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Der ewige Student

Nur wenige Studenten machen ihren Abschluss innerhalb der Regelstudiendauer. Christian "James" Weißenböck brauchte bis zu seinem Abschluss sogar stolze 32 Semester - und würde es genauso wieder machen. Manchmal steckt hinter einem langem Studium allerdings die Angst vor dem Leben nach der Uni.

Der ewige Student SN/APA (Archiv)/HELMUT FOHRINGER
Nicht jeder will gerne vom Hörsaal in die Arbeitswelt wechseln (Symbolbild).

Viel Freizeit, ein hohes Maß an Flexibilität und soziale Kontakte machen das Studentenleben laut Christian "James" Weißenböck attraktiv. In seinem Fall sogar so attraktiv, dass er den Fachbereichen Kommunikationswissenschaft und Geschichte von 1994 bis 2010 treu blieb und dadurch als einer der am längsten inskribierten Studenten der Uni Salzburg bekannt wurde.

Zu den typischen Ursachen für Studienverzögerungen zählen Arbeit neben dem Studium, familiäre Belastungen, häufige Prüfungswiederholungen und psychische oder körperliche Erkrankungen, die einen kontinuierlichen Studienverlauf nicht ermöglichen. Häufig wird auch Faulheit als Grund unterstellt. Dieser Vorwurf kann bei Weißenböck nach eigenen Angaben nicht geltend gemacht werden - er hat sich während seiner Zeit an der Uni jahrelang als Studienvertreter, stellvertretender ÖH-Vorsitzender und Vorsitzender der Studierenden-Fraktion "Unabhängige Namensliste" engagiert. "In diesem Zeitraum habe ich mich vorwiegend um die Probleme und Anliegen anderer gekümmert und somit mein eigenes Studium vernachlässigt", sagt er.

Gertrude Meusburger, Psychologin und Leiterin der psychologischen Beratungsstelle für Studierende an der Uni Salzburg, sieht noch einen anderen möglichen Grund für ein außergewöhnlich langes Studium: "Es kann sich um Angst vor beruflicher Verantwortung handeln. Das Leben eines "ewig Studierenden' ermöglicht den Rückzug aus den Anforderungen unserer Gesellschaft."

Leistungsdruck mit Folgen

"Im Studienalltag geht es um Leistung, Funktionieren, Optimieren und Zeit", betont Meusburger. Diesen Ansprüchen immer gerecht zu werden, sei eine Illusion. Tatsache sei, dass spezielle Leistungsideologien, die von den Grundsätzen "alles ist machbar" und "schneller, höher, besser" geprägt sind, Selbstzweifel und Zukunftsängste auslösen können. Dies sei vor allem bei Studenten der Fall, die dem vorgegebenen Tempo nicht entsprechen. In der letzten Studierenden-Sozialerhebung (2011) haben österreichweit etwa 19 Prozent der Studenten über Zukunftsängste berichtet. Meusburger zufolge ist anzunehmen, dass bei der 2015 durchgeführten und noch unveröffentlichten Studie die Werte gestiegen sind.

Die gegenwärtige Situation am Arbeitsmarkt bringt selbst erfolgsverwöhnte Studenten und Absolventen zum Nachdenken. Das Angebot an sicheren Arbeitsplätzen mit angemessener Bezahlung ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, unbezahlte Praktikumsstellen oder nur geringfügig bezahlte Teilzeitstellen sind gemäß Erhebungen des Vereins "Plattform Generation Praktikum" Realität geworden. Eine Studie zur Arbeitssituation von Universitäts- und Fachhochschulabsolventen (ARUFA, 2011) zeigte auf, dass mindestens ein Viertel der Akademiker nach dem Abschluss prekär beschäftigt ist. Diese Entwicklungen bleiben nicht folgenlos für Studenten. Manche lassen sich aufgrund von Zukunftsängsten zu Studienwahlentscheidungen verleiten, die eher ihrem Sicherheitsbedürfnis und weniger ihren tatsächlichen Interessen entsprechen. Andere versuchen möglichst schnell und erfolgreich zu studieren und vernachlässigen Freizeit, Freunde und Familie. Auch Weißenböck räumt ein: "Diese Gedanken hat wohl jeder, wie es nach dem Studium weitergehen soll."

Gute Aussichten

"Ängstliche Menschen sind allgemein empfindlicher gegenüber negativen Einflüssen und reagieren besorgter auf zukunftsbezogene Ereignisse", erläutert Meusburger. Menschen, die psychisch gut belastbar sind, eher extrovertiert und offen für neue Ideen lassen sich daher von negativen Prognosen weniger irritieren. Zukunftsängste treten normalerweise im Verlauf des Studiums bei Prüfungsversagen, Motivationsproblemen und persönlichen Krisen nur vorübergehend auf. Ein dauerhafter Zustand wird daraus glücklicherweise nicht immer. Positive Gedanken sind der erste Schritt in die richtige Richtung. Weißenböck macht es vor und betreibt mittlerweile erfolgreich seine eigene Werbeagentur.

Fünf Tipps gegen Zukunftsangst

von Gertrude Meusburger, Leiterin der psychologischen Beratungsstelle für Studierende an der Universität Salzburg

  • Positiv denken. Die Angst vor dem Ungewissen und vor der Zukunft gehört zu unserem Leben und wir sollten ihr nicht zu viel Raum geben. Negatives auszumalen ist nicht hilfreich, es schwächt und blockiert uns.
  • Kontakte knüpfen. Sich gut zu vernetzen, Informationen einzuholen und der Austausch mit berufstätigen Personen ist wichtig für eine gute Zukunftsperspektive und die Planung der Berufslaufbahn.
  • Selbstbewusst sein. Der Blick auf die eigenen Stärken und das Bewusstmachen, was man bereits im Leben erreicht hat, stärkt das Selbstvertrauen und die Zuversicht.
  • Persönlichkeit weiterentwickeln. Wichtig ist, dass junge Menschen neben dem Erwerb fachlicher Qualifikation die Entwicklung ihrer Persönlichkeit nicht vernachlässigen. Beziehungsfähigkeit, Entscheidungssicherheit, Teamkompetenzen und ein entsprechender Umgang mit eigenen Problemen stärken die Selbstwirksamkeit. Diese Fähigkeiten werden speziell in akademischen Berufen erwartet.
  • Freizeit genießen. Wer sich Zeit für Kreativität, körperliches Wohlbefinden und gute soziale Beziehungen nimmt, eröffnet sich neue Spielräume für das "Querdenken", eine Voraussetzung für neue Ideen, Entwicklungen und interessante Berufswege.

Dieser Beitrag wurde von Studenten der Universität Salzburg im Rahmen einer Lehrredaktion in Kooperation mit den "Salzburger Nachrichten" erstellt.

Quelle: SN

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