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Roboter "Pepper" hilft im Altenheim

Schon jetzt herrscht Fachkräftemangel in der Altenpflege. Können Roboter oder andere technische Lösungen Fachkräfte entlasten oder gar ersetzen? Der Roboter Pepper arbeitet seit kurzem an der Universität Siegen. Ein Uni-Team macht ihn fit für seinen Einsatz im Altenheim.

„Pepper“ ist so konstruiert, das Menschen keine Angst vor ihm haben.  SN/APA/dpa/Julian Stratenschulte
„Pepper“ ist so konstruiert, das Menschen keine Angst vor ihm haben.

Er kann Pantomime spielen, High Five geben, tanzen und Witze reißen. Dabei ist Pepper ein Roboter. 1,20 Meter ist er groß und bewegt sich auf Rollen. Seine großen Augen sehen freundlich aus und leuchten in verschiedenen Farben. Er ist extra kindlich konstruiert, damit Menschen keine Angst vor ihm haben. Wenn man ihm über den Kopf streichelt, fängt er an zu kichern und spricht: "Ich bin heute so kitzelig." Pepper ist seit zwei Monaten im Forschungswohnzimmer an der Universität Siegen zu Hause. Bald könnte er in Pflegeheimen zum Einsatz kommen und Bewohner mit Musik und Pantomime unterhalten oder zu Bewegungsübungen anleiten. Das von Informatikern der Universität Siegen programmierte Gerät soll auch eine gesellschaftliche Diskussion über den Einsatz von Robotern in der Pflege anregen.

"Pepper" geht auf Tournee

Von Dienstag an macht "Pepper" auf seiner Deutschland-Tour Station bei der dreitägigen Messe Altenpflege in Hannover, die das Thema Digitalisierung als Schwerpunkt hat.

Pepper hat Sensoren am Kopf und an den Fingern, kann hören, sehen, sprechen und sogar Stimmlagen und Emotionen erkennen. Entwickelt wurde der Roboter in Frankreich, dann nach Japan verkauft und auf den Massenmarkt gebracht. In der japanischen Sprache fühlt er sich deshalb am wohlsten. In Siegen lernt Pepper, wie er auch im Deutschen auf Alltagssituationen reagieren kann. In Japan ist der menschenähnliche Roboter bereits auf dem Markt und unterhält Senioren zum Beispiel mit Tai-Chi oder Ratespielen. Dort seien die Veränderungen schon viel weiter vorangeschritten, sagt Rainer Wieching, der das gemeinsame Projekt der Universität Siegen, der Computerfirma C&S und der Fachhochschule Kiel koordiniert. Auch weil in Japan die Bevölkerung extrem überaltert ist, sollen dort verstärkt Maschinen Betreuungsaufgaben übernehmen. Schon länger im Einsatz ist etwa eine Roboterrobbe mit kuscheligem Fell, eine Art Haustierersatz für Altenheim-Bewohner.

Die Bewohner des Altenheims waren am Anfang skeptisch

Einen ersten Besuch hat Pepper dem Marienheim in Siegen-Weidenau schon abgestattet. Die Heimleitung und das Pflegepersonal waren sofort begeistert, die Bewohner am Anfang eher skeptisch. Spätestens nachdem Pepper das Alter der Senioren erraten sollte und manchmal um ein paar Jahrzehnte daneben lag, war das Eis gebrochen. "Die Erfahrung zeigt, dass die Senioren sehr schnell neugierig werden und merken, dass sie Spaß mit Pepper haben können und dadurch steigt sofort die Akzeptanz", erzählt Rainer Wieching. Wenn Pepper zum Beispiel anfängt zu tanzen, schauen sich die Senioren die Bewegungen ab und machen dann lachend die Armbewegungen oder Tai-Chi Übungen nach. "In Gesprächen mit den Senioren und den Pflegekräften haben wir erfahren, dass die älteren Menschen vor allem Gedächtnis-Spiele ausprobieren möchten, um sich die Zeit zu vertreiben. Also haben wir extra für diese Bedürfnisse etwas programmiert", erklärt Wieching. Studenten haben die Funktionen dafür entwickelt. "Uns ist besonders wichtig, dass wir immer vorab mit den Nutzern sprechen, um deren Bedürfnisse und Alltagspraktiken zu erfahren. Wir können uns nur bedingt in ihre Welt hineinversetzen, also sagen die Senioren und Pflegekräfte uns, was sie sich wünschen und was ihr Leben einfacher machen kann."
Pepper soll nicht nur gute Laune verbreiten. Er soll den Senioren in Zukunft auch dabei helfen, körperliche Übungen zur Prävention von Stürzen durchzuführen. Der Roboter soll die Senioren aktiv ansprechen und zum Mitmachen motivieren, die Übungen erklären und mit positiven Kommentaren oder Tipps helfen.

Pflegekräfte haben Angst, dass sie den Arbeitsplatz verlieren

Generell seien Japaner Robotern gegenüber anders eingestellt als Deutsche, sagt Wieching und erklärt die kulturellen Unterschiede: "Viele Japaner glauben, dass auch Dinge eine Seele haben können, Roboter also auch. Deutsche fühlen sich eher durch die Technik bedroht und haben Angst, dass der Roboter wie im Science-Fiction Film dem Menschen gefährlich werden kann." Viele Pflegekräfte hätten auch Bedenken, dass die Roboter ihnen Arbeitsplätze wegnehmen würden. "Wir wollen Pflegekräfte niemals ersetzen", sagt Wieching. Roboter und Menschen sollten vielmehr hybride Teams bilden und sich gegenseitig ergänzen.
Damit das klappt, müssten die Pflegekräfte den Roboter einfach und schnell über eine App auf die Bedürfnisse der Patienten einstellen können. Der Roboter muss sich gegenüber einer dementen Person zum Beispiel anders verhalten als bei jemanden, der nicht mehr gut gehen kann. "Das Ziel muss sein, dass Laien ohne Programmier- oder IT-Kenntnisse Pepper bedienen und konfigurieren können", meint der Projektleiter. Daran arbeiten er und sein Team.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Pflege zu unterstützen

"Der Roboter kann den Menschen nicht ersetzen", betont auch Lukas Sander, Pflegeexperte beim Messeveranstalter Vincentz Network. Bei den digitalen Angeboten auf der Messe überwiegen Hilfen, die den Alltag erleichtern. So gibt es Systeme, die an die Medikamenten-Einnahme erinnern. Ein intelligentes Pflegepflaster erkennt über Sensoren die Gefahr des Wundliegens und benachrichtigt das Personal. "Absolut im Kommen ist auch das sogenannte Smart Home", sagt Sander. Damit gemeint sind Assistenzsysteme, die Senioren unterstützen, um möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben zu können.

Bereits Preise eingeheimst hat der interaktive Therapieball des Start-up-Unternehmens Ichó. Die in verschiedenen Farben leuchtende Kugel unterscheidet, ob sie geworfen, gehalten oder gestreichelt wird. Man kann sie auf die individuellen Bedürfnisse des Nutzers einstellen. Steffen Preuß, Absolvent der Hochschule Düsseldorf, hat Ichó mit zwei Kommilitonen gegründet. Hintergrund war die Demenzerkrankung seiner Großmutter. Mit dem Ball sollen Demenzkranke spielerisch Kontakt untereinander oder zu Angehörigen aufnehmen. Es gebe auch schon Anfragen aus Therapieeinrichtungen für behinderte und psychisch kranke Menschen, sagt Preuß. Ende 2018 soll der Ball auf den Markt kommen.

Wie die Pflege von morgen technisch unterstützt werden kann, ist eine zentrale Frage. Unter wissenschaftlicher Begleitung erprobt wird dies seit Jahresbeginn auch in vier sogenannten Pflegepraxiszentren in Hannover, Freiburg, Nürnberg und Berlin.

Roboter "Pepper" könne und solle keine echten pflegerischen Tätigkeiten wie Waschen, Kämmen oder Ankleiden ausführen, betont Projektleiter Wieching. Es sei extrem wichtig, jetzt in Gesellschaft und Politik ethische und rechtliche Fragen zu Pflegerobotern zu beantworten.

Quelle: Dpa-U.k.

Aufgerufen am 20.09.2018 um 12:40 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/roboter-pepper-hilft-im-altenheim-25054450

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