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Diagnose Stottern: "Viele Betroffene vermeiden das Sprechen"

Stottern ist die häufigste Sprachstörung bei Erwachsenen und die zweithäufigste bei Kindern. Am heutigen Welttag des Stotterns (22. Oktober) machen Organisationen auf die Probleme der Betroffenen aufmerksam. Der Tag wird seit 1998 weltweit begangen. Ursache des Stotterns sind vor allem genetische und neurologische Faktoren.

Malte Spitz lacht laut, wenn er gefragt wird, ob er Deutschlands bekanntester Stotterer ist. "Ob ich das bin, weiß ich nicht, aber ich bin einer von denen, die offen darüber sprechen", erklärt der Politiker von Bündnis 90/Die Grünen. Gestottert hat der 32-Jährige schon immer. "Es fing im Kindergarten an." Anfangs besuchte er noch Logopäden, später entschied er sich bewusst gegen weitere Therapien. Genügend Selbstbewusstsein spielt mit Sicherheit eine Rolle. Der Buchautor nahm sich vor, sich in seiner Lebensplanung auf keinen Fall einschränken zu lassen. Das ist ihm gelungen. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und hat in seiner Partei hohe Ämter errungen.

Typisch ist das nicht. "Viele Betroffene vermeiden das Sprechen", weiß Alexander Wolff von Gudenberg, Institutsleiter der Kasseler Stottertherapie und Facharzt für Allgemeinmedizin, Stimm- und Sprachstörungen. Aus Angst vor der Blamage würden sich viele Stotterer für eher non-verbale Berufe entscheiden. Der Tag des Stotterns an diesem Samstag soll auf das Problem aufmerksam machen.

Vom Patienten zurm Therapeuten: "Ich musste viel einstecken"

Von Gudenberg, der selbst vom Patienten zum Therapeuten wurde, kennt das Problem: "Ich musste selbst viele Demütigungen einstecken", erinnert er sich. In 25 Jahren hat er zwölf Therapien auf drei Kontinenten besucht. Inzwischen kommt er mit der Krankheit gut zurecht. Er braucht nur manchmal länger, um auf überraschende Fragen zu reagieren, wählt die Wörter bewusst und mit Bedacht.

Von Gudenberg selbst und Spitz gehören zu dem Typ, den von Gudenberg den "Ich will es allen zeigen"-Typus nennt. Traurig sei bei dem Krankheitsbild allerdings, dass Betroffene die Krankheit oft als "traumatisierend" erlebten. "Die Krankheit kann zu anderen Problemen führen, in Extremfällen sogar zu Suizid-Neigung und Alkoholismus", so von Gudenberg.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung stottert, das sind rund 800.000 Deutsche oder mehr als 80.000 Betroffene in Österreich. Die Veranlagung tragen viele Menschen in sich, doch nicht bei jedem wird das Stottern zwangsläufig ausgelöst. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit, beispielsweise die Scheidung der Eltern oder ein Unfall, sind nicht die Ursache des Stotterns, sondern meist nur Auslöser und begünstigen somit das Auftreten der neurologischen Erkrankung.

"Je eher die Krankheit behandelt wird, desto erfolgreicher ist die Therapie", fasst von Gudenberg zusammen, der in seinem Institut in Bad Emstal bei Kassel etwa 300 Patienten pro Jahr behandelt. Eine gute Therapie müsse langfristig erfolgreich sein, denn die Rückfallquote sei hoch. Hat sich das Stottern bis ins Erwachsenenalter nicht gegeben, bestehen nur geringe Aussichten auf vollständigen Rückgang.

"Man sollte sich nicht verstecken"

Für Malte Spitz ist der Umgang mit der Krankheit einfach. "Der sinnvollste Schritt ist, sich nicht zu verstecken", sagt er. Früher habe er wichtige Reden oft zwischen 20 und 40 mal geübt. Vor dem Spiegel, im Stehen, wann immer sich die Gelegenheit bot. "Ich habe wie ein Sportler trainiert." Inzwischen ist er routiniert und spricht flüssig. Nur manchmal holt er Luft oder stellt den Satz um.

Spitz ärgert, dass die Krankheit noch oft ein Tabu sei. Selten werde er offen auf das Stottern angesprochen. Sein Wunsch für die Zukunft ist daher: "Ein normaler Umgang mit Stotterern." Hilfreich wäre es seiner Meinung nach, wenn Medien ganz selbstverständlich Stotterern einen Platz einräumen würden. Beispielsweise als Sprecher in Nachrichtensendungen. Würde dort entspannt mit Betroffenen umgegangen, wäre das auch in der Gesellschaft schnell akzeptiert. Bei von Gudenberg fällt der Vergleich mit den vergangenen Jahrzehnten positiv aus. "Man muss sagen, dass Lehrer inzwischen besser darauf vorbereitet werden, mit Behinderungen umzugehen."

Berühmte Stotterer

Was haben Marilyn Monroe, Bruce Willis und der britische König George VI. gemeinsam? Sie alle haben in der Kindheit gestottert.

George VI. (1895-1952): Der Vater der heutigen Queen war von früher Kindheit an schüchtern und stotterte. Erst mit 30 Jahren half ihm ein Sprachtherapeut, den Makel zu überwinden - der Kinofilm "The King's Speech" zeigt diese Geschichte.

Winston Churchill (1874-1965): Der britische Premierminister soll bei seinen Reden Wörter vermieden haben, über die er hätte stolpern können. Das Churchill-Center in Chicago allerdings behauptet: Der Staatsmann hat nicht gestottert, sondern gelispelt.

Marilyn Monroe (1926-1962): Hollywoods wohl größter Mythos war in seiner Jugend ausgesprochen schüchtern. Marilyns erotische Sprechweise mit den weggehauchten Vokalen soll das Ergebnis eines intensiven Trainings zur Überwindung ihres Stotterns gewesen sein.

Rowan Atkinson (Jahrgang 1955): In der Schule wurde der britische Starkomiker nicht nur wegen seines Aussehens gehänselt, sondern auch, weil er stotterte. Erst mit Beginn seines Ingenieurstudiums in Oxford habe "Mr. Bean" das Problem in den Griff bekommen, heißt es.

Bruce Willis (Jahrgang 1955): Als Therapie gegen das Stottern empfahl man ihm, Theater zu spielen. In Hollywood wurde Willis zu einem der bekanntesten Action-Helden ("Stirb langsam").

Der Welttag des Stotterns

Sprechen ist kompliziert. Alle beteiligten Muskeln müssen zeitlich und räumlich koordiniert werden, das gelingt nicht jedem. Stottern ist die häufigste Sprachstörung bei Erwachsenen und die zweithäufigste bei Kindern. Am Welttag des Stotterns machen Organisationen auf die Probleme der Betroffenen aufmerksam - dieses Jahr unter dem Motto "Stuttering Pride: Respect. Dignity. Recognition." (Stottern mit Stolz: Respekt, Würde, Anerkennung). Betroffenenverbände haben den Tag ins Leben gerufen, seit 1998 wird er weltweit begangen. Ursache des Stotterns sind vor allem genetische und neurologische Faktoren.

Quelle: Dpa

Aufgerufen am 15.11.2018 um 11:29 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/diagnose-stottern-viele-betroffene-vermeiden-das-sprechen-950815

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