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Die Brauerei Stiegl startet ein neues Projekt zur Bodengesundheit

Die Ressource "Boden" gewinnt immer mehr an Bedeutung. Darum hat auch Die Brauerei Stiegl eine zukunftsweisende Bodengesundheitsinitiative gestartet.

Stiegl-Eigentümer Heinrich Dieter und Alessandra Kiener mit Stiegl-Chefbraumeister Christian Pöpperl.  SN/stiegl-www.neumayr.cc
Stiegl-Eigentümer Heinrich Dieter und Alessandra Kiener mit Stiegl-Chefbraumeister Christian Pöpperl.

Für Stiegl beginnt Bierbrauen schon im Boden. Seit einiger Zeit widmet man sich deshalb in Österreichs führender Privatbrauerei intensiv dem Thema Bodengesundheit. Die brauereieigene Ideenschmiede Gut Wildshut - das erste Biergut Österreichs, auf dem in Vergessenheit geratene Urgetreidesorten angebaut, selbst vermälzt und verbraut werden - liefert dafür die perfekte Plattform.

"Boden gut - Bier gut"

Die in den vergangenen Jahren gewonnenen Erkenntnisse lässt die Privatbrauerei nun in ein groß angelegtes, mit zehn Jahren langfristiges Bodengesundheitsprojekt einfließen, über das die SN wie folgt exklusiv berichten.
"Wir machen damit einen Schritt ins Große", formuliert es Stiegl-Chefbraumeister Christian Pöpperl und ergänzt, dass man so die auf Gut Wildshut gewonnenen Erkenntnisse mit den Braugerstenbauern der Erzeugergemeinschaft (EGZ) Zistersdorf im niederösterreichischen Weinviertel gemeinsam weiterentwickle.
"Als wir vor zehn Jahren unsere Zusammenarbeit begannen, haben wir uns angeschaut, welche Kulturen und Sorten am besten ins Weinviertel passen - zum Beispiel auch der Anbau der Wintergerste. Jetzt gehen wir den zweiten Schritt, indem wir ein Projekt zur Bodengesundheit starten. Ziel ist es, die Gesundheit und Fruchtbarkeit des Bodens sowie das Leben im Boden zu verbessern, die Artenvielfalt innerhalb und oberhalb des Bodens zu erhöhen und das für das Klima so schädliche CO2 langfristig im Boden zu binden", erläutert Chefbraumeister Pöpperl.

Nachhältiger Anbau: Anfänge reichen zurückins Jahr 2008

Mit den EGZ-Bauern arbeitet man in der Salzburger Brauerei seit 2008 intensiv zusammen und hat langfristige Verträge abgeschlossen. Mittlerweile bezieht Stiegl mehr als die Hälfte der benötigten Braugerste aus nachhaltigem Anbau direkt von den 300 EGZ-Bauern, "denn diese produzieren ihre gesamte Braugerste nachhaltig", so Pöpperl.

Bodengesundheitsprojekt auf zehn Jahre angelegt

Der Startschuss für das zukunftsweisende Bodengesundheitsprojekt erfolgte bereits 2017 gemeinsam mit 71 EGZ-Bauern auf einer Fläche von 1068 Hektar. "Neu ist daran, dass wir mit hochmodernen Satellitendaten die Bodenzonen ermittelt und entsprechend ihrer Beschaffenheit eingeteilt haben", erklärt Biologe und Erdwissenschafter Konrad Steiner, der die Privatbrauerei wissenschaftlich berät und zudem an der HBLA Ursprung unterrichtet. Zur Ist-Stand-Erhebung wurden Bodenzonen genau und georeferenziert herangezogen, analysiert und dokumentiert. Insgesamt wurden über 560 Bodenproben mit bis zu 20 Einstichen pro Probe gezogen.

"Eine Bodenuntersuchung liefert umso wertvollere Informationen, je genauer die Probenahme geplant wird, um eine repräsentative Bodenprobe zu ziehen. Durch die teilflächenspezifische und georeferenzierte - also mittels GPS - Beprobung kann die Düngerbedarfsermittlung entsprechend der Versorgung der Teilflächen erfolgen. Die Dünger gelangen also verstärkt dort zur Anwendung, wo sie den größten Nutzeffekt erzielen, es können Ertragsreserven erschlossen, die Nährstoffeffizienz erhöht und die Umweltbelastungen möglichst gering gehalten bzw. vermieden werden", berichtet Georg Dersch von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES).

Das Bodengesundheitsprojekt stieß anfangs auf Skepsis

"So wissen wir jetzt genau, wie viel Stickstoff wo notwendig ist. Dadurch erhöhen wir die Stickstoffeffizienz und verringern die Emission des klimaschädlichen Lachgases", zeigt sich Franz Bauer, geschäftsführender Gesellschafter der EGZ, begeistert und erzählt: "Am Anfang waren wir schon ein bisschen skeptisch, haben das Projekt aber dann mit unseren Kindern besprochen. Schließlich sehen wir ja tagtäglich, dass sich die Landwirtschaft durch die klimatischen Herausforderungen massiv verändert. Die Jugend war von Anfang an davon überzeugt, dass das der richtige Weg ist, um das Gerstenbauer-Sein enkeltauglich zu machen."

Und Stiegl-Chefbraumeister Christian Pöpperl ergänzt: "Jeder hat seine Ziele. Die EGZ-Bauern wollen Gerste anbauen und wir Stiegler natürlich Bier brauen. Jetzt schauen wir gemeinsam über den Tellerrand hinaus und tun etwas - auch für die kommenden Generationen."

Regelmäßiges Bodenmonitoring

Mit regelmäßigen Labor analysen soll nun die Gesundung des Bodens über den Projektverlauf gezeigt werden. "Wir gehen von einer erhöhten CO2-Bindung im Boden aus und wollen das fundiert belegen", formuliert Stiegl-Chefbraumeister Christian Pöpperl das langfristige Ziel des Projekts.
Das bis 2027 angelegte Bodengesundheitsprojekt bringt noch viele weitere Vorteile, zum Beispiel die Erhöhung des Humusgehalts im Boden, weniger Emissionen klimaschädlichen Lachgases, die Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit und der Artenvielfalt und auch die Verminderung der Bodenerosion.
Durch die Digitalisierung aller für das Projekt relevanten Daten mit den neuen Tools der Landwirtschaft 4.0 gewährleistet das Projektteam ein bestmögliches Qualitätsmanagement und vor allem die nötige Transparenz.

Fakten zum Bodenverbrauch: Österreich ist Europameister bei der Verbauung von Agrarflächen

• Österreich verliert jährlich 0,5 Prozent seiner Agrarflächen. In 200 Jahren gibt es somit bei Fortschreiten dieser Entwicklung in Österreich so gut wie keine Agrarflächen mehr.

• Österreich hat mit 1,8 m2 die höchste Supermarktfläche pro Kopf. Hier wird in einigen Bundesländern gegengesteuert.
Österreich hat mit 15 Metern pro Kopf eines der dichtesten Straßennetze (Deutschland 7,9 Meter/Kopf, Schweiz 8,1 Meter/Kopf). Dementsprechend kritisch sehen Umweltinitiativen zum Beispiel Projekte wie die Waldviertelautobahn.
Laut Umweltbundesamt gibt es in Österreich 130.000.000 m2 Industriebrachen (mehr dazu nächsten Freitag in den SN).

Die Folgen sind zunehmend dramatisch:
• Der Boden fehlt für den Anbau heimischer Lebensmittel - längst ist die Eigenversorgung nicht mehr gegeben. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) braucht in Europa jeder Mensch 3000 m2 Ackerboden zur Deckung seiner Konsumbedürfnisse, in Österreich haben wir aber nur noch 1600 m2 pro Kopf.

• Der Boden fehlt als CO2-Speicher - die Erderwärmung wird beschleunigt - Dürreperioden nehmen zu.

• Der Boden fehlt als Wasserspeicher - Überschwemmungs- und Hochwasserschäden nehmen dramatisch zu.

• Auch die volkswirtschaftlichen Negativeffekte sind beachtlich: 500.000 Arbeitsplätze sind durch das Verschwinden von Agrarflächen gefährdet. Außerdem ist für den Tourismus ein stark verbautes Land nicht mehr attraktiv.

• Die Tiervielfalt wird gefährdet, da der Boden als Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere verloren geht.

Lösungsansätze sollten in diese Richtung gehen:
• Weitere Sensibilisierung der Bevölkerung aber auch der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger durch Bewusstseinsbildung.

• Monetäre und steuerliche Anreize zur Revitalisierung leer stehender Immobilien.

• Landwirtschaftliche Vorrangflächen, die die Lebensmittelversorgung sicherstellen, sollten gesetzlich unter Schutz gestellt werden.

• Interkommunaler Finanzausgleich:Derzeit verdienen die Gemeinden mit hoher Flächenverbauung durch die Kommunalsteuer deutlich mehr Geld als jene, die unsere Umwelt schonen und weniger Boden verbrauchen. Hier müsse es einen Ausgleich geben, betonen die Experten.

• Überfällig ist auch ein klares Bekenntnis zum öffentlichen Verkehr, da so weniger Fläche verbraucht wird (Steuererleichterungen für die Nutzung des öffentlichen Verkehrs; Einführung einer Grundsteuer für Straßen und strikte Verwendung der Einnahmen für Umweltmaßnahmen).

• Flächen effektiver nutzen: Bei Neubauten mehr in die Höhe und Tiefe bauen. Einfamilienhäuser auf der grünen Wiese vermeiden.

Quelle: SN

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Aufgerufen am 14.12.2018 um 12:29 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/die-brauerei-stiegl-startet-ein-neues-projekt-zur-bodengesundheit-39138067

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