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Omikron-Subvariante BA.2: "Erste Analysen zeigen keinen Unterschied bei Hospitalisierungen"

Der Omikron-Untertyp BA.2 breitet sich in Norwegen, Schweden und Großbritannien zügig aus und hat in Dänemark schon der bisherigen Omikron-Variante BA.1 den Rang als dominante Form abgelaufen. Auch in Österreich ist BA.2 bereits nachgewiesen worden. Was über die Subvariante von Omikron bekannt ist.

BA.2 weist erneut viele Veränderungen im S-Protein auf SN/APA/THEMENBILD/ROLAND SCHLAGER
BA.2 weist erneut viele Veränderungen im S-Protein auf

Das Genom von SARS-CoV-2 ist beachtlich: 30.000 RNA-Bausteine besitzt dieses Coronavirus. Diese 30.000 Buchstaben werden bei jeder Vermehrung kopiert. Dabei entstehen Fehler. Der Großteil dieser Mutationen ist bedeutungslos, manche bringen dem Virus jedoch einen Vorteil - und setzen sich daher durch. "Jeden Monat beobachten wir durchschnittlich zwei weitere Mutationen in sequenzierten Coronavirusproben", sagte Virologe Andreas Bergthaler von der MedUni Wien und dem Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Da verwundert es nicht, dass nun auch innerhalb der Omikronvariante offenbar der Verdrängungswettbewerb begonnen hat: Bisher wurden drei Subvarianten von Omikron beobachtet: BA.1, BA.2 und BA.3.

In Dänemark steigen die Fallzahlen mit BA.2

In Dänemark wird seit Beginn der Pandemie viel sequenziert. Dort beobachtet man: Während die Fälle mit BA.1 zurückgehen, steigen die Infektionen mit dem Omikron-Subtyp BA.2 jedoch an. In einigen anderen Ländern wie Schweden, Indien, Philippinen oder Singapur zeige sich ein ähnlicher Trend, sagt Bergthaler. Auch in England steigt der Anteil von BA.2 von niedrigem Niveau weiter an.

In Österreich wurde BA.2 durch die systematischen Analysen von Proben aus Kläranlagen Anfang Jänner bereits nachgewiesen. "Wir haben das Signal in drei Kläranlagen gesehen", sagt Bergthaler. Am Montag sollten neue Analyseergebnisse vorliegen.

Unterschiede in 18 Mutationen

"Es ist aber noch unklar, welche Eigenschaften von BA.2 durch die zusätzlichen Mutationen tatsächlich verändert sind", sagt Bergthaler. Die klinischen Anhaltspunkte sind noch sehr vage.

Viel sei über die erneut veränderte Spielart noch nicht bekannt, sagte auch Ulrich Elling, Genetiker am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), zur Nachrichtenagentur APA. Das Spikeprotein der beiden Subtypen unterscheidet sich jedoch deutlich - konkret in 18 Mutationen. Zum Vergleich: Die Deltavariante hat im Spikeprotein insgesamt nur acht Mutationen gegenüber dem ursprünglichen Virus.

BA.2 weise in der rezeptorbindenden Domäne viele Mutationen auf, sagt Elling - also gerade jenem Teil des Spikeproteins, mit dem der Erreger an menschliche Zellen andockt und auf den viele Antikörper abzielen. Denkbar sei also, dass BA.2 einem aufgebauten Immunschutz noch besser entkommen könne. Das könne bedeuten, dass Menschen, deren Immunität eine Infektion mit BA.1 noch abwehren konnte, vielleicht vor einer BA.2-Infektion weniger gefeit sind.

Was über die Infektiosität bekannt ist

Eine weitere Erklärung für die steigenden Fallzahlen mit BA.2 in manchen Ländern könnte sein, dass BA.2 noch infektiöser sein und sich schneller vermehren könnte. Das sei denkbar, da es ganz neue, aber insgesamt weniger Mutationen in der "komplett unterschiedlichen" N-Terminale (NTD) gegenüber BA.1 aufweise, erklärt Elling. Die NTD sind die drei Spitzen des von oben betrachteten Spikeproteins. Diese Strukturen sind für das Verschmelzen von Virus und menschlicher Zelle verantwortlich. Die vielen dortigen Veränderungen in BA.1 könnten für diesen Abkömmling einen Nachteil bei der Vermehrung darstellen, mit dem BA.2 womöglich weniger zu kämpfen hat.

"In England schätzt man, dass sich die Variante zwei Mal schneller verbreitet als BA.1", sagte Virologe Bergthaler. Die Ursache für die starke Verbreitung sei aber noch unklar.

Hospitalisierungen bei BA.1 und BA.2 in ersten Analysen gleich

Bezüglich der Gefährlichkeit des neuen Subtyps gibt es eine erste Entwarnung aus Dänemark: "Erste Analysen zeigen, dass es zwischen BA.1 und BA.2 keinen Unterschied bei den Hospitalisierungen gibt", meldete das dänische Statens Serum Institut, das zentrale Labor und Zentrum des dänischen Gesundheitsdienstes. Die Analysen seien jedoch erst am Beginn und es werde weitere Studien, auch zur Neutralisationsfähigkeit von Antikörpern, geben. "Es ist anzunehmen, dass Impfungen auch bei BA.2 einen schützenden Effekt vor schweren Infektionen haben", vermeldete das Institut.

"Omikron verläuft im Schnitt milder, weil es großteils geschützte Personen infiziert", ergänzte Genetiker Ulrich Elling. Das werde voraussichtlich bei BA.2 nicht viel anders sein, erwartet der Wissenschafter. Auch Bergthaler schlägt in diese Kerbe: Für Aussagen zur Wirksamkeit der Impfstoffe bei BA.2 sei es noch zu früh. "Mir scheint es jedoch plausibel, dass die bisherigen Impfstoffe auch bei BA.2 gegen schwere Verläufe schützen werden."

Wird BA.2 dominierend werden?

Erste Daten dazu, ob BA.2 die Führung übernehmen wird, könnte es in der kommenden Woche geben. "Es ist aber davon auszugehen", sagte Elling. Daher sollte man sich genau ansehen, was seinen Vorteil ausmacht. Wenn sich die neue Untervariante nun in Dänemark oder Großbritannien durchsetzt, könne die Omikronwelle zu einer Art "Doppelschlag" werden. Wer allerdings die erste Variante abbekommen hat, werde sich eher nicht mit BA.2 infizieren, schätzt der Forscher.

Immunität durch T-Zellen als zweiter Schenkel der Immunantwort

Wohin die Entwicklung des Coronavirus insgesamt geht, sei "noch unvorhersehbar". Damit SARS-CoV-2 letztlich endemisch wird, braucht es vor allem ein Immunsystem, dessen T-Zellen den Erreger in möglichst verschiedenen Erscheinungsformen erkennen.

Die T-Zellen sind eine Gruppe der weißen Blutkörperchen, deren Aufgabe es ist, neue Bedrohungen zu erkennen und die erworbene Immunantwort voranzutreiben. Sie können flexibler auf ein Virus reagieren als die in der Regel spezifischer ausgelegten Antikörper. Mit jeder Konfrontation durch Impfung oder Infektion baut das Immunsystem aber eine breitere Antwort auf und die Wahrscheinlichkeit für immer mildere Verläufe steigt. Genetiker Ulrich Elling: "Dass die T-Zell-Immunität vermutlich über alle Varianten hinweg recht gut funktioniert, macht Hoffnung."

Aufgerufen am 18.05.2022 um 06:13 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/omikron-subvariante-ba-2-erste-analysen-zeigen-keinen-unterschied-bei-hospitalisierungen-115831195

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