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Mangelware Bioschwein: "Wer Fleisch isst, will billige Ware"

Österreich gilt als Vorreiter im Bereich Bio-Produkte. Aber: Beim Fleisch sind die Konsumenten kaum bereit, einen Aufpreis zu konventionellen Produkten zu bezahlen.

Der Bioanteil im Lebensmittelhandel beträgt bei Rind und Geflügel rund vier Prozent - am unteren Ende der Skala steht das Schwein mit nicht einmal zwei Prozent Anteil. Dabei ist das Schwein aus kulinarischer Sicht des Österreichers Lieblingsnutztier. Rund sieben Prozent aller Frischprodukte im Lebensmitteleinzelhandel werden in Bioqualität gekauft, doch während etwa Eier mit 17,4 Prozent "aufwarten" können, liegt laut AMA der Anteil bei Fleisch und Wurst bei drei bzw. knapp zwei Prozent.

98 Prozent der Schweine aus Nicht-Bio-BetriebenFür die rund drei Millionen Schweine, die in Österreich als Nutztier leben, stellt sich die Situation so dar: Nicht einmal zwei Prozent der österreichischen Mastschweine werden in Biobetrieben gehalten, eine Minderheit der Tiere in einem ihren natürlichen Instinkten am meisten entgegenkommenden Freilandbetrieb - diese gehört somit zu den "oberen Zehntausend" der Rüsseltiere. Die restlichen 98 Prozent erleben ihr kurzes Dasein hingegen in konventionellen Betrieben. Die dortigen Lebensbedingungen werden von Tierschutzorganisationen bemängelt.

Tiere entwickeln Tics und VerhaltensstörungenDort werden die Schwänze der Tiere kupiert, da die Enge der Haltung sonst dazu führen würde, dass sie sich gegenseitig die Schwänze abbeißen würden. Für ihre natürlichen Instinkte, etwa dem Wühlen, ist ebenfalls kein Platz, heißt es von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. "Wer nicht auf Hinweise auf Bio oder Freiland achtet, kann sich somit so gut wie sicher sein, dass er ein Tier isst, das unter Bedingungen gehalten wurde, die nicht ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechen", sagte Kornel Cimer von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten.

Die schlechten Haltungsbedingungen würde daraus resultieren, weil man bisher viel zu wenig auf die Bedürfnisse der Tiere eingegangen sei, sondern rein in wirtschaftlichen Parametern gedacht habe, ergänzte seine Kollegin Sabine Hartmann. "Auch der Konsument entscheidet, denn wenn er vermehrt 'Freiland' kauft, dann wird die Nachfrage steigen und ein Umdenken in der Produktion die Folge sein", hofft man bei Vier Pfoten.

Bio ist "die bessere Alternative"Schweinefleisch aus biologischer Landwirtschaft gilt aus Tierschutzsicht als "deutlich bessere Alternative". Wenngleich bei der Schlachtung der biologisch gehaltene Artgenosse mit seinem konventionell aufgewachsenen wieder zusammentrifft, so ist bis dahin mehr Platz im Stall garantiert und auch ein gewisser Kontakt zu Klimareizen wie Tageslicht. Zudem seien weniger "Eingriffe" an den Tieren erlaubt, und das artgemäße Verhalten kann im Großteil der Fälle besser ausgelebt werden, so gibt es etwas Stroh zum Wühlen für Schweine.

Keine Wertschätzung der Konsumenten"Nur von der Schweinhaltung könnte ein Biobauer nicht leben", ist sich Johann Nolz, von Erzeugergemeinschaft Gut Streitdorf in Niederösterreich sicher. Würde man das Ideal der Tierschutzorganisationen, das Freilandschwein produzieren, wären Kilogrammpreise bei 30 Euro die Regel, sagte der Geschäftsführer für "Zucht von Ferkel und Schwein". Ein Preis, den kaum ein Konsument zu zahlen bereit wäre.

Der niedrige Preis beim Schweinefleisch habe nämlich auch mit der Wertschätzung durch die Kunden zu tun, sagte Nolz: "Wer Schweinefleisch isst, will billige Ware haben. Rind oder Lamm wird hingegen zu besonderen Anlässen gegessen." Die Zahlen der AMA (Agrarmarkt Austria) stützen diese Aussage. Demnach essen die Österreicher rund 63 Prozent Schweinefleisch, Rind mit einem Anteil von 17,9 Prozent nimmt da nicht einmal ein Drittel ein.

Was den Markt in Österreich betrifft, so spricht Nolz von einem Verdrängungswettbewerb mit "Billigware aus Deutschland". Importe würden die heimischen Erzeuger dazu zwingen, ihre Ware wiederum zu exportieren. Die Versorgungsbilanz für Fleisch der Statistik Austria von 2013 zeigt, dass rund 186 Tonnen Schweinefleisch - davon 20 bis 25 Prozent lebende Schweine - aus dem Ausland nach Österreich gekommen sind.

In den Supermärkten sei das Frischfleisch zwar fast zu 100 Prozent aus Österreich, in der Gastronomie schätzt Nolz den Anteil jedoch nur auf 20 bis 30 Prozent. Hier würde das Fleisch über Großhändler bezogen, die Importfleisch im Angebot haben.

Wird zu wenig Bio-Fleisch erzeugt? Biologisch gehaltene Schweine und ihre noch privilegierteren, weil ganz nach ihren Bedürfnissen gehaltenen, Freiland-Kollegen sind eine große Minderheit. Angeboten werden ihre Produkte trotzdem nicht nur in Spezialgeschäften, sondern auch im regulären Lebensmittelhandel, ob als Frischfleisch, Wurst oder Würste. Jedoch sind die "glücklichen Schweine" nach wie vor ein Minderheitenprogramm.

"Wir führen Bioschweinefleisch seit nunmehr genau zehn Jahren", sagte Nicole Berkmann, Sprecherin der Spar-Gruppe. "Während sich Bio-Rindfleisch gut entwickelt - von der Nachfrage her - ist beim Bioschweinefleisch eine nur sehr kleine Entwicklung feststellbar."

Wie bei den Erzeugern wird auch hier der Preisunterschied zum konventionellen Fleisch geltend gemacht, der mit plus 50 Prozent deutlich höher als beim Rind (plus 30 Prozent) ausfällt. "Trotzdem wäre die Nachfrage höher als das, was wir derzeit verkaufen können. Dass es so ist, liegt aber daran, dass wir vonseiten der Landwirtschaft nicht mehr bekommen. Es wird einfach zu wenig Bioschweinefleisch erzeugt", erläuterte Berkmann, die angab, dass der Anteil von Bio-Schweinefleisch gesamt unter einem Prozent vom Gesamtfleischumsatz liegt. Bauern würden die Umstellung auf Bio scheuen, da Stallumstellungen bei Schweinen deutlich aufwendiger als bei Rindern wären - "und das wollen nur wenige tun."

Die Rewe-Gruppe gab auf Anfrage bekannt, rund 16.000 Schweine jährlich unter der Bio-Marke "Ja! Natürlich" zu verarbeiten, davon sind rund 25 Prozent Freilandschweine, die restlichen Tiere bezeichnet der Konzern als "Strohschweine". Das Projekt der Freiland-Schweinehaltung wurde bereits vor mehr als zwölf Jahren mit rund einem Dutzend Schweine-Bauern und wissenschaftlich vom Institut für Bodenkultur unterstützt.

"Das Leben in freier Natur entspricht ganz den Bedürfnissen der Tiere, die ihr lebhaft verspieltes und neugieriges Temperament in sozialen Gemeinschaften ausleben können", sagte Rewe-Pressesprecherin Ines Schurin zu den im Waldviertel angesiedelten Tieren.

Quelle: APA

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