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Jäger nutzten Permafrost zum Kühlen

In Niederösterreich haben Archäologen Teile einer komplexen Steinsetzung freigelegt. Es könnte ein überbautes Fleischversteck sein, das auf eiszeitlichem Permafrostboden errichtet wurde. Arktische Jäger arbeiten heute noch so.

Hoch über dem Kamptal, zwischen dem Heiligenstein und dem Geißberg, schlug vor langer Zeit eine Gruppe von Jägern vermutlich mehrmals ihr Lager auf, um vor allem Rentiere zu jagen und zu verarbeiten.

Rund 23.000 Jahre später, im Sommer 2019, haben Forscher des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) bei Grabungen an der jungpaläolithischen Fundstelle Kammern-Grubgraben nun möglicherweise das Fleischversteck dieser Jäger entdeckt - ein weltweit bisher einzigartiger Fund aus dieser Periode der Menschheitsgeschichte., wie die ÖAW mitteilte.

Zur Erklärung: Die Jüngere Altsteinzeit, das Jungpaläolithikum, ist in Europa geprägt durch das Auftreten des modernen Menschen, des Homo sapiens sapiens. Sie beginnt um 35.000 vor Christus und dauerte bis zum Ende des Eiszeitalters, etwa 10.000 vor Christus.

Seit 2015 leitet Thomas Einwögerer vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der ÖAW mit finanzieller Unterstützung des Landes Niederösterreich die Grabungen. Für den Archäologen ermöglicht der nun entdeckte "Fleischspeicher" wertvolle Einblicke in das Leben und vorausschauende Denken der damaligen Menschen. "Dadurch erfahren wir mehr über die Jagdmethoden der Menschen und den Umgang mit den vorhandenen Ressourcen", sagt er und ergänzt: "Ausgeklügelte Bauwerke mit großen Mengen an herantransportierten Baumaterialien wie Steinen zu errichten, um Fleisch länger geschützt lagern zu können, erforderte für die Jäger und Sammler einen hohen Arbeits- und Zeitaufwand. Der Siedlungsplatz war demnach sehr gut organisiert." Davon zeugen weitere Funde wie Tierknochen, Steinklingen und kunstvoller Schmuck in Form von aufgesammelten Fossilien.

Die Funktion der freigelegten und hervorragend erhaltenen Steinkonstruktion als "Fleischspeicher" liegt laut den Archäologen nahe, da solche auch heute noch von arktischen Jägern angelegt werden und zahlreiche zerschlagene Rentierknochen gefunden wurden. Zur Errichtung des Verstecks wurden auf einer kleinen Erhöhung Steinplatten ausgelegt, Fleischreste geschichtet und die Vorräte mit einer dicken Steinpackung umschlossen. Diese schützte die Nahrung vor kleineren Fleischfressern wie Füchsen und Wölfen und sorgte für eine ausreichende Durchlüftung. Die Kühlung erledigte der eiszeitliche Permafrostboden.

Möglich ist, dass die hoch mobilen Jäger und Sammler Vorräte für Notzeiten anlegten. Denkbar, so die Wissenschafter, sei für den Grubgraben etwa folgendes Szenario: Eine Gruppe von Wildbeutern lauerte einer Herde Rentiere auf und tötete einige Tiere. Feuerstellen wurden angelegt und Unterkünfte aufgebaut. Die Felle wurden vor Ort gesäubert und auf ausgelegten Steinplatten getrocknet. Um das Fleisch längerfristig lagern zu können, errichtete die Gruppe an einer trockenen Stelle des Lagers einen Fleischspeicher und zog weiter.

Einige Zeit später kehrte die Gruppe zurück, errichtete erneut ein Lager und öffnete ihren "Kühlschrank" aus der Steinzeit. Die Freilandfundstelle Kammern-Grubgraben ist eine der wenigen stratigrafisch erfassten Fundstellen vom Ende der letzten Kaltzeit, 24.500 bis 18.000 vor Christus.

Quelle: SN

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