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Fragen der SN-Leser zum Impfstoff: "Wenn man Corona schon hatte, macht eine Impfung keinen Sinn"

Kein Thema treibt die Bevölkerung derzeit so um wie der Coronaimpfstoff. Dem Aufruf, die brennendsten Fragen einzusenden, sind zahlreiche Leserinnen und Leser gefolgt.

Impformationspodcast Ö SN/wizany
Impformationspodcast Ö

Das E-Mail-Postfach quoll über, auf den Social-Media-Kanälen wurde heftig diskutiert. Am Mittwoch hatten die "Salzburger Nachrichten" dazu aufgerufen, Fragen zu dem Coronaimpfstoff einzuschicken. Experte Markus Zeitlinger von der MedUni Wien beantwortet hier einen Teil Ihrer Fragen - und weitere im Podcast "Meine Gesundheit", zu hören:


1. Kann man nach einer Impfung noch infektiös sein?

Das weiß man noch nicht im Detail. Man muss aber bedenken: Der Individualschutz beträgt 90 bis 95 Prozent. Die Indizien weisen jedoch dahin, dass es auch einen Schutz vor Ansteckung und somit in weiterer Folge vor Übertragung auf andere geben wird. Übrigens spiegelt sich das auch in den Zulassungsdokumenten. Alle derzeit zugelassenen Impfungen haben das Ziel, dass Menschen nicht erkranken. Indirekt hofft man bei Corona aber natürlich auf eine gewisse Herdenimmunität.

2. Kann ein mRNA-Impfstoff in das Genom des Menschen eingeschleust werden?

Dazu muss man verstehen, wie unser Körper funktioniert. Das kann man sich wie eine Küche vorstellen. Im Ribosom (=Kochtopf) werden permanent Gerichte produziert - Proteine, aus denen unser Körper besteht. Kochrezepte dazu sind im Zellkern, dem Kochbuch, aufgehoben - in Form der DNA. Wenn ich nun also ein Gericht herstellen möchte, mache ich von dem entsprechenden Rezept eine Kopie ("messengerRNA"), die danach vernichtet wird. Genau so verhält es sich, wenn ich von außen ein Rezept einbringe, wie es beim mRNA-Impfstoff der Fall ist. Ich gehe immer direkt zum Kochtopf, das Kochbuch lasse ich links liegen. Unser Körper hätte keinen Mechanismus dafür, einzelne Kochrezepte in das Kochbuch des Lebens einzuheften.

3. Was weiß man zu den Langzeitfolgen?

Die mRNA bleibt nur Tage bis wenige Wochen im Körper. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass der mRNA-Impfstoff ein schlechteres Langzeitnebenwirkungsprofil hätte als andere Impfstoffe.

4. Wie wird auf Virusmutationen reagiert?

Das Spikeprotein verändert sich wohl relativ langsam. Derzeit gehen wir nicht davon aus, dass wir im Rahmen dieser Pandemie einen anderen Impfstoff brauchen werden.

5. Wenn jemand symptomlos mit Corona infiziert ist und danach geimpft wird, was passiert dann? Kann das einen Super-GAU im Körper auslösen?

Nach derzeitigem Stand wird man vor einer Impfung nicht auf Corona getestet. Aber auch bei jenen etwa 40.000 Personen, die im Rahmen der Zulassung geimpft wurden, war das nicht der Fall. Retrospektiv hat man gesehen, dass einige davon mit Corona infiziert waren. Das Szenario wurde also im Rahmen der Studie schon evaluiert. Da gab es keine Komplikationen.

6. Braucht man noch eine Impfung, wenn man schon mit Corona infiziert war?

Wenn man eine Infektion gehabt hat, ist eine Impfung aus heutiger Sicht nicht sinnvoll. Das kann sich ändern, wenn wir mehr über die Langzeitimmunität gelernt haben.

7. Warum muss man zwei Mal geimpft werden?

Nach der ersten Fahrstunde in der Fahrschule hat man meist noch nicht alles verstanden. Auch das Immunsystem sollte man zwei Mal schulen. Bei Biontech hat der Impfschutz nach der ersten Impfung etwa 50 Prozent betragen, nach der zweiten Teilimpfung 95 Prozent.

8. Welche Gruppen sollten sich nach derzeitigem Stand der Forschung nicht impfen lassen?

Personen, bei denen Impfungen schon einmal schwere allergische Reaktionen hervorgerufen haben, sollten vorsichtig sein. Für Schwangere wird der Impfstoff vorerst nicht zugelassen sein. Zu Personen mit Autoimmunerkrankungen fehlen uns noch die Daten. Aus meiner Sicht besteht hier aber keine Kontraindikation.

9. Was ist über Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bekannt?

Bei Interaktionen mit anderen Arzneistoffen geht es üblicherweise um Stoffwechselinteraktionen. Das heißt, es betrifft Abbauwege im menschlichen Körper - wie jene über die Leber oder die Niere. Diese Stoffwechselwege benutzt der Impfstoff nicht.

10. Wird man nach erfolgter Impfung auf den Mund-Nasen-Schutz und die Abstandsregeln verzichten können?

Am Anfang wird das nicht so sein. Der Impfschutz ist ja nicht zu 100 Prozent gegeben.

Markus Zeitlinger ist Vorstand der Universitätsklinik für klinische Pharmakologie an der MedUni Wien.

Aufgerufen am 15.04.2021 um 08:00 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/fragen-der-sn-leser-zum-impfstoff-wenn-man-corona-schon-hatte-macht-eine-impfung-keinen-sinn-97146505

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