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Das neue Coronavirus bremst die Reiselust nicht

Nachhaltigkeit ist das Erfolgsrezept gegen Überdruss am Übertourismus und Reisen bleibt ein Grundbedürfnis.

 SN/wolfgang machreich

Reisen ist für viele Menschen wie Essen und Trinken, wie die Luft zum Atmen, wie Freundschaften und Liebe, wie die Freude an Bewegung, wie der Genuss von Kultur und vieles mehr, auf das man im Leben nicht verzichten möchte und kann. "Reisen ist und bleibt ein Grundbedürfnis für die Menschen", sagt Mario Jooss im Gespräch mit den SN. Der Leiter Tourismusforschung an der Fachhochschule Salzburg belegt diese Aussage mit den Ergebnissen einer im Mai dieses Jahres durchgeführten Onlinebefragung von 200 Personen in Österreich und Bayern. Diese Stichprobenerhebung beansprucht keine Repräsentativität, bietet aber ein Stimmungsbild zum Einfluss der Coronakrise auf das Reiseverhalten sowie die Zukunftsvorstellungen für den Tourismus im deutsch-österreichischen Alpenraum.

Dass Covid-19 der Reiselust keinen Abbruch tut, war für Jooss die große Überraschung. 28 Prozent der befragten Personen geben zwar an, pandemiebedingt im Jahr 2020 nicht mehr verreisen zu können oder zu wollen - "gemessen an der Tragweite der Pandemie eigentlich ein niedriger Wert". Doch nur sieben Prozent meinten, sie wollten mittel- und längerfristig seltener verreisen. Im Gegenteil, sagt Jooss: "Knapp 30 Prozent möchten zukünftig sogar häufiger reisen als vor der Coronakrise."

Die Onlinebefragung war Teil des von der FH Salzburg durchgeführten INTERREG-Forschungsprojekts "Qualitätstourismus Alpenraum". Ziel des von der EU geförderten grenzüberschreitenden Projekts ist es, Strategien für eine nachhaltige Entwicklung des Alpentourismus zu erforschen, die von der Tourismuswirtschaft aufgegriffen werden und bei der einheimischen Bevölkerung Akzeptanz finden. "Tourismusgesinnung" heiße das entsprechende Fachwort, das die positive Einstellung der Ortsansässigen gegenüber dem Tourismus beschreibe, erklärt Jooss: "Werden die Gäste von den Einheimischen noch willkommen geheißen oder eher als Belastung wahrgenommen?" Der Tourismusexperte fasst die immer wichtiger werdende Kernfrage für "Tourismus-Hotspots" zusammen: "Ich möchte nicht nur das Beispiel Hallstatt strapazieren, es gibt genug andere Orte, die zeigen, was passiert, wenn die Stimmung in der Bevölkerung aufgrund von Overtourism kippt."

Das vom September des Vorjahres bis Dezember 2021 laufende FH-Forschungsprojekt zur Qualität im Alpentourismus stellt sich diesem Thema und sucht nach Lösungen, um den Überdruss am Übertourismus durch Nachhaltigkeitskonzepte zu vermeiden. Die FH-Umfrage bestätigt diese Tourismus-Leitidee: 72 Prozent der Befragten befürworten eine stärkere Entwicklung in Richtung eines sanften, nachhaltigen Alpentourismus als Gegenentwurf zum Massentourismus. Für Jooss ist das ein Zeichen, dass die vermeintlich überstrapazierte Verwendung des Begriffs "Nachhaltigkeit" dessen Akzeptanz keineswegs schmälert: "Vor allem die Millennials fordern diesen Paradigmenwechsel. Sie wollen einen vitalen, zukunftsfähigen Tourismus."

Auch die coronabedingten Veränderungen im Reiseverhalten zeigen laut Jooss, dass Nachhaltigkeitsaspekte dominieren: Die Hälfte der Befragten will bei Reisen mehr auf Natur und Klima achten, sanften Tourismus wählen und Tourismus-Hotspots meiden. Grenznahe Destinationen und Hygienestandards gewinnen ebenfalls an Bedeutung. 65 Prozent der Befragten sind deswegen auch der Meinung, dass der deutsch-österreichische Alpenraum als Reisedestination mittel- bis langfristig durch die Coronakrise noch attraktiver wird.

Mit Wolfgangsee in Oberösterreich, Berchtesgaden in Bayern und Wagrain/Kleinarl in Salzburg hat das FH-Forschungsprojekt passende Tourismuspartner, um ein grenzüberschreitendes Modell für einen ressourcenschonenden und energieeffizienten Umgang mit den natürlichen und kulturellen Lebensräumen zu entwickeln. Das Thema Mobilität und Verkehr hat dabei einen besonderen Stellenwert. Konkrete Empfehlungen sollen Verkehrsprobleme in den Regionen entschärfen und Anreize für nachhaltige Mobilität schaffen.

Ein weiteres interessantes Ergebnis der FH-Befragung ist, dass Gäste mehr Freude am Urlaub haben, wenn es in den Tourismusbetrieben gute Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter gibt. "Das ist eine Grundvoraussetzung für einen entspannten Urlaub", sagt Jooss. Üben die Tourismusmitarbeiter ihren Job mit authentischer Motivation und Freude aus, steigert das die Urlaubsfreude der Gäste. Generell werden authentische Werte wie Natur, Regionalität, aber auch Sicherheit bzw. Vertrauen in Zukunft eine größere Rolle spielen. "Resonanztourismus", sprich eine intensivere Beziehungserfahrung mit der Natur und Einheimischen, werde an Bedeutung gewinnen, sagt Jooss voraus. Ein Ergebnis der FH-Studie zeichnet sich schon jetzt ab: "Der Alpentourismus der Zukunft wird bewusster und achtsamer sein."

Quelle: SN

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