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Das große Fragezeichen

Die ewige Frage .nach dem Sinn des Lebens: Christoph Schlick hat sie zum Mittelpunkt seines Denkens und seines Berufs gemacht. Das hängt auch mit dem zusammen, was ihm in seinem Leben passiert ist.

Irgendwann stellt sich jeder einmal die Frage, besonders in Krisen: Was ist der Sinn meiner Existenz? Wozu das alles? Warum? "Es geht nicht darum, nach dem Warum zu fragen, sondern nach dem Wofür. Wir können nicht den großen Sinn des Seins erfragen, denn das Sein als solches können wir nicht infrage stellen. Das Sein ist!", schreibt der Lebens- und Unternehmensberater Christoph Schlick. Er weiß annähernd, wofür er lebt und wie er dadurch Sinn erfährt: Im Moment zu bleiben, bei jedem Tun sich darüber bewusst werden, was man tatsächlich erlebt. Sinnerfahrung durch Beziehungen, zu anderen, zu sich selbst und zu einer größeren Kraft.

Bemerkenswert ist seine Haltung vor dem Hintergrund, dass er Brüche erlebt und Leid erfahren hat: Mit 19 Jahren trat er in das Benediktinerkloster Seckau ein, nach 20 Jahren verließ er die Abtei, später heiratete er und wurde Vater. Doch bei der Geburt seiner Zwillinge vor elf Jahren starb ein Mädchen, das zweite ist seitdem körperlich und geistig beeinträchtigt. 2017 verstarb seine Frau auf tragische Weise. Beim SN-Gespräch sitzt aber ein Mann gegenüber, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, der von Grundvertrauen und Liebe zum Leben spricht, davon, dass das Leben ihn liebt.

"Ich versuche, jemand zu sein, der bewusst diese Übergänge erlebt und sich damit auseinandersetzt." Wie hat er die Schicksalsschläge gemeistert? "Ich sage immer etwas spöttisch ,Schlicksalsschläge'. Gemeistert? Ich bin sehr dankbar, dass ich Urvertrauen und Spiritualität aus meiner Familie und dem Kloster mitnehmen durfte. Ich spüre eine starke Verbundenheit. Die stetige Auseinandersetzung hält mich wach und bringt mich zu der Überzeugung: ,Trotzdem zahlt es sich aus.'" Es sei letztlich eine Willensentscheidung, sich nicht zurückzuziehen. "Dazu gehört eine große Liebe zum Leben und ein Verantwortungsgefühl, zum Beispiel gegenüber meiner Tochter. Ich kenne auch den Zweifel, den Grant, aber ich bin dankbar, dass ich immer wieder sagen kann, es ist gut. Das Leben fordert bis an die Grenze, aber das Leben überfordert mich nicht. Man kann zu schwierigen Situationen immer eine neue Einstellung bekommen, sonst bleibt man immer Opfer der Umstände."

Schlick zeichnet auf, wie man mit fünf Zeichen das auf einen Zettel hingeworfene Wort "Opfer" verändert: Dazu braucht es S, C, H, zwei Punkte. Und es steht auf dem Papier: Schöpfer. "Werde ich zum Schöpfer, Gestalter meines Lebens oder bleibe ich Opfer?", lautet Schlicks Frage.

Schon als Kind habe er mit seinen Großeltern und seinem Vater über Gott und die Welt philosophiert. Eigentlich sollte er die Anwaltskanzlei des Vaters in Graz übernehmen, doch er studierte nicht nur Rechtswissenschaften, sondern auch Theologie. Später ließ er sich zum Therapeuten nach der Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor Frankl ausbilden. Ihn hat er bereits im Alter von 16 Jahren bei einem Vortrag kennengelernt - seither hat ihn dieser sinnorientierte Therapieansatz nicht mehr losgelassen. Nun leitet Schlick in Salzburg das von ihm gegründete Sinnzentrum, wo er Menschen dabei unterstützt, ihren Sinn im Leben zu suchen und zu finden.

Die Logotherapie stellt nicht die Defizite oder die Lust des Menschen in den Mittelpunkt, sondern seine Sehnsucht nach Sinn. "Healing by meaning" hat Frankl postuliert. Im Deutschen wird "healing" mit heilen übersetzt, aber im Englischen ist damit mehr das "Ganzwerden" gemeint, mit all den Defiziten und Potenzialen. Frankl hat seinen Ansatz vor der Nazi-Zeit formuliert und musste ihn an sich selbst erproben: Seine erste Frau Tilly Grosser und seine Eltern wurden ermordet, Viktor Frankl überlebte das KZ Auschwitz-Birkenau. Nach solchen grauenhaften Erlebnissen trotzdem den Lebensmut nicht zu verlieren ist ein Zeugnis der enormen Kraft des menschlichen Geistes. Frankls berühmtes Buch "… trotzdem Ja zum Leben sagen" ist eine Aufarbeitung des Traumas und zeigt, wie Leben trotzdem gelingen kann.

Das Wort Sinn kommt aus dem Althochdeutschen ("sinnan") und bedeutet, unterwegs zu sein, auf Reise zu sein. Denn nach dem Lebenssinn zu fragen ist einerseits eine große Frage, andererseits muss man sich im Kleinen auf Spurensuche begeben. Jeder Mensch erfährt Übergänge wie Schulschluss, Jobwechsel, neue Beziehung, Krankheit, Tod von Nahestehenden. Wir sind aber auch gesellschaftlichen Strukturen ausgesetzt, die zu Krisen führen können, etwa sozialer Ungerechtigkeit. Als Therapeut könne man dagegen nicht viel tun, sagt Schlick, aber er könne mithilfe der Logotherapie anbieten, mit seinen Klienten an ihrer Haltung dazu zu arbeiten. Es gehe darum, nicht anhaltend zu hadern, sondern zu erkennen, dass das Leben fragt und man seinen Fähigkeiten, seiner Lebenssituation entsprechend zu antworten hat - und für sein Leben Verantwortung übernehmen muss. "Wer das nicht tut, sich davonstiehlt, wird es schwer in seiner letzten Stunde haben", ist Schlick überzeugt. Sinnleere scheint, allgemein gesagt, ein gesellschaftliches Phänomen zu sein. Seit 1974 fragt das Allensbach-Institut, was als Sinn des Lebens empfunden wird. In den ersten Umfragen meinten nur 26 Prozent, dass dieser Sinn in nichts weiter als im Genuss bestehe. Bis 2001 stieg der Anteil aber auf 52 Prozent.

Gleichzeitig sank die Zahl derer, deren Lebenssinn darin besteht, sich für andere einzusetzen, rapide. Damit scheint der Sinn für immer mehr Menschen ausschließlich im eigenen Glück zu liegen. Fragen nach großen Zusammenhängen und das Ideal, mit dem eigenen Leben zur Verbesserung der Gesellschaft beizutragen, träten vermehrt in den Hintergrund, schlussfolgern die Studienautoren.

Wenn sich aber Sinn im Konsum und im eigenen Ego erschöpft, tritt erst recht Sinnleere auf. Denn Erfüllung findet man nach Frankl vor allem in der Selbstdistanzierung und in der Fähigkeit, über sich selbst hinauszuwachsen: in einer Aufgabe, in Bezug auf das Du und auf sich selbst, in der Spiritualität. Wesentlich ist, vom starken Ego-Bezug wegzukommen, zum Beispiel mithilfe von Humor. Frankl spricht in seinen Schriften auch immer wieder von der "Trotzmacht des Geistes": Der Mensch habe die Fähigkeit des Trotzes gegen widrige Umstände. Normalerweise ist der Antrieb groß, unangenehme Situationen ändern zu wollen, doch nicht immer lassen sich Bedingungen ändern. Eines lässt sich aber ändern: die Einstellung dazu.

Frankl forderte, die Gründe für Sinnmangel so weit wie möglich zu reduzieren. Sein Therapieansatz ist insofern auch gesellschaftspolitisch fordernd. Dies werde dem Einzelnen aber auch schwer gemacht, denn die liberale Marktwirtschaft habe kein großes Interesse an kritischen, in sich ruhenden Bürgern, erklärt Schlick. "Wir haben so viele Möglichkeiten, das Angebot ist so groß und es fällt uns schwer,

Entscheidungen zu treffen und - auch kein populäres Wort - zu verzichten. Es ist schon gut, dass es viele Angebote gibt, aber wo hört es auf?" Außerdem: "Man nimmt sich zu wenig Zeit für sich selbst, Zeit, wo nichts ,passiert'. Und ich glaube, dass wir so viel tun, aber nichts mehr dabei erleben. Es geht darum, Sinnerfahrung im Detail zu machen, zum Beispiel beim Teetrinken. Wie gehe ich in die Natur, welche Beziehungen führe ich?"

Schlick räumt ein, dass es natürlich gänzlich sinnlose Situationen gebe, etwa bei einer Krankheit im schmerzvollen Endstadium. "Das darf und kann sein. Und trotzdem. Ich halte da immer dagegen, denn was ist die Reaktion auf die Sinnlosigkeit? Leiste ich nur Widerstand oder kann ich es akzeptieren? Ich muss die Situation sicher nicht umarmen und lieben, sondern es ist schon viel gewonnen, wenn ich sie zumindest akzeptieren kann, im Sinne von: Mein Leben war nicht toll, aber es war eben mein Leben."

Buchhinweise:
Christoph Schlick: "Schick die Affen spielen. Wie Potenziale realisiert werden können", Kösel Verlag 2018.
Christoph Schlick: "Was meinem Leben echten Sinn gibt. Die wichtigsten Lebensfragen klären", Scorpio Verlag 2017.
Viktor Frankl: "... trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager", erschienen 1946, als Taschenbuch im Pinguin Verlag 2018.

Quelle: SN

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