicht nur eine Statistenrolle zu übernehmen. Erstmals wird die Rückseite des Mondes aus nächster Nähe erforscht, und dies, ohne dass die chinesische Mission von auch bester Spionagetechnologie von der Erde aus beobachtet werden kann.
China hatte bereits im Jahr 2013 als dritte Nation nach den USA und der Sowjetunion die Landung eines Rovers auf dem Mond geschafft. Der Spätstarter in der Weltraumforschung holt schnell auf und könnte die Vorherrschaft der USA in der Raumfahrt herausfordern. China plant bis 2022 seine dritte Raumstation vollständig in Betrieb zu nehmen, später in diesem Jahrzehnt Astronauten auf eine Mondbasis zu setzen und Sonden zum Mars zu schicken, die auch Proben der Marsoberfläche zurück zur Erde bringen.

Die Instrumente an Bord der chinesischen Sonde und des mitgeführten Rovers beinhalten Kameras, bodendurchdringendes Radar und Spektrometer, um die Zusammensetzung des Gebietes zu bestimmen, das von einem Meteoriten gebildet wurde. Schon im kommenden Jahr könnte die Mission "Chang'e 5" Mondgestein zur Erde bringen. Bis 2021 will Peking eine wiederverwertbare Trägerrakete entwickeln, die mehr Fracht transportieren kann als die Nasa und das private Raumfahrtunternehmen SpaceX. Die Chinesen wollen zudem herausfinden, ob Gemüseanbau in einer geschlossenen Umgebung bei der niedrigen Schwerkraft möglich ist. Chang'e 4 wurde eigens Saatgut mit auf den Weg gegeben, um herauszufinden, ob Pflanzensamen keimen und auch, ob Seidenraupeneier in der niedrigen Schwerkraft des Mondes schlüpfen.

Der Krater, in dem die Chinesen landeten, ist der älteste und tiefste auf dem Mond, so dass von der Sonde durchgeführte Experimente Einblicke in die Entstehung und Entwicklung des Mondes geben können. Auch soll das umgebende Becken Wissenschaftern zufolge reich an Mineralien sein. China verfolgt langfristig das Ziel, den Mond zu kolonisieren, Rohstoffe zu gewinnen und als riesige Energiequelle zu nutzen. Auch könnte der Ort als Betankungsbasis für zukünftige Missionen dienen, die tiefer in den Weltraum führen.

Bisherige Landungen. SN/APA
Bisherige Landungen.

Die Sonde wird einen etwa 140 Kilogramm schweren Rover freisetzen, der den Krater durchstreifen soll. Im Gegensatz zu vergleichbaren US-Raumfahrtsmissionen hat der chinesische Rover noch immer keinen Namen. Dieser wird mit einem öffentlichen Wettbewerb ermittelt.

Chinas erste Mondlandung vor fünf Jahren, Chang'e 3, war die erste Mondmission seit der sowjetischen Luna 24-Landung im Jahr 1976. Doch der Rover litt unter mechanischen Problemen, übertrug bald nur noch zeitweise Daten und brach den Kontakt zur Erde nach rund 13 Monaten ab. Im vergangenen April verglühte eine chinesische Raumstation, die Tiangong-1, beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, nachdem Chinas Raumfahrtbehörde die Kommunikation mit ihr verloren hatte. Aus Sorge vor einem neuerlichen Gesichtsverlust hielten die Chinesen Details zur Chang'e 4-Mission unter Verschluss. Seit dem Start der chinesischen Mission am 8. Dezember bis zur geglückten Landung herrschte komplette Informationssperre.

Mit seinem Raumfahrtprogramm verfolgt die Volksrepublik nicht zuletzt laut dem Sicherheitsexperten Michael Raska von der S. Rajaratnam School für Internationale Studien in Singapur auch militärische Ziele. Eine starke Präsenz im All werde zunehmend wichtiger für "alles - von der Frühwarnung über Überwachung und Aufklärung bis zur Zielauswahl".

Aufgerufen am 21.10.2021 um 02:06 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/china-hat-mit-dem-mond-grosse-plaene-63455524

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